Seine Heimat entdeckte er erst im Alter wieder. Viele Jahre hatte Klaus-Michael Kühne fernab von Hamburg in der Schweiz gelebt und von Schindellegi aus sein Firmenimperium und die Stiftung gesteuert. Doch in den vergangenen Jahren kehrte er nicht nur immer gerne in seine Vaterstadt zurück, er stiftete ihr auch Hunderte Millionen Euro. Und ihm ist zu verdanken, dass Hamburg um Milliarden reicher geworden ist. Nun ist Klaus-Michael Kühne tot. Er starb am Sonntagabend nach langer, schwerer Krankheit im Alter von 89 Jahren in der Schweiz.

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Wirtschaft in Berlin
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Der wohl wichtigste Moment für Kühne und seine Beziehung zur Stadt liegt indes 18 Jahre zurück. Es war im Sommer 2008, als die Reederei Hapag-Lloyd in schwere See geraten war. Der damalige Eigner Tui erwog, das Traditionsunternehmen nach Singapur zu verkaufen, bis das Konsortium Albert Ballin auf den Plan trat: Der frühere Finanzsenator Wolfgang Peiner (CDU) hatte ein Konsortium aus Stadt, dem Bankhaus M.M. Warburg und seinem alten Chef geschmiedet: Klaus-Michael Kühne.
Seine Millionen hielten die Reederei Hapag-Lloyd in der Stadt. Die Minderheitsbeteiligung sollte Hamburg später allein 2,9 Milliarden Euro an Dividendeneinnahmen bringen. Und der eher scheue Kühne war plötzlich ein Popstar: Die Beschäftigten feierten den damals 71-Jährigen. Er reckt die Arme etwas unbeholfen zum Jubel. Es war zugleich die Versöhnung mit seiner Vaterstadt.
Klaus-Michael Kühne: Schulzeit mit Wolf Biermann – ein ungleiches Duo
Hier wurde er am 2. Juni 1937 als einziges Kind des Speditionskaufmanns Alfred Kühne und dessen Ehefrau Mercedes Kühne geboren. Die letzten Kriegsjahre verbrachte der Junge in der Nähe des Bodensees, kam danach aber nach Winterhude zurück. Ein weiterer Klassenkamerad an der Heinrich-Hertz-Schule schrieb seinerseits Geschichte: Wolf Biermann.
„Kühne war ein sanftes Lamm von zwei Metern Länge, ich war der Kleinste in der Klasse. Da passten wir eigentlich ideal zusammen“, erinnert sich Biermann 2016 in einem großen Doppel-Interview im Abendblatt, das wie diese Redaktion zur FUNKE Mediengruppe gehört. Und Kühne erzählte: „Einmal haben wir in einer Biologiestunde zusammengesessen, und da hat er begonnen, mich von den Errungenschaften des Marxismus-Leninismus überzeugen zu wollen. Damit hat er mich abgelenkt, und wir bekamen beide einen Verweis. Weil ich ein braver Schüler war, war mir das hochnotpeinlich.“

Bald trennten sich die Wege der beiden. Der überzeugte Kommunist siedelte 1953 freiwillig in die DDR über, Kühne machte Abitur und eine zweijährige Ausbildung zum Bank- und Außenhandelskaufmann beim Bankhaus Münchmeyer & Co. Anschließend war er bei befreundeten Speditionen, Reedereien und Schiffsmaklern tätig.
Früher Einstieg ins Familienunternehmen
Sehr früh musste er ins väterliche Unternehmen einsteigen – auch weil sein Vater Alfred Kühne gesundheitlich angeschlagen war. 1958 trat Kühne ins Speditionsunternehmen der Familie ein, 1963, im Alter von 26 Jahren, wurde er persönlich haftender Gesellschafter und Teilhaber. Drei Jahre später wandelte sich das Unternehmen in eine Aktiengesellschaft um, Klaus-Michael Kühne übernahm den Vorstandsvorsitz. „Schon als ich klein war, spielte das Geschäft zu Hause immer eine große Rolle. Ich hätte später gerne studiert“, erinnerte sich Kühne später. „Es gab aber keine Alternative. Mein Vater war 42 Jahre älter und hatte damals gesundheitliche Probleme. Die Firma stand immer im Mittelpunkt. Da war mein Weg vorgezeichnet.“
Es war auch der Wunsch des Vaters, dass dieser Weg aus der Hansestadt 1969 in die Schweiz führt. „Mein Vater wollte damals in die Schweiz, und die Firma ist ihm gefolgt. Das war übrigens eine sehr weise Entscheidung“, sagte Kühne später. Von Schindellegi aus hat das Unternehmen dann die Welt erschlossen. „Durch den Umzug in die Schweiz konnte das Unternehmen schneller wachsen und sich global entwickeln. Wir haben die Chancen der Globalisierung genutzt, als dieser Begriff noch unbekannt war.“
Vom Mittelständler zum globalen Player
Aus einem deutschen Mittelständler wurde ein weltweit operierendes Unternehmen mit Hunderten Zweigstellen in mehr als 100 Ländern. Kühne wurde einer der reichsten Deutschen. Seine 1993 gegründete Kühne Holding besitzt die Mehrheit an der Kühne + Nagel Gruppe und 30 Prozent der Anteile an Hapag-Lloyd. Hinzu kommen beträchtliche Anteile an der Lufthansa, Brenntag, Flix. Sie ist auch Eignerin des Luxushotels The Fontenay, das Kühne an der Alster erbauen ließ. Ein Flop hingegen wurde sein Investment an der inzwischen insolventen Signa Prime von René Benko, die ihm einen Schaden in dreistelliger Millionenhöhe einbrachte.

