Geldpolitik

Ex-IWF-Chefvolkswirt verlangt höheren Dollar-Zins

Die niedrigen Zinsen in den USA stützen ineffiziente Unternehmen und fördern Blasen. Fed-Chef Bernanke sollte dem ein Ende machen.

Foto: picture-alliance / picture-alliance/chromorange

Im Jahr 2005 lag Raghuram Rajan mit seiner Warnung richtig. Wenn die Banken einander nicht mehr vertrauen, dann droht eine Finanzkrise, lautete seine Botschaft an die Notenbanken damals. Jetzt fordert der frühere Chefvolkswirt des Internationalen Währungsfonds (IWF) von der US-Notenbank Fed eine Zinserhöhung – auch wenn die Arbeitslosenquote in den Vereinigten Staaten weiter bei fast zehn Prozent liegt.

Ein Zinsniveau nahe Null fördere Blasen an den Finanzmärkten und stütze ineffiziente Unternehmen, begründen Rajan und sein Mitstreiter William White, ehemaliger Leiter des Bereichs Geldpolitik und Wirtschaft bei der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) ihre Forderung. Sobald die Schuldenkrise in Europa abebbt, sollte US-Notenbankchef Ben Bernanke damit beginnen, die Zinsen um bis zu zwei Prozentpunkte anzuheben. Dann wären die Realzinsen nicht länger negativ.

„Niedrige Zinsen haben ihren Preis. Aber die Leute verhalten sich, als gäbe es sie umsonst“, sagt White, der im Jahr 2008 die BIZ verließ und nun bei der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) arbeitet: „Es wird Druck auf die Zentralbanken geben, einen expansiven geldpolitischen Kurs zu verfolgen. Ich mache mir Sorgen, dass nur die Vorteile wahrgenommen und die Risiken nicht angemessen beachtet werden.“ White und Rajan haben diese Woche Gelegenheit, ihre Meinung auf dem Jahres-Symposium der Fed in Jackson Hole darzulegen.

Eine wachsende Minderheit von Notenbankern teilt die Bedenken von Rajan und White. Es sieht allerdings nicht so aus, als könnten die Skeptiker ihre Notenbankkollegen in naher Zukunft für ihren Standpunkt gewinnen – jedenfalls nicht, solange die Konjunkturerholung an Fahrt verliert und die US-Arbeitslosenquote mit 9,5 Prozent im Juni weiterhin in der Nähe eines 26-Jahres-Hochs liegt.

Für Rajan, mittlerweile Professor an der University of Chicago, ist ein Zinssatz nahe Null ein Kriseninstrument. Die Ökonomen wissen nicht, ob die Vorzüge einer längeren Niedrigzins-Politik wirklich die Nachteile aufwiegen. Zwar sei Inflation derzeit keine große Bedrohung, „aber man kann nicht völlig sicher sein“, warnte er. Man gehe davon aus, dass es erhebliche brachliegende Kapazitäten in der Wirtschaft gibt, aber das könne sich als falsch erweisen. Zinsen nahe Null schaffen „schlechte Anreize“ für Finanzinstitute, sagt Rajan: „Jagt das System ruhig in die Luft“, laute ihre Botschaft, „wir werden Euch anschließend mit niedrigen Zinsen belohnen, so dass Ihr Eigenkapital anhäufen können. Dann könnt Ihr es gleich wieder versuchen“.

Auch die Fed trägt nach Rajans Meinung dazu bei, „den Schmerz zu verlängern“, indem sie den Eigenheimmarkt stützt und einen Rückgang der Hauspreise verhindert. White ist der Meinung, dass der Nutzeffekt niedriger Zinsen in einer Welt mit so hohen Schulden – gerade bei den privaten Haushalten – bereits schwindet. In den USA beliefen sich die Verbindlichkeiten der privaten Haushalte Ende Juni auf 11,7 Billionen Dollar, was nahe einem Rekordhoch liegt. Es bestehe auch die Gefahr, dass dies eine weitere Blase hervorrufe, sagte White.

Ein weiteres Risiko bestehe darin, dass Zinsen nahe Null es den Unternehmen ermöglichen, nicht tragfähige Kredite zu verlängern, so White. Infolgedessen entstünden sogenannte Zombie-Gesellschaften, wie bereits in Japan geschehen.

Allerdings zeigen Bernanke und andere Währungshüter der Fed wenig Neigung, ihren geldpolitischen Kurs zu ändern. Seit März 2009 betonen die Notenbanker auf jeder Sitzung, dass die Zinsen noch für einen längeren Zeitraum sehr niedrig bleiben werden. Jedoch ist Bernanke etwas offener für die Ansichten von White geworden. Die niedrigen Zinsen hätten zwar die Blase am US-Eigenheimmarkt nicht verursacht. Sollte sich die nächste Regulierungswelle aber als unzureichend erweisen, die Entstehung gefährlicher Finanzrisiken zu verhindern, dann „müssen wir offen bleiben für die Möglichkeit, die Geldpolitik als ergänzendes Instrument gegen Risiken einzusetzen.“

Auch Spyros Andreopoulos, Ökonom bei Morgan Stanley in London, macht sich Sorgen um die inflationären Auswirkungen einer extrem expansiven Geldpolitik über die nächsten zwei bis drei Jahre. Denn die Notenbanker dürften wegen der Deflationsgefahr weiterhin zu niedrigen Zinsen neigen. „Stellen Sie sich ein Auto vor, das im Schlamm feststeckt. Wenn Sie zu stark auf das Gaspedal treten, wirbelt das Auto nur Dreck auf und gräbt sich noch tiefer ein. Ich befürchte, wenn die Konjunktur nach den Stützungsmaßnahmen wieder anspringt, dürfte auch die Inflation rascher steigen als die Währungshüter erwarten.“