Schattenwelt

Die meisten Sportwetten im Internet sind illegal

Rund acht Milliarden Euro setzen die Deutschen mit Sportwetten um. Viele Bürger verstoßen dabei gegen Gesetze – oft, ohne es zu wissen.

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Als am Freitagabend die beiden Fußballvereine Bayern München und VFL Wolfsburg die Bundesliga-Saison eröffneten, freuten sich nicht nur Millionen von Fußball-Fans. Auch die Anbieter von Sportwetten reiben sich die Hände.

Denn das Geschäft boomt. Nach einer Forsa-Umfrage wetten mehr als 90 Prozent der Teilnehmer von Sport-Glücksspielen im Internet zu Fußballthemen, insgesamt platzierten sie im vergangenen Jahr Wetten für 7,8 Milliarden Euro. Der Umsatz hat sich damit seit 2005 mehr als verdoppelt.

Ob die Anzahl der Tore insgesamt oder in einer der beiden Halbzeiten, ob die Zahl der Ecken oder die Rückennummer des Spielers, der die erste Gelbe Karte erhält – die Möglichkeiten zu wetten sind fast unbegrenzt. Sieg oder Niederlage war gestern, es muss schon das Besondere sein. Pro Spiel kann man auch live auf verschiedene Ereignisse wie das nächste Tor oder den nächsten Einwurf tippen. Denn die Buchmacher stellen jederzeit neue Quoten ins Netz.

Der Zugang zu Sportwetten ist relativ einfach. Ein Wettkonto kann bei den meisten Anbietern online eröffnet werden. Wer mit Kreditkarte zahlt, darf sofort loslegen. Einsätze per Überweisung dauern dagegen ein paar Tage. Tipp-Einsätze sind bei einigen Anbietern schon ab 0,50 Euro möglich.

Allerdings: Die meisten Tipper agieren illegal. Denn der deutsche Staat hält seit mehreren Jahrzehnten ein Monopol auf Glücksspiele. Danach dürfen Lotterien, Spielbanken und Sportwetten – mit Ausnahme von Pferdewetten – nur unter Aufsicht der Länder betrieben und angeboten werden. Die unzähligen Sportwettangebote im Internet zählen nicht dazu. Mit dem staatlichen Monopol soll vermieden werden, dass die Bürger spiel- und wettsüchtig werden. Die gesetzlichen Regelungen dazu finden sich im aktuellen Glücksspielstaatsvertrag von 2008.

Auch wegen dieser Regelungen ist hierzulande inzwischen ein großer Graumarkt entstanden. Eine Folge des Wettmonopols: Laut einer aktuellen Studie der Unternehmensberatung Goldmedia kamen immerhin 94 Prozent der Wettumsätze privaten Anbietern zugute, die es eigentlich gar nicht geben dürfte.

„Grundsätzlich ist das Mitspielen bei Sportwetten im Internet verboten“, warnt auch der Düsseldorfer Rechtsanwalt und Glücksspielspezialist Michael Terhaag. Grundlage ist der Paragraf 285 des Strafgesetzbuches, wonach die Teilnahme an illegalen Glücksspielen mit einer Freiheitsstrafe von bis zu sechs Monaten oder einer Geldstrafe geahndet werden kann. „Allerdings ist mir in meiner langjährigen Praxis noch kein einziger Fall untergekommen, in denen die Teilnehmer von Sportwetten juristisch belangt wurden“, sagt Terhaag.

Die Wettfans scheint es ohnehin nicht zu stören: „Rund die Hälfte der Spieleinsätze bei Sportwetten wurden in Deutschland im vergangenen Jahr online abgegeben“, sagt Goldmedia-Berater Michael Schmid. Nach aktuellen Zahlen der Unternehmensberatung gibt es mehr als 500 deutschsprachige Angebote, darunter fallen allerdings auch Casino- und Pokerportale. „Das Angebot im Internet wird immer größer“, sagt Schmid. Dahinter verbergen sich zumeist Buchmacher in London, österreichische Online-Plattformen und Anbieter, die ihren Sitz in Steueroasen verlegt haben.

