Sparen, nein danke! Das ist einer der Schlachtrufe der jüngsten Demonstrationen gegen die Kürzungspläne der Bundesregierung. Sparen, ja bitte! So lautet hingegen die Parole der Anleger. Sie versprechen sich von der Austerität (so der Fachausdruck für staatliches Sparen) mehr Stabilität - und in Zukunft sogar mehr Prosperität.
Jedoch tut in Zeiten des Sparens eine veränderte Anlagestrategie not. Denn das Engerschnallen des Gürtels kennt Gewinner und Verlierer.
"Kurzfristig mögen die Sparprogramme Konjunktursorgen auslösen, aber langfristig widersprechen sie guten Wachstumsaussichten keineswegs", sagt Ian Richards, Stratege bei der Royal Bank of Scotland (RBS). Die Maßnahmen könnten dazu betragen, die von der Schuldenkrise gebeutelte Wirtschaft wieder ins Gleichgewicht zu bringen. Die ökonomische Logik dahinter: Ohne Haushaltsdisziplin geraten die Defizite außer Kontrolle, und das belastet die volkswirtschaftlichen Aussichten noch viel mehr als koordiniertes Sparen.
Die Marktakteure teilen die Zuversicht des Anlageexperten. Zu Wochenbeginn kam es an den globalen Aktienmärkten zu groß angelegten Käufen. Der Deutsche Aktienindex Dax stieg um bis zu 1,5 Prozent, der italienische MIB legte um mehr als zwei Prozent zu und übertraf sogar die psychologisch wichtige 20 000-Punkte-Marke.
Zuvor waren bereits die Märkte in Asien gestiegen. Der japanische Nikkei schloss 1,8 Prozent fester, der Hongkonger Hang Seng Index ein Prozent. Auch die Wall Street eröffnete freundlich.
Für die meisten Regierungen ist es höchste Zeit, den Rotstift anzusetzen. Bei vielen Staaten nähert sich die Verschuldung einem kritischen Niveau. Der "Punkt ohne Wiederkehr" unterscheidet sich zwar von Land zu Land, Finanzwissenschaftler wie der renommierte Harvard-Ökonom Kenneth Rogoff nennen auf Basis historischer Studien aber 90 Prozent als kritische Marke. Jenseits davon lässt sich eine deutliche Verlangsamung des Wirtschaftswachstums von durchschnittlich einem Prozentpunkt verzeichnen. Die Wachstumsverlangsamung macht die Rückführung der Verbindlichkeiten umso schwerer.
Eine einfache Beispielrechnung verdeutlicht das: Eine Schuldenquote von 90 Prozent bedeutet, dass die Verbindlichkeiten einer Regierung bei 90 Prozent der nationalen Wirtschaftsleistung liegen. Muss der Staat einen Durchschnittszins von fünf Prozent zahlen, heißt das, dass die jährliche Zinslast sich auf 4,5 Prozent der Wirtschaftsleistung beläuft - mehr als die meisten Haushalte verkraften.
Deutschland ist mit einer Quote von rund 77 Prozent noch ein gutes Stück von der kritischen Grenze entfernt. Auch Norwegen und die Schweiz haben noch einiges an Puffer. Für andere Länder gilt das jedoch nicht: Griechenland, Italien und Belgien liegen deutlich über der 90-Prozent-Marke. Das frühere keltische Wachstumswunder Irland steuert mit großer Geschwindigkeit auf die Marke zu. Auch Portugal ist akut gefährdet.
Diese hoch verschuldeten Staaten Europas haben keine andere Wahl, als auf die fiskalische Vollbremse zu treten, wollen sie einen Crash vermeiden. Ihre Sparprogramme müssen so drastisch ausfallen, dass sie auch Konjunktur und Börse hart treffen. Bei den relativ moderat verschuldeten Ländern wie Deutschland sehen Anlageexperten hingegen die Chance, dass die Wachstumskräfte nicht ganz erstickt werden. Entsprechend finden sich deutsche Aktien auf den Empfehlungslisten fast aller Investmenthäuser wieder. Auch die Niederlande (Schuldenquote: 66 Prozent) findet das Gefallen der professionellen Marktbeobachter.
Allerdings sollten Anleger sich nicht allein an den Ländern orientieren, sondern auch Branchenfaktoren ins Kalkül ziehen. "Am schlimmsten sieht es aus für binnenwirtschaftlich ausgerichtete Sektoren in Hochschuldenländern", sagt Charlotte Lize, Strategin bei der französischen Großbank Société Générale. Je höher die Abhängigkeit der Firmen vom schwächelnden europäischen Binnenmarkt, desto schlechter. Fein raus seien hingegen jene Unternehmen, die einen Großteil ihrer Umsätze und Gewinne in den boomenden Schwellenländern erzielen. Allein der Anteil der Bric-Staaten Brasilien, Russland, Indien und China an der weltweiten Wirtschaftsleistung hat sich in den vergangenen 20 Jahren auf 22 Prozent vervierfacht.
Strategin Lize favorisiert die Branchen Pharma und Maschinenbau. Wenig angetan ist sie hingegen von Versorgern und Telekom - trotz der optisch hohen Dividende.





