Börsenranking

Nur noch drei deutsche Firmen unter den Top 100

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Daniel Eckert und Holger Zschäpitz

Foto: picture-alliance/ dpa / dpa

Deutsche Firmen sind an den globalen Börsen abgestiegen. Kein deutscher Konzern ist einen dreistelligen Milliardenbetrag wert.

Durch die Euro-Krise ist die politische Bedeutung Deutschlands in den zurückliegenden zwölf Monaten gewachsen, aber die hiesigen Börsenunternehmen konnten ihren Einfluss auf der Weltbühne nicht ausweiten. Im Gegenteil: Lediglich drei der 100 größten Aktiengesellschaften auf dem Globus haben ihren Sitz in der Bundesrepublik. Für die viertgrößte Volkswirtschaft und den Exportvizeweltmeister ist das ein Negativrekord. Über viele Jahre konnten die deutschen Firmen sechs oder sieben Plätze in der Bestenliste auf sich vereinigen. Sogar 2009 war das noch der Fall.

Das wertvollste deutsche Börsenunternehmen ist Siemens: Mit einer Marktkapitalisierung von 72 Mrd. Euro rangiert der Münchener Elektrokonzern auf der Rangliste allerdings erst auf Platz 50. Ein gutes Stück dahinter kommen der Versorger E.on mit einem Börsenwert von 49 Mrd. Euro und der Softwarespezialist SAP mit 45 Mrd. Euro Börsenwert.

Der weltgrößte Konzern ExxonMobil, aus den Vereinigten Staaten, bringt am Aktienmarkt 240 Mrd. Euro auf die Waage. Damit ist der Ölmulti so viel wert wie die fünf schwergewichtigsten Aktiengesellschaften der Bundesrepublik zusammen. Kein einziges deutsches Unternehmen kommt auch nur in die Nähe der 100-Milliarden-Grenze. Im Jahr 2000 sah das noch ganz anders aus. Allianz und Deutsche Telekom notierten vor zehn Jahren knapp im dreistelligen Milliardenbereich.

Für den relativen Abstieg der Deutschen in diesem Jahr sind zwei Gründe verantwortlich: Da ist zum einen der Wertverfall des Euro. Zum Dollar hat sich die Gemeinschaftswährung innerhalb eines Jahres um ein Fünftel verbilligt. Im gleichen Maß sind die hiesigen Firmen im internationalen Maßstab geschrumpft. In Verschiebungen der Devisenkurse manifestieren sich globale Wohlstandsverschiebungen.

Mit globalen Umbrüchen hat auch der zweite Grund für den deutschen Kapitalmarkt-Abstieg zu tun: Der Aufstieg der Schwellenländer lässt deren Konzerne mit zuweilen atemberaubender Geschwindigkeit expandieren, während die hiesigen Unternehmen sich mit dem Wachstum schwer tun.

In den Top-10 finden sich inzwischen vier Unternehmen aus China. In der Liste der größten 100 ist die Volksrepublik mit zehn Konzernen vertreten. Selbst Brasilien bringt es auf vier unter den Top-100, und hat damit mehr Multis vorzuweisen als Deutschland.

Vor zehn Jahren spielten diese Schwellenländer in der Rangliste praktisch noch keine Rolle. Brasilien war mit keinem einzigen Unternehmen unter die größten 100 vertreten, das Reich der Mitte lediglich mit einem einzigen, dem Telekommunikationskonzern China Mobile.

Nach nur kurzer Unterbrechung im Rezessionsjahr 2009 konnten die Ökonomien dieser früheren Entwicklungsländer zu stürmischem Wachstum zurückkehren. Umsätze und Gewinne der Konzerne boomten. Eine auch nur annähernde Dynamik findet sich bei deutschen Unternehmen selten.

Seit den Neunzigerjahren ist die Elite der deutschen Konzerne ein relativ statischer Verein. Der Börsengang der Deutschen Telekom und der Aufstieg des Softwarekonzerns SAP waren die letzten Beispiele für nachhaltige Veränderungen in der Spitzengruppe. Die Top-10 bilden neben den beiden genannten Firmen seit Jahren Siemens, Daimler, BASF, Allianz, Volkswagen, E.on, RWE und die Deutsche Bank in wechselnder Reihenfolge.

Anders Amerika: Jenseits des Atlantiks gelingt es innovativen Unternehmen wie Apple oder Google immer wieder, einen fast schon märchenhaften Aufstieg hinzulegen. Der iPhone-Hersteller Apple verbesserte sich zwischen dem Jahr 2000 und heute von Platz 490 auf den dritten Rang. Die Marktkapitalisierung schoss von knapp zehn Mrd. Euro auf 200 Mrd. Euro. Google war zur Jahrtausendwende noch nicht an der Börse gelistet. Heute rangiert der Suchmaschinenbetreiber mit 130 Mrd. Euro auf Platz 19 der Weltrangliste, deutlich vor Traditionsunternehmen wie Bank of America, Coca-Cola oder Pfizer.

Dass Deutschlands Firmen-Elite an den Finanzmärkten unterrepräsentiert ist, hat auch historische Gründe: Bankkredite für Unternehmen sind hierzulande günstiger als in der angelsächsischen Welt, weil sie viele verschiedene Geldhäuser – private, öffentliche und genossenschaftliche – miteinander konkurrieren. Daher haben Firmen traditionell weniger die Kapitalmärkte angezapft, um sich zu finanzieren. Viele große Unternehmen wie Bosch oder Aldi sind überhaupt nicht an der Börse gelistet, brauchen den Vergleich mit Wal-Mart oder Johnson Controls aber nicht zu scheuen.

Damit zusammen hängt auch die mittelständische Struktur der deutschen Wirtschaft, die insgesamt weniger Großkonzerne kennt als die angelsächsischen Länder. Hiesige Mittelständler sind häufig Spezialisten, Marktführer in einer Nische, können mit Giganten wie General Electric, Novartis oder Nestlé aber nicht mithalten.

Einzelne Branchen, die prädestiniert sind zur Bildung von Mega-Konzernen, sind in Deutschland schwach vertreten: weder findet sich ein Ölkonzern am deutschen Kurszettel, noch spielen die hiesigen Pharmaunternehmen in der internationalen Liga eine große Rolle.

Selbst innerhalb Europas gehören Deutschlands Großunternehmen daher eher zu den Kleinen. Großbritannien und Frankreich sind in den Top-100 mit jeweils viel mehr Konzernen vertreten: Die Briten bringen es auf acht, die Franzosen immerhin auf sieben Plätze unter den Großen Hundert. Selbst die Schweiz mit gerade mal 7,5 Millionen Einwohnern steuert drei Unternehmen bei. Bemerkenswert ist, dass die helvetischen Multis sämtlich weiter vorne platziert sind als die deutschen: Nestlé rangiert auf Rang zwölf, Novartis auf Rang 28 und Roche auf Rang 31. Im globalen Maßstab steht Deutschland für Mittelstand.