Lange machte sich Kühne für einen Weiterbau des Elbtowers stark und bot auch seine finanzielle Hilfe an. „Ich möchte, dass der Elbtower vollendet wird. Das liegt im Interesse von Hamburg, weil er die Stadt bereichert!“, sagte er im August 2024. „Ich weiß nicht, ob die Politik verstanden hat, wie eine Ruine den Standort Hamburg belastet. Natürlich soll am Ende das Haus wirtschaftlich funktionieren, es soll keine finanzielle Katastrophe werden. Ein Selbstgänger ist das nicht. Um es klar zu sagen: Mir geht es nicht darum, hier viel Geld zu verdienen oder gar Geld von der Stadt zu bekommen.“ Inzwischen gilt der Weiterbau als eher unwahrscheinlich.
Bis ins hohe Alter hat Kühne viel und gerne gearbeitet, erst in den letzten Monaten durch gesundheitliche Probleme eingeschränkt. „Es macht mich zufrieden, dass ich das Unternehmen Kühne + Nagel so weit voranbringen konnte, dass es nun zur Weltspitze gehört und eine fast perfekte Logistikorganisation ist“, sagte Kühne, als er im September 2024 den renommierten Gründerpreis für sein Lebenswerk bekam. Gegen den Rat seiner Ärzte reiste er nach Hamburg, um die Ehrung entgegenzunehmen. Der Preis bedeutete ihm viel.
Ölkrise zwingt Kühne zum Verkauf von Firmenanteilen
Tatsächlich hat das Unternehmen auch schwere Zeiten erlebt. „Der Weg dorthin war wahrlich kein Zuckerschlecken. Wir mussten viele Rückschläge hinnehmen.“ In den 70er-Jahren hatte Kühne ins Reedereigeschäft investiert, spekuliert und sich übernommen. „Statt in unserem angestammten Geschäft zu bleiben, haben wir diesen Ausflug gewagt und teuer dafür bezahlt“, erinnerte sich Kühne später im Abendblatt.

