Kaum angekommen am Urlaubsort, geht die Rechnerei los. Die Gewieften bekommen es im Kopf hin, andere haben sich einen Taschenrechner mitgebracht. Da wird der Preis für das Taxi vom Flughafen genauso in Euro umgerechnet wie das Trinkgeld für den Kofferträger im Hotel. Das gleiche im Restaurant, an der Museumskasse, im Andenkenladen. Der Geldbeutel mag mit Dollar, Pfund, Peso oder Baht gefüllt sein, im Kopf steckt bei vielen auch im Urlaub der Euro.
Wer sich wirklich erholen will, sollte die Rechnerei in diesem Jahr allerdings lassen. Zu groß könnte der Ärger sein, wenn sich die Urlaubskasse vor Ort als gar nicht so prall gefüllt herausstellt. Denn durch die Turbulenzen an den Finanzmärkten bekommen Reisende in kaum einem Land noch so viel für ihren Euro wie im Vorjahr.
In einigen Ländern hat die Kaufkraft innerhalb der vergangenen zwölf Monate dramatisch abgenommen. Dazu gehören vor allem ferne Reiseziele wie Australien und Brasilien, aber auch Thailand, Südafrika und Mexiko. Hier müssen Europäer teilweise 40 Prozent mehr für das gleiche Produkt ausgeben als noch im Jahr 2009 – im Vergleich zu 2005 ist der Aufschlag oft sogar noch höher. Genaue Statistiken gibt es nicht, doch Anhaltspunkte liefert der auch bei Wirtschaftsforschern beliebte Big-Mac-Index. Ökonomen vergleichen, was ein Burger der bekannten Schnellrestaurantkette in verschiedenen Ländern kostet. Da die Größe des Brötchens und der Frikadellen weltweit gleich ist und selbst die Qualität sich nicht wesentlich unterscheiden soll, lässt sich am Preis ablesen, wie teuer oder billig die Landeswährung im Vergleich zu anderen Devisen gerade ist.
So kostet laut Datenanbieter Bloomberg ein Burger in Norwegen mittlerweile umgerechnet 4,93 Euro, in der Schweiz 4,69 Euro. Zum Vergleich: In Europa wird er im Durchschnitt mit 3,28 Euro angegeben, in Deutschland, genauer gesagt in Frankfurt am Main, müssen Kunden 3,39 Euro zahlen. In Brasilien war der doppelte Hamburger vor einem Jahr noch günstiger. Jetzt belastet er das Konto der Touristen plötzlich mit 3,50 Euro statt 2,73 Euro. Andere Länder wie Japan und Australien nähern sich rasant dem deutschen Niveau.
Der Preisvergleich hat trotz aller schmerzlichen Steigerungen aber auch etwas Tröstliches: Er zeigt, dass der Euro entgegen dem Gerede von der Weichwährung immer noch relativ hart ist. Nur in fünf der zwanzig aufgeführten Länder müssen die Deutschen mehr für den Burger zahlen als hierzulande. Und wer länger zurückschaut, findet weitere Gründe, nicht ganz so deprimiert zu sein. Der Urlaub in Mexiko und auch Südafrika ist gemäß Big-Mac-Index heute günstiger als vor fünf Jahren. In Großbritannien, Polen und Norwegen hat der Euro seinen Wert immerhin gehalten.
Doch auch wer innerhalb der Euro-Zone verreist, kann sich nicht darauf verlassen, dass er stets gleich viel für sein Geld bekommt. Es gibt zwar keine Währungsschwankungen, doch in Ländern wie Frankreich, Italien und Spanien liegt die Inflationsrate höher als in Deutschland, sprich, die Euro-Preise steigen dort schneller – die Aufschläge liegen jedoch im niedrigen einstelligen Prozentbereich.
Einen Unterschied zwischen Pauschal- und Individualreisenden gibt es am Reiseziel nicht. Für die kleine Shoppingtour, den Diskobesuch oder eine volle Tankladung müssen beide genauso mehr zahlen. Das gilt jedoch nicht für Flug, Übernachtung und Mietwagen. Wer sich für eine Pauschalreise entscheidet und das Hotel im Reisebüro bucht, kommt in diesem Jahr vielfach günstiger weg als der Direktbucher per Internet. „Für die laufende Sommersaison sind die Katalogpreise bereits seit Oktober vergangenen Jahres kalkuliert und damit fix“, sagt eine Sprecherin des Reisekonzerns TUI. Damals gab es für den Euro noch mehr, entsprechend günstiger sollten Reisende dort nun auch wegkommen.
Zu sicher darf sich aber auch ein Pauschalurlauber nicht sein, dass ihm die Euroschwäche nichts anhaben kann. Denn laut Gesetz dürfen Veranstalter veränderte Wechselkurse, höhere Kerosinpreise und Flughafengebühren sehr wohl auf den Kunden umlegen. Wobei dem Deutschem Reiseverband zufolge niemand befürchten muss, dass wegen ein paar Euro mehr ein Veranstalter Nachforderungen stellt. „Dafür ist der Verwaltungsaufwand viel zu hoch“, so ein Sprecher der Branchenorganisation. Währungsschwankungen, wie sie in den vergangenen Wochen zu beobachten gewesen seien, reichten dafür nicht aus. „Da müsste der Euro schon richtig abstürzen“, so der Sprecher.
Für den Fall der Fälle gibt es klare Regeln: Bei nachträglichen Preiserhöhungen ist zunächst der Buchungszeitpunkt wichtig. Bleiben bis Urlaubsantritt weniger als vier Monate, ist ein solcher Schritt überhaupt nicht erlaubt. Der Ursprungspreis gilt. Liegt der Besuch im Reisebüro schon länger zurück, muss sich der Veranstalter spätestens drei Wochen vor Abreise beim Kunden melden. Und noch eine wichtige Grenze sollten Urlauber kennen: Wird der Reisepreis um mehr als fünf Prozent erhöht, müssen sie das nicht hinnehmen. Sie können kostenlos von der vereinbarten Tour zurücktreten.
Wie sich der schwache Euro tatsächlich auf das Reiseverhalten der Deutschen auswirkt, werden erst die nächsten Monate zeigen. „Als der Euro in den vergangenen beiden Jahren stark gegenüber dem Dollar war, haben wir mehr Reisen in die USA und nach Kanada registriert“, sagt Marktforscher Roland Gaßner von GfK TravelScope. Dass sich die Liebe der Deutschen zu Amerika jetzt plötzlich abkühlt, können die großen Reiseveranstalter noch nicht beobachten. Folgenlos für die Urlaubsrouten ist die Schuldenkrise rund um den Euro aber schon heute nicht. „Bei Neubuchungen für Griechenland spüren wir seit einigen Wochen Zurückhaltung“, heißt es bei TUI.




