Barclays-Chef Bob Diamond ist im Zusammenhang mit einem weltweiten Zinsskandal mit sofortiger Wirkung zurückgetreten. Dies kündigte die drittgrößte britische Bank am Dienstagmorgen an. Am Montag hatte bereits der Chef des Barclays-Verwaltungsrats, Marcus Agius, seinen Rückzug angekündigt. Der scheidende Agius soll nun die Suche nach einem Nachfolger für Diamond leiten. Barclays-Aktien verloren in London zunächst mehr als drei Prozent, drehten dann aber ins Plus und lagen im frühen Geschäft rund zwei Prozent höher.
Der externe Druck auf Barclays habe ein Niveau erreicht, das für den Ruf schädlich zu werden drohe, erklärte Diamond. Er stand heftig in der Kritik, auch nach dem Rückzug von Agius. Die britische Regierung begrüßte die Entwicklung. Finanzminister George Osborne sagte, dies sei eine richtige Entscheidung für Barclays.
Der Skandal um Zinsmanipulationen zieht damit immer größere Kreise. Barclays war vergangene Woche zu einer Strafe von fast einer halben Milliarde Dollar verdonnert worden, weil es die ermittelnden Behörden in Großbritannien und den USA als erwiesen ansahen, dass das Institut Marktzinsen manipuliert hat. Die Bank hat als erstes Geldhaus ein Fehlverhalten einiger Händler eingeräumt. An der Börse ging anschließend die Angst um, dass sich der Skandal ausweiten könnte.
Cameron verspricht Untersuchungsausschuss
In den seit Monaten laufenden Untersuchungen gegen mehr als ein Dutzend Großbanken, darunter auch die Deutsche Bank und die UBS, geht es um den Vorwurf der Manipulationen des weltweit gültigen Interbanken-Zinssatzes Libor. Dieser täglich in London fixierte Satz dient als Referenz für Kredite von Privatleuten und Unternehmen, Derivate sowie andere Finanzprodukte im Gesamtvolumen von 360 Billionen Dollar. Er basiert auf den Daten mehrerer Großbanken, die diese täglich abliefern.
Den Instituten wird vorgeworfen, dass sie von 2005 bis 2009 absichtlich falsche Angaben gemacht haben, um die eigenen Handelsgewinne in die Höhe zu treiben und die wahren Refinanzierungskosten zu verschleiern. Die britische Finanzaufsicht FSA machte am Montag deutlich, dass es sich bei Barclays nicht um einen Einzelfall handele. Außerdem forderte sie die Geldhäuser nach dem Vorfall auf, das öffentliche Vertrauen in die Branche wieder herzustellen.
Der britische Premierminister David Cameron versprach die Einrichtung eines Untersuchungsausschuss, vor dem die beteiligten Bankmanager unter Eid aussagen sollen. Das Gremium soll aus Vertretern beider Parlamentskammern bestehen und vollen Zugang zu sämtlichen Unterlagen erhalten. Die Regierung steht seit der Finanzkrise unter zunehmenden Handlungsdruck, weil die Steuerzahler für die Rettung der Kreditinstitute zur Kasse gebeten wurden. Finanzminister George Osborne stieß ins gleiche Horn und forderte umfassende Änderungen in dem Sektor. Er werde prüfen lassen, ob Top-Banker künftig für kriminelle Machenschaften der Mitarbeiter verantwortlich gemacht werden könnten.
Agius entschuldigt sich
In der vergangenen Wochen öffentlich gewordene Unterlagen zeigen, dass Barclays-Mitarbeiter fälschlicherweise davon ausgegangen sind, dass die Bank of England die falschen Zinsangaben erlaubt habe. Dieser Eindruck sei entstanden nach einem Gespräch Diamonds mit dem Vize-Gouverneur der Notenbank, Paul Tucker, sagten Insider. Bei den Anhörungen vor dem Parlamentsausschuss am Mittwoch und Donnerstag dürften auch hierzu Fragen kommen.
Barclays will in einer internen Untersuchung nun herausfinden, wie es zu den Missständen kommen konnte. „Es tut mir wirklich sehr leid, dass unsere Kunden, Mitarbeiter und Aktionäre so enttäuscht wurden“, erklärte Agius, der das Amt fünfeinhalb Jahre inne hatte. Er ist wie Diamond ein Investmentbanker.
Reuters/nbo

