Konsumkredite

Deutsche Frauen am Rande der Schuldenfalle

Die Zahl der Frauen, die einen Konsumkredit aufnehmen, steigt immer stärker. Bei den Banken sind sie als Kunden aber beliebter als Männer.

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Sie sieht das ganz pragmatisch: Sie will studieren, doch für Gebühren und Lebensunterhalt fehlt das Geld. Die junge Frau ist mit ihrem Job – Chefsekretärin in einem mittelständischen Unternehmen in Norddeutschland – nicht zufrieden. Anika Becker* fackelt nicht lange und nimmt bei der Bank einen Kredit auf.

Das ist ein paar Jahre her, Becker hat den Diplomabschluss inzwischen in der Tasche, die Schulden sind abbezahlt. „Ich bin in diesen Angelegenheiten ganz Kauffrau und entscheide rational“, sagt sie. „Gut, dass ich damals dieses Risiko eingegangen bin.“

Mehr und mehr Frauen gehen mit dem Thema Schulden so pragmatisch um wie die 31-Jährige. Wie aktuelle Zahlen der Schufa belegen, ist die Zahl der Kredite, die Frauen aufgenommen haben, deutlich gestiegen. Über 41 Prozent der Darlehen, die 2010 vergeben wurden, gingen an Frauen. 2004 waren es nur 35 Prozent.

Grundlage der Berechnungen, die die Schufa exklusiv für Morgenpost Online vorgenommen hat, sind 17,9 Millionen laufende Konsumentenkredite in Deutschland. Gleichzeitig zeigen die Zahlen ein bekanntes Phänomen: Frauen sind vorsichtiger, was den Umgang mit Geld angeht, und sie gehen seltener wirtschaftliche Risiken ein. Dementsprechend weisen Frauen eine deutlich niedrigere Risikoquote auf als Männer. „Bei weiblichen Kreditnehmern ist das Ausfallrisiko um ein Drittel geringer als bei Männern“, sagt Michael Freytag, der Vorstandsvorsitzende der Schufa.

Während Frauen 2,0 Prozent der Kredite, die sie nehmen, nicht zurückzahlen, sind es bei den Männern 2,9 Prozent. Gleichzeitig nehmen immer noch weniger Frauen als Männer einen Kredit auf. Den Zahlen der Schufa zufolge haben 55 Prozent der Männer schon einmal einen Kredit aufgenommen. Bei den Frauen sind es 41 Prozent.

Gläubiger können dieser Entwicklung beruhigt begegnen: Bisher zeigen die Daten der Schufa keinen Anstieg der Konkursverfahren bei Frauen, obwohl hier die Zahl der vergebenen Kredite steigt. Von den 142?000 Deutschen, die 2010 Privatinsolvenz anmeldeten , waren nur 41 Prozent Frauen.

Einen ähnlichen Trend zeigen der Schuldneratlas der Creditreform: Danach ist die Zahl der verschuldeten Männer auf 64 Prozent gestiegen, die der Frauen aber auf 36 Prozent gesunken. Derzeit haben rund 2,3 Millionen Frauen in Deutschland einen Kredit. Zum Vergleich: Bei den Männern sind es rund 4,1 Millionen.

Warum mehr und mehr Frauen einen Kredit aufnehmen, ist sozialwissenschaftlich noch nicht geklärt, Fachleute sehen den wachsenden Anteil arbeitender Frauen jedoch als einen Grund für den Anstieg . „Frauen müssen vermehrt als Alleinerziehende oder gleichberechtigte Einkommensbezieherinnen für auflaufende Schulden geradestehen“, heißt es dazu im aktuellen Schuldneratlas der Creditreform.

Konsumforscher wie die dänische Professorin Lucia Reisch werten die Entwicklung als weiteren Schritt hin zur Emanzipation der Frauen im Wirtschaftsleben. „Dies ist Teil der allgemeinen Emanzipation und Geschlechterassimilation im Berufs- und Wirtschaftsleben von Frauen“, sagt Reisch, die an der Copenhagen Business School arbeitet. „Frauen werden zunehmend unabhängiger von dem ,Geldverdiener‘ in einem Haushalt“, sagt Reisch. „Das bedeutet auch, dass es selbstverständlicher für sie wird, Kredite aufzunehmen.“

Es sind vor allem die Frauen zwischen 31 und 50 Jahren, die sich verschulden – in diese Zeit fallen sowohl Kinder als auch die Karriere. Lucia Reisch sieht eine Mischung aus erlernten Rollenbildern und dem unterschiedlichen Hormonhaushalt von Männern und Frauen als Grund dafür, warum Frauen jahrzehntelang deutlich weniger Kredite aufnahmen und gleichzeitig die besseren Schuldner waren. „Männer überschätzen ihre Fähigkeiten in stärkerem Maße als Frauen“, sagt sie. „Das gilt für die Börse genauso wie für die Fähigkeit, einen Kredit rechtzeitig zurückzuzahlen.“

Ein Grund für die wachsende Zahl der weiblichen Schuldner ist die größere Verfügbarkeit von Online-Krediten . Studien wie die des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) zeigen, dass Frauen es immer noch deutlich schwerer als Männer haben, in einem Gespräch mit ihrem Bankberater einen Kredit auszuhandeln. „Für bestimmte Gruppen von Frauen ist es nach wie vor schwierig, günstige Kredite auszuhandeln“, sagt Lucia Reisch von der Copenhagen Business School.

