Als Günter Kugler 1995 den Hutzelhof in der Oberpfalz eröffnete, hätte er wohl nicht gedacht, dass er knapp zwei Jahrzehnte später ausgezeichnete Geschäfte machen würde – mit sogenannten Ökokisten: Grünen Plastikboxen voller Gemüse, Obst, Salate und Kräuter.
Alles, was in die Kisten kommt, stammt aus kontrolliert biologischem Anbau . Es ist etwa die Hälfte der verkauften Waren aus der Region rund um Kuglers Hutzelhof im Südosten der Republik. Dort bekommen inzwischen Woche für Woche gut 2000 Haushalte Kuglers Ökokisten von Mitarbeitern des Hutzelhofs direkt an die Tür geliefert.
Das Geschäft mit den Gemüsekisten boomt – nicht nur bei den Kuglers. Rund 45.000 Haushalte lassen sich nach Angaben des Verbands Ökokiste inzwischen regelmäßig Bioprodukte von einem der 50 Verbandsmitglieder an die Tür liefern.
Günter Kugler, der den Verband mitgegründet hat, ist heute einer von insgesamt etwa 400 Anbietern in ganz Deutschland. Seinen Schätzungen zufolge erwirtschaften sie inzwischen mindestens 100 Millionen Euro im Jahr mit ihren Lebensmittel-Lieferdiensten. Die Angebote funktionieren nach denselben Grundprinzipien, egal ob sie „Öko-Kiste“ oder „Bio-Kiste“, „Gemüsekorb“ oder „Gemüse-Abo“ heißen. Wer auf der Internetseite des Anbieters ein Abonnement abschließt und in dessen Einzugsgebiet lebt, bekommt solange regelmäßig Bio-Lebensmittel an die Tür geliefert, bis er kündigt. Kündigungsfristen gibt es in der Regel nicht.
Wie häufig geliefert werden soll, lässt sich ebenso frei bestimmen wie der Inhalt der Kiste. Das Grundsortiment besteht aus Gemüse und Obst, auf Wunsch gibt es in vielen Fällen Backwaren, Eier, Fleisch- und Milchprodukte dazu.
Bei einigen Anbietern können sogar mehrere Tausend Produkte dazubestellt werden – Säfte, Nudeln, Kekse und sogar Kosmetika. Viele Lieferanten legen außerdem kostenlose Rezepte und „Hof-Mitteilungen“ bei – so entsteht ein Bezug zwischen Verbraucher und Erzeuger. All das klingt komfortabel, sympathisch und naturverbunden – doch der Service hat seinen Preis.
Ein Vergleich von "Morgenpost Online“ unter neun Kisten-Anbietern mit drei Bio-Supermärkten zeigt, dass das Obst und Gemüse in den Kisten sowohl im Sommer als auch im Winter im Schnitt knapp 20 Prozent teurer ist als vergleichbare Produkte im Bio-Supermarkt.
Wer etwa beim Anbieter „Landkorb“ in Berlin bestellt, zahlt für ein Kilo Bio-Lauch 3,10 Euro – im Bio-Supermarkt müsste er für die gleiche Menge 2,49 Euro bezahlen. Bei einigen Anbietern beträgt der Preisaufschlag manchmal sogar mehr als 40 Prozent – Liefergebühren schon eingerechnet. Neben den Preisen haben die Lieferdienste oft eine weitere Schwäche.
Nur in den seltensten Fällen leisten sie einen nennenswerten Beitrag zum Umweltschutz, kritisiert Ulrich Hamm, Professor für Agrar- und Lebensmittelmarketing an der Uni Kassel. Die Mitglieder des Verbands Ökokiste legen bei der Auslieferung im Schnitt etwa 2,2 Kilometer pro Haushalt zurück, bei vielen der bundesweit rund 400 Anbieter dürfte die Kilometerzahl noch höher liegen.
Ein durchschnittlicher Kistenabonnent müsste also auf mindestens 2,2 Kilometer Einkaufsfahrt pro Woche verzichten, damit das Gemüse-Abo durch die zusätzliche Fahrt nicht die Umwelt belastet. Dass dies tatsächlich den meisten Kunden gelingt, bezweifelt Ulrich Hamm, der sich intensiv mit den Einkaufsroutinen der Öko-Konsumenten beschäftigt hat.
Nicht einmal die Hälfte der Ware aus der Region
In vielen Abo-Kisten finden sich außerdem längst nicht so viele Lebensmittel aus der Nachbarschaft, wie die Werbebotschaften der Anbieter glauben machen wollen. Einen Anhaltspunkt liefern die Mitglieder des „Ökokisten“-Verbands, die regelmäßig melden müssen, wie viel Umsatz sie mit Regionalware machen: Nur bei etwa 30 der gut 50 Betriebe stammten im Jahr 2010 mindestens 50 Prozent der gehandelten Produkte vom Anbieter selbst oder aus einem Umkreis von 200 Kilometern.
Regional ist also bei vielen Anbietern nicht einmal die Hälfte der Ware. Der Rest wird zugekauft – oft von jenen Bio-Großhändlern, die auch Bio-Supermärkte beliefern. Wer eine Abo-Kiste bestellt und nicht ausdrücklich nur Produkte aus der Region wünscht, bekommt vor allem in der kalten Jahreszeit also auch regelmäßig Obst und Gemüse aus Südeuropa. Die Umweltbilanz dürfte da kaum besser sein als die von Produkten aus dem Supermarkt.
Der Umwelt-Vorteil regionaler Produkte ist noch aus einem weiteren Grund umstritten. Je regionaler die Lebensmittel, umso kürzer seien zwar die Transportwege zwischen Erzeuger und Händler, sagt Forscher Hamm. Ein Großteil der Supermarktware werde aber mit großen Lastern transportiert – und die verbrauchen pro Kilo Gemüse viel weniger Sprit als der kleine Transporter eines Ökobauern.
Eine Biogurke, die in Italien gewachsen ist und im Supermarkt im Regal liegt, kann also eine bessere Ökobilanz aufweisen als die Gurke vom Bio-Bauern, die mit einem Kleintransporter 20 Kilometer weit zum nächsten Wochenmarkt gekarrt wurde.
Immerhin: Fast alle Kisten-Lieferdienste bieten nur Produkte an, die mindestens ein EU-Bio-Siegel haben. Das bedeutet unter anderem: Die Erzeuger werden staatlich geprüft, müssen ihren Tieren mehr Platz bieten als konventionelle Betriebe und dürfen weder Gentechnik noch chemische Pflanzenschutzmittel oder Mineraldünger verwenden. Viele Produkte, die sich in den bunten Kisten finden, entsprechen sogar den Bioland- oder Demeter-Regeln. Letztere sind besonders streng und lassen beispielsweise nur biologisches Tierfutter zu.
Konventionelle Produkte ohne Bio-Siegel landen bisher fast nirgendwo in den Ökokisten. Vermutlich würde sich das auch nicht lohnen, sagt Günter Kugler vom Verband Ökokiste. Wer die Ökokiste ordere, tue das eben nicht, um zu sparen, sondern weil ihm gesunde Ernährung und der Komfort etwas mehr wert ist.
Wer dazu noch die Umwelt schonen will, sollte allerdings nur regionale und saisonale Produkte auswählen, auf ein dichtes Liefernetz des Anbieters achten und prüfen, ob er dank der Kiste auch wirklich auf Einkaufsfahrten mit dem Auto verzichten kann.