Er gründete eine Reederei, die zunächst gut lief und rasch ausgebaut wurde – bis 1973 die Ölkrise kam und alles veränderte. Kühne musste die Schiffe abstoßen und die Hälfte seiner Firma Kühne + Nagel an die britische Lonrho-Gruppe 1981 verkaufen – im Todesjahr seines Vaters. Elf Jahre später konnte er die Anteile zurückerwerben und brachte die Firma 1994 an die Börse.
Vorwürfe zur Vergangenheit des Unternehmens
Noch einmal musste Kühne um sein Lebenswerk fürchten: Mit der Corona-Pandemie stand plötzlich die Welt still – und damit auch die Logistik. Damals habe er Kühne + Nagel in Gefahr gesehen. „Ich konnte mir nicht vorstellen, dass die Arbeit unter Pandemiebedingungen noch funktioniert – gerade bei unserer internationalen Vernetzung“, sagt er später. Doch schon nach drei Monaten hat sich das Geschäft wieder normalisiert.
Deshalb führen die Vorwürfe in die Irre, das Unternehmen Kühne + Nagel sei mit seinen Geschäften im Dritten Reich groß geworden. Kühne verschwieg die dunklen Geschäfte nicht, zeigte aber auch kein besonderes Interesse an einer Aufarbeitung durch unabhängige Historiker. „Wie andere Unternehmen war Kühne + Nagel in die Kriegswirtschaft eingebunden und konnte nur auf diese Weise seine Existenz sichern“, sagte er in einem Gespräch zum 125. Geburtstag des Unternehmens 2015. „Die Firmenarchive in unseren Häusern in Bremen und Hamburg wurden im Krieg zerstört, aus dem zugänglichen historischen Material geht hervor, dass das Unternehmen Versorgungslieferungen für die Wehrmacht durchgeführt hatte und mit Transporten von beschlagnahmten Gütern politisch und rassisch Verfolgter befasst war.“ Für das NS-Regime organisierte das mittelständische Unternehmen den Transport von Möbeln und Hausrat verfolgter und ermordeter Juden.
Kritik an Kühne + Nagel wegen NS-Vergangenheit
Die Rolle der Firma und seines Vaters blieb stets in der Kritik. Zwei nominierte Preisträger des von ihm gestifteten Literaturpreises 2022 lehnten den Preis ab wegen der mangelnden Aufarbeitung der Rolle des heutigen Unternehmens Kühne + Nagel im Nationalsozialismus. Daraufhin zog sich die Stiftung von der Finanzierung zurück. Die Vorwürfe, so dickfellig er sich auch gab, trafen den großen, kräftigen Mann.
Damals sprang ihm sein Freund Biermann zur Seite: Nach den ersten Vorwürfen schrieb er ihm einen „politischen Liebesbrief“. „Ich habe ihn nicht entschuldigt, denn er hat keine Schuld.“ Es sei natürlich ein Riesenunterschied, ob man aus einer antifaschistischen Kommunistenfamilie stammt oder aus einer Familie, die mit den Nazis gut gelebt hat. „Aber das ist weder mein Verdienst noch seine Schuld. Und es soll uns nicht hindern, befreundet zu sein. Ganz im Gegenteil: Ich genieße, dass wir es geschafft haben, dem Satz von Sartre entsprechend, uns selber gemacht zu haben. Menschen können sich ändern.“
Kühne und seine Frau: Leidenschaft für Opern
Die Kultur ist Kühnes großes Thema. Seine Frau Christine, die er erst 1989 heiratete, ist wie er musik- und vor allem opernbegeistert. Früh begann er, sich für die Elbphilharmonie finanziell zu engagieren. Sein neuer Blick auf seine alte Heimat ergab sich in den 00er-Jahren. „Hamburg kam mir früher etwas grau vor, ein bisschen langweilig. Das hat sich dann in der Ära von Beust geändert“, sagte er einmal. „Plötzlich bewegte sich etwas: Hamburg wurde zur wachsenden Stadt, in der Kultur war mehr los, der Hafen expandierte. Da wollten wir einen festen Ort in Hamburg haben und errichteten unsere Deutschland-Zentrale hier in der HafenCity. Gleichzeitig habe ich meine Stiftung ausgebaut.“ Weil die Ehe kinderlos blieb, wird sie sein Geld bekommen.

Seine Stiftung ist es auch, die Hamburg ein spektakuläres Geschenk machen will. Sie soll für einen Opernneubau auf dem Baakenhöft in der HafenCity bis zu 340 Millionen Euro, möglicherweise 400 Millionen, überweisen. Die Stadt macht dafür das Baugrundstück baufertig und investiert bis zu 145 Millionen Euro. Ein Haus wie ein Pavillon, ein begehbarer Park wie ein Schiff, eine Oper wie ein Gedicht – so soll die neue Hamburgische Staatsoper auf dem Baakenhöft nach dem Entwurf der Bjarke Ingels Group (BIG) aussehen. Die Planungen laufen auf Hochtouren, der Tod des Mäzens soll das Projekt nicht stoppen.
Klaus-Michael Kühne investiert Millionen in den HSV und die Namensrechte
Als großer HSV-Fan hat er zudem geschätzte rund 100 Millionen Euro in den Verein gesteckt und Anteile erworben. Zudem „schenkt“ er dem Verein pro Jahr vier Millionen Euro für die Namensrechte am Stadion – damit es weiter „Volksparkstadion“ heißt.

Seine Kühne-Stiftung hatte bislang drei Schwerpunkte: die Förderung von Kultur, Medizin und Logistikwissenschaft. Nun kommt ein vierter Bereich hinzu – der Klimaschutz. Die Stiftung stellt bis 2028 insgesamt 50 Millionen Euro für ein neues Klima-Center zur Verfügung. „Er ist großzügig im Großen und kleinlich im Kleinen“, beschrieb ihn einmal ein enger Wegbegleiter.
Am 23. August ist der Stifter im Alter von 89 Jahren nach längerer Krankheit gestorben. Zum letzten Mal in Hamburg war er zu Beginn des Jahres. Bei seinem Mallorca-Urlaub im Sommer verschlechterte sich sein Zustand weiter. Zuletzt hatte er den Lebenswillen verloren. Seine letzte Ruhestätte wird er dem Vernehmen nach im Familiengrab auf dem Ohlsdorfer Friedhof finden.