Frauen haben es schwerer, an Kredite zu kommen

Stephanie Bschorr, Geschäftsführerin einer Berliner Wirtschaftsprüfung, hat das selbst erlebt: Als sie nach mehreren Jahren in Teilzeit Gesellschafteranteile ihrer Firma kaufen wollte und dafür einen Kredit benötigte, sperrte sich ihre Bank. „Ich habe nicht genügend Sicherheiten beibringen können“, sagt die 45-Jährige. „Dann kam der Vorschlag, mein Mann könne doch für mich mitbürgen.“

Bschorr wechselte deshalb die Bank. Ein kleineres Institut gewährte ihr den Kredit, aus der Teilzeit-Justiziarin wurde so eine Gesellschafterin des Unternehmens – und die Geschäftsführerin. „Ich habe am eigenen Leib gespürt, wie schwer es für Frauen sein kann, an einen Kredit zu kommen“, sagt sie. Als Vizepräsidentin des Verbandes der Unternehmerinnen (VdU) versucht sie nun, das zu ändern.

Online-Kredite helfen, das Problem zu umgehen. An der grundsätzlichen Scheu von Frauen, sich zu verschulden, ändere das aber nichts, sagt Dorothea Schäfer, Forschungsdirektorin für den Bereich Finanzmärkte beim DIW: „Wir haben gerade wieder festgestellt, dass Frauen Belastungen durch Schuldenbedienung tendenziell stärker empfinden als Männer. Wenn den Frauen bewusst ist, dass ein Kredit für sie mental eine starke Belastung darstellt, scheuen sie eher davor zurück als Männer.“

Sie glaubt dennoch, dass die gestiegene wirtschaftliche Selbstständigkeit der Frauen auch zu einem selbstverständlicheren Umgang mit Krediten führt. „Es könnte damit zusammenhängen, dass sich das Erbe der über Jahrhunderte eingeschränkten wirtschaftlichen Selbstständigkeit allmählich verliert“, sagt Dorothea Schäfer.

Wirtschaftlicher Erfolg baut Ängste ab

Der wirtschaftliche Erfolg anderer Frauen sei ein weiterer Faktor, der die Scheu, Schulden zu machen, verringere: „Frauen trauen sich allmählich stärker an Kredite heran, weil sie bei Geschlechtsgenossinnen vermehrt beobachten können, wie diese ihren Kredit meistern.“

Obwohl sie die besseren Schuldner sind, werden Frauen auch weiterhin ihre Schwierigkeiten dabei haben, Kredite bei einer Bank aufzunehmen, sagt Schäfer. „Kredite werden nach wirtschaftlicher Potenz vergeben. Vermögen und Einkommen sind bei Frauen im Durchschnitt nach wie vor geringer als bei Männern“, sagt die Wissenschaftlerin. Die Erkenntnis, dass Frauen trotz ihres geringeren Vermögens ein geringeres Ausfallrisiko haben, habe sich noch nicht flächendeckend durchgesetzt, so Schäfer – trotz des Erfolgs, den zum Beispiel Instrumente wie Mikrokredite haben.

„In Entwicklungsländern ist der Zugang von Frauen zu Kleinkrediten der Garant für stabiles Wirtschaftswachstum“, sagt Lucia Reisch von der Copenhagen Business School. Über 97 Prozent der Kreditnehmer der Grameen-Bank in Bangladesch, die Friedensnobelpreisträger Muhammad Yunus gründete , sind denn auch Frauen. Mehr als acht Millionen Kredite hat das Institut schon vergeben.

„Die Frauen zahlen über 99 Prozent ihrer Kredite zurück“, sagte Yunus vor Kurzem in London. Dazu passt: Das größte Überschuldungsrisiko haben allein lebende Männer. Sowohl der Schuldneratlas der Creditreform als auch das Institut für Finanzdienstleistungen in Hamburg sehen diese Gruppe als besonders gefährdet. Sie machen einen steigenden Anteil an der Gesamtzahl der über 2,5 Millionen überschuldeten Haushalte in Deutschland aus.

Noch fehlt eine Untersuchung darüber, was Frauen im Vergleich zu Männern mit ihren Krediten machen. Allerdings spricht einiges gegen die Vermutung, dass sie ihre Shoppingtouren damit finanzieren. Eine aktuelle Studie der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) zeigt, dass 21 Prozent der in Deutschland vergebenen Konsumentenkredite für Autos verwendet werden, gefolgt von Ausgaben für Unterhaltungselektronik und Möbel.

Nur rund ein Prozent der Kredite wird aufgenommen, um Schmuck und Kleidung zu kaufen. Anika Becker arbeitet heute an einer Universität. Sie entwirft Studiengänge, und plant Seminare. „Ohne mein Studium wäre ich hier nicht hingekommen“, sagt sie. Deshalb würde sie auch wieder einen Kredit aufnehmen. „Ich könnte mir aber vorstellen, dass viele Frauen das anders sehen“, sagt sie, „aus Angst, als asozial oder verschuldet zu gelten.“

* Name von der Redaktion geändert