Die Aufweichung des Schweizer Bankgeheimnisses hat bei Schweizer Banken eine Abwanderung reicher Kunden in Gang gesetzt. Ein Teil der bisherigen Geldabflüsse geht offenbar auf Selbstanzeigen in Deutschland zurück. Die geplanten Schwarzgeld-Abkommen mit Deutschland und Großbritannien dürften weitere Abflüsse auslösen. Dabei haben kleinere Vermögensverwalter in der Schweiz mehr zu befürchten als die großen Geldhäuser. Nach einer Statistik der Schweizerischen Nationalbank (SNB) sank der Wert der in Schweizer Depots ausländischer Privatpersonen gebuchten Wertpapiere seit September des letzten Jahres um knapp 90 Milliarden auf 628 Milliarden Franken. Laut „Handelsblatt“ haben sich bis Oktober gut 25.000 deutsche Steuerhinterzieher mit Schwarzgeldkonten in der Schweiz selbst angezeigt – damit bleiben sie unter bestimmten Bedingungen straffrei.

Die SNB-Statistik umfasst 76 Banken. Details zu ihren eigenen Geldabflüssen nannten bisher nur die beiden Großbanken: Bei UBS zogen europäische Kunden in den zwölf Monaten bis Ende September netto 20 Milliarden Franken aus der Schweiz ab, weitere 15 bis 40 Milliarden Franken könnten nach Schätzung der Bank folgen. Credit Suisse verlor bei Kunden aus sogenannten „reifen Märkten“ in diesem und im letzten Jahr 15 Milliarden Franken.

Die Bank verwaltet in der Schweiz für Kunden aus Deutschland, Frankreich, Großbritannien und Italien gut 100 Milliarden Franken, davon könnten nach Schätzungen der Bank im ungünstigsten Fall weitere 25 bis 35 Prozent abfließen. Das werde das Geschäft aber nicht entscheidend beeinträchtigen, versichern die Großbanken, die konzernweit zusammen mehr als 3000 Milliarden Franken verwalten. Die Europa-Abflüsse machen da nur einen kleinen Prozentsatz aus.

„Für kleinere Vermögensverwalter ohne großes internationales Netz sind die Zahlen der Großbanken aber kein gutes Omen“, urteilte der Bankenanalyst Peter Thorne von Helvea. Die kleinen Häuser sind kaum diversifiziert und meist mehr auf Europa ausgerichtet. Die aktuellen Abflüsse könne sie nicht durch Zuflüsse aus Asien oder Südamerika ausgleichen.

Was noch an Abflüssen kommt, ist auch von dem erwarteten neuen Steuerabkommen mit Deutschland abhängig. Das spezielle Abkommen zur Behandlung von Schwarzgeld, dessen Einzelheiten im nächsten Jahr ausgehandelt werden, würde wohl auch von anderen europäischen Ländern übernommen werden. Es könnte auf eine Abgeltungssteuer auf Erträge von 25 Prozent und eine Strafsteuer auf bestehenden schwarzen Vermögen in gleicher Höhe hinauslaufen.

Das werden Steuersünder dann wohl aus ihren Vermögen begleichen, wenn sie ihr dann legal gewordenes Vermögen nicht gleich ganz abziehen. Die Sätze könnten aber auch höher sein. „Wir können jene, die sich nicht gesetzestreu verhalten haben, nicht besser stellen als jene, die ihre Steuern stets ehrlich bezahlt haben“, hatte Finanzminister Wolfgang Schäuble Ende Oktober in Bern bei der Unterzeichnung des Rahmenvertrages erklärt.

„Aber wir haben auch sture Kunden, die auf gar keinen Fall Steuern zahlen wollen“, weiß eine Anlageberaterin einer Großbank. Doch für die Flucht aus der Schweiz in eine andere Steueroase ist es möglicherweise bereits zu spät. „Das ist praktisch nicht mehr möglich“, erklärte ein Zürcher Banken-Insider. Die Banken wollen das auf keinen Fall unterstützen. Sie befürchten, der Beihilfe zu Steuerhinterziehung beschuldigt zu werden. Und möglicherweise müssten sie dann aus eigener Kasse die Straf-Steuer berappen, die ein Steuersünder durch Flucht in letzter Minute vermieden hat.

Am liebsten wäre den Geldhäusern, wenn Kunden durch Selbstanzeige oder die Abgeltungssteuer ihr Schwarzgeld legalisieren und was nach Steuern übrig ist, bei der Bank lassen. Alle Banken, mit denen seine Firma zu tun habe, arbeiteten darauf hin, dass ihre Kunden mit den Finanzämtern ins Reine kommen und würden sie dabei unterstützen, so Andreas Toggwyler von der Steuerberatungsfirma KPMG. Einzelne Banken raten auf ihren Websites zur Selbstanzeige.

Auch der als Fluchtpunkt viel zitierte fernöstliche Stadtstaat Singapur steht unter dem Druck der OECD und will wie die Schweiz in Zukunft mehr Amtshilfe bei Steuerhinterziehung leisten. „Singapur schafft Ihnen vielleicht Luft für ein Jahr, woanders gewinnen sie vielleicht zwei Jahre, aber dann müssen Sie wieder rennen“, sagte ein Zürcher Steueranwalt. Und die Anleger müssten sich, so der auf Banken spezialisierte Wissenschaftler Theo Cocca, mit entfernten Banken in anderen Kulturen anfreunden.

Reuters/dma