Neben Online-Anbietern locken aber auch jede Menge stationäre Wettbüros. In der Studie schätzt Goldmedia die Zahl für 2009 auf rund 3000. „Wir beobachten zwar, dass in einigen Bundesländern derzeit Wettlokale geschlossen werden. Aber das nützt nichts, wenn zwei Wochen später das Wettbüro an anderer Stelle mit einem anderen Geschäftsführer wieder aufmacht“, so Schmid. Die rechtliche Unsicherheit, was erlaubt sei und was nicht, sei sehr groß. Hinzu kommt der sogenannte Schwarzmarkt in den Hinterzimmern, den die Unternehmensberatung hierzulande auf immerhin rund eine Milliarde Euro schätzt.

„Die Zahlen zeigen, dass der überwiegende Teil der Einsätze an staatlichen Anbietern vorbeifließt“, sagt der Goldmedia-Berater. Nur magere 185 Millionen Euro Umsatz verzeichnete im vergangenen Jahr Oddset – Tendenz stark rückläufig. Oddset ist der Zusammenschluss der 16 Landeslotteriegesellschaften der Deutschen Bundesländer und als solcher der staatliche Anbieter von Sportwetten in der Bundesrepublik. Wegen des staatlichen Wettmonopols können Sportwetten bei Oddset auch in allen Lotto-Annahmestellen abgegeben werden.

Doch das hilft wenig: Denn die Gewinnquote liegt bei den Internet-Buchmachern in der Regel deutlich höher als bei Oddset. Wer beim staatlichen Anbieter beispielsweise darauf wettet, dass Bayern München diese Saison Deutscher Meister wird, erhält eine Quote von 1,45. Für Schalke als Meister gibt eine Quote von 6, also im Gewinnfall den sechsfachen Einsatz. Und für den absoluten Außenseiter St. Pauli liegt die Quote bei 300. Bei der privaten Online-Plattform mybet dagegen gibt es für eine Bayern-Meisterschaft eine Quote von 1,6, für einen Schalke-Titel 9,5, und wer auf St.Pauli setzt, erhält eine Quote von 1001.

Ein Quotenvergleich lohnt sich also immer. Sogar für dasselbe Spiel bieten die Buchmacher meist unterschiedliche Konditionen. Dass Oddset keine so hohen Quoten ausschütten kann, liegt allerdings auch im System begründet. Oddset führt nach eigenen Angaben von den Umsätzen aus dem Wettbetrieb 16,66 Prozent als Lotteriesteuer ab. Hinzu kommt – je nach Bundesland – eine sogenannte Konzessionsabgabe in Höhe von 15 bis 20 Prozent. Damit wird eine Vielzahl gemeinnütziger Projekte unterstützt, etwa im Jugend-, Breiten- und Behindertensport. Hier gehen zurzeit viele Einnahmen verloren. Unbeliebt ist Oddset bei den Wettfans auch, weil die meisten Spiele nur in 3er-Kombis spielbar sind. Es gibt wenige als 2er-Kombi und kaum eines als Einzelwette. Außerdem ist die Anzahl der angebotenen Spiele gering. Der klare Vorteil von Oddset ist dagegen die Verbreitung seiner Annahmestellen, die es fast überall und auch auf dem Lande gibt – und die hundertprozentige Legalität.

Dennoch meint Glücksspiel-Experte Schmid: „Selbst wenn weitere Wettlokale geschlossen werden, weichen die Spieler entweder zu den Online-Angeboten oder zum stationären Schwarzmarkt in die Hinterzimmer aus. Zu Oddset wird auf Basis des bisherigen Angebotes deshalb keiner gehen.“ Doch es gibt Hoffnung: Der umstrittene Staatsvertrag läuft Ende 2011 aus, sofern sich nicht mindestens 13 von 16 Bundesländern auf eine Fortsetzung verständigen. In den von ihr mitregierten Ländern Schleswig-Holstein, Sachsen und Niedersachsen drängt die FDP nun darauf, die Glücksspiel-Übereinkunft zu liberalisieren. Ob das gelingt, ist allerdings noch offen. Eine Quote bieten die hiesigen Wettbüros dafür jedenfalls noch nicht.