Referendum in Athen

Die Weltmärkte bauen die Euro-Zone um

Noch vor dem Referendum haben Investoren damit begonnen, die Euro-Zone umzumodeln. Hellas gehört nicht mehr dazu, auch Italien und Frankreich stehen auf der Abschussliste.

Foto: Infografik WELT ONLINE

Was könnte der 18. Gipfel bringen, was 17 Gipfel nicht geschafft haben? Das war die Frage, die sich Investoren – und nicht nur Investoren – stellten. Bundeskanzlerin Merkel und Frankreichs Präsident Sarkozy hatten soeben den 18. Euro-Rettungsgipfel angekündigt. Sie suchten damit die jüngste Panik an den europäischen Finanzmärkten einzudämmen. Auslöser für diese Panik war die überraschende Ankündigung von Griechenlands Premierminister Papandreou, ein Referendum zum jüngsten Brüsseler Hilfspaket abzuhalten.

Anfang 2012 soll das griechische Volk darüber abstimmen , ob es das damit einhergehende Sparpaket mit trägt. Wie auch immer die genaue Frage lauten wird, über die die Hellenen befinden dürfen, im Endeffekt wird es auf eine Abstimmung über den Verbleib in der europäischen Währungsunion hinauslaufen. Denn ein Nein würde sämtliche Hilfsvereinbarung der vergangen zwei Jahre hinfällig machen.

Mehr noch: Das gesamte Euro-System steht zur Disposition. Scheidet jedoch eine Nation aus der Währungsunion aus, ist damit ein Präzedenzfall geschaffen. Dann würde sich bei anderen schwachen Euro-Ländern unweigerlich die gleiche Frage stellen. Diese Sorge drückte den Deutschen Aktienindex (Dax) am Dienstag zeitweise um mehr als sechs Prozent ins Minus. An der italienischen und an der griechischen Börse ging es sogar um mehr als sieben Prozent nach unten. Der Euro rutschte bis auf 1,3609 Dollar ab, während der Preis für die Krisenwährung Gold von 1230 auf 1243 Euro je Feinunze (31,1 Gramm) stieg.

Analysten sehen Griechenland nicht mehr in der Euro-Zone

Bereits zu Wochenbeginn hatte das Zögern von Ländern wie China und Japan , dem gehebelten Hilfsfonds EFSF Kapital für die Euro-Rettung zur Verfügung zu stellen, die Märkte beunruhigt.

Während die Politik vorgibt, die Euro-Zone in ihrer jetzigen Form mit hektischer Gipfeldiplomatie retten wollen, signalisieren die Märkte ziemlich klar, wie sie sich die Währungsunion der Zukunft vorstellen: Aus Sicht der Investoren gehört Griechenland schon lange nicht mehr dazu. Auch anderen Ländern wird nicht zugetraut, Teil einer Hartwährungsgemeinschaft zu sein: Die Zweifel der Anleger bekommt vor allem auch Portugal zu spüren.

Doch Portugal als relativ kleine Volkswirtschaft wird nicht über das Schicksal der Euro-Zone entscheiden. Anders sieht es mit Italien aus. Noch nie seit Gründung der europäischen Währungsunion im Jahr 1999 musste Rom im Vergleich mit Berlin Anlegern so viel Zinsen bieten. Für Italien beträgt der Risikoaufschlag (Spread) nun bedenklich hohe 452 Basispunkte. Auch Spanien und Belgien stehen mit 379 und 262 Basispunkten auf der Liste der Weichen. Ein Basispunkt entspricht 0,01 Prozentpunkten.

Die Marke von 100 Basispunkten Risikoaufschlag gilt als eine psychologisch wichtige Grenze. Nur geringen Renditeabstand zu Deutschland weisen die Niederlande, Finnland und Österreich auf. Auch Luxemburg, Estland, Slowenien und die Slowakei gelten wegen ihres niedrigen Schuldenstandes als solide. Sie alle haben bei den Ratingagenturen mindestens die Bonitätsnote A. Estlands ist zuletzt sogar als eines von wenigen Ländern hochgestuft worden, nämlich von A auf A+.

Auch Frankreich steht auf der Abschussliste

Ein Grenzfall ist Frankreich. Zwar hat das Land ebenso wie Deutschland ein Dreifach-A-Spitzenrating, jedoch haben die Agenturen offen mit einer Degradierung gedroht. Der Spread zwischen französischen Staatsanleihen und Bundesanleihen ist seit Anfang Oktober stark angestiegen. Seit Mitte Oktober liegt er über der Hartwährungsmarke von 100 Punkten. Damit geht der Riss nun mitten durch den Kern der Euro-Zone.

Wie sehr Deutschland und Frankreich ökonomisch auseinanderdriften, schlägt sich auch in der Leistungsbilanz nieder: Während Deutschland 2012 wohl einen Überschuss von sechs Prozent gemessen an der Wirtschaftskraft vorweisen kann, verzeichnet Frankreich ein Defizit von mehr als zwei Prozent. Aus diesem Grund wird die „grande nation“ zu den Weich-Euro-Staaten gezählt. Wie viele Länder der Peripherie hat Frankreich seit Gründung der Währungsunion an Wettbewerbsfähigkeit eingebüßt.

Am wenigsten konkurrenzfähig sind Griechenland und Portugal. Ihre Waren sind kaum gefragt, gleichzeitig führen sie viel ein, um die Bedürfnisse der Bevölkerung zu decken. Das Ergebnis sind riesige Handelsdefizite von neun und acht Prozent.

Das Knirschen im Gebälk der Währungszone setzt das europäische Bankensystem unter starken Stress. Die Aktienkurse der Geldhäuser sacken ab. In Frankreich wurde die Marktkapitalisierung der Société Générale, die stark in den Peripherieländern engagiert ist, um 14 Prozent dezimiert: Allein am Dienstag lösten sich damit 2,4 Milliarden Euro in Nichts auf. Die Aktie der Deutsche Bank verlor zehn Prozent an Wert. Das entsprach einem Börsenwert von fast drei Milliarden Euro. Insgesamt schmolzen bei europäischen Finanzwerten 28 Milliarden Euro dahin.

Beobachter befürchten, dass die zusätzliche Verunsicherung durch das bevorstehende Referendum die Tendenz zu einer Kapitalflucht aus den Euro-Peripherieländern verstärken könnte. Auch eine unkontrollierte Staatspleite Athens ist nun im Bereich des Möglichen. Dies könnte ähnlich wie 2008 nach dem Kollaps der Lehman-Bank eine globale Finanzschmelze auslösen. Nur dass es diesmal um weitaus mehr geht.

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Daniel Eckert twittert vor allem zur Entwicklung von Euro, Dollar, Gold und Yuan .

Holger Zschäpitz hat vor allem die weltweite Verschuldung der Staaten im Blick .