Die deutsche Wirtschaft steckt in der Krise, der Dax notiert dagegen auf Rekordniveau. Wie passt das zusammen? Experten erklären, warum der deutsche Leitindex derzeit steigt, welche Unternehmen ihn antreiben – und was Anleger jetzt fürchten müssen.

Warum steigt der Dax, obwohl die deutsche Wirtschaft kaum vom Fleck kommt?

Der erste wichtige Punkt: Richtig spektakulär ist die Rallye bei genauerem Hinsehen gar nicht. „So gut performt der Dax nun wahrlich nicht“, sagt Christian Röhl, Chefvolkswirt bei der Investmentplattform Scalable Capital, unserer Redaktion. Seit Jahresbeginn liegt der Dax als Performance-Index inklusive Dividenden lediglich 6,3 Prozent im Plus. Der US-amerikanische S&P 500 kommt dagegen auf 13,6 Prozent, der europäische STOXX 600 auf 11,5 Prozent.

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Bemerkenswert ist die Entwicklung des Dax deshalb vor allem im Verhältnis zur schwachen deutschen Konjunktur. „Der Dax ist nun einmal nicht die deutsche Wirtschaft“, sagt Röhl. Die großen Unternehmen im Index seien längst international aufgestellt. Nur gut 20 Prozent ihrer Umsätze erzielten die Dax-Konzerne auf dem deutschen Heimatmarkt, bei der Belegschaft liege der gewichtete Deutschland-Anteil bei etwa einem Drittel. Die Entwicklung der deutschen Binnenwirtschaft ist für die Gewinnentwicklung der Konzerne deshalb längst nicht mehr ausschlaggebend.

Auch Sabrina Reeh, Portfoliomanagerin bei dem Vermögensverwalter DWS Group, sieht einen entscheidenden Grund für die Rallye in der Entwicklung der Unternehmensgewinne. Nach dem Zollschock im Frühjahr hätten viele Anleger mit einer deutlichen Abschwächung gerechnet. „Die Berichtssaison hat jedoch gezeigt, dass viele Dax-Unternehmen resilienter sind als erwartet“, so Reeh gegenüber unserer Redaktion. Gleichzeitig hätten sich die Konjunkturerwartungen für Europa und Deutschland verbessert und die Sorgen über die Folgen der US-Zollpolitik nachgelassen.

Welche Unternehmen treiben den Dax nach oben?

Vor allem drei Namen stechen heraus: Siemens, Siemens Energy und Allianz – dazu kommt SAP nach einer schwierigen Phase. Siemens und Siemens Energy profitieren laut Röhl in besonderem Maße vom weltweiten Boom rund um Künstliche Intelligenz. Denn für Rechenzentren braucht es enorme Mengen an Energie und entsprechende Infrastruktur. Siemens wiederum verbindet mit seinen Sparten Digital Industries und Smart Infrastructure die digitale mit der physischen Welt.

Donnerstag

Wirtschaft in Berlin

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Andreas Hürkamp, Kapitalmarktstratege bei der Commerzbank, sieht die „KI-Sonderkonjunktur“ ebenfalls als wichtigen Treiber. Analysten hätten ihre Gewinnschätzungen unter anderem für RWE, Merck, Siemens Energy, Hochtief und Siemens angehoben, weil diese Unternehmen vom Bau von Rechenzentren und dem Ausbau der Energieinfrastruktur profitierten.

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Und SAP? Der Softwarekonzern hatte den Dax lange gebremst, nachdem Anleger angesichts der Künstlichen Intelligenz die Geschäftsmodelle von Softwareunternehmen infrage gestellt hatten. Inzwischen hat sich die Stimmung gedreht. „Die Renaissance der Softwareaktien war ein entscheidender Grund für die Dax-Rallye“, sagt Hürkamp zu dieser Redaktion.

Angeschoben hatte den Dax zuletzt auch die Allianz. Der Versicherer profitiert laut Scalable-Chefvolkswirt Röhl unter anderem von den wieder höheren Zinsen. Das hilft dem Versicherungsgeschäft und der Vermögensverwaltung.

Warum scheint der Dax von den schlechten deutschen Wirtschaftsdaten so wenig betroffen zu sein?

Der Aktienindex ist eben kein Konjunkturbarometer für die Bundesrepublik. Ein Großkonzern kann hierzulande Standorte und Beschäftigte haben, sein Geschäft aber zu großen Teilen in den USA, China oder anderen Weltregionen machen. Entscheidend für die Börse sind deshalb vor allem die erwarteten Gewinne der Unternehmen – und nicht die aktuelle Stimmung in deutschen Unternehmen oder bei den Verbrauchern. „Der Dax steigt derzeit nicht, weil Anleger plötzlich Deutschland lieben. Er steigt, weil die Unternehmen deutlich besser liefern, als viele erwartet haben“, erklärt DWS-Managerin Reeh. Falls sich die Gewinnentwicklung weiter verbessere, sei die Aufholjagd noch nicht vorbei.

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Warum ist der Dax nicht noch stärker gestiegen?

Weil es auch große Verlierer gibt. Vor allem die deutschen Autobauer Mercedes, BMW und Volkswagen belasten den Index. Der anhaltende Kursverfall der drei Konzerne, nicht zuletzt wegen schwacher Absätze in China, hat den Dax laut Röhl in diesem Jahr rund 1,5 Prozent Performance gekostet. Und auch SAP war zeitweise ein Bremsklotz.

Was könnte die Börsenrallye jetzt stoppen?

Eine ganze Reihe von Risiken. Commerzbank-Analyst Hürkamp verweist auf die weiterhin hohen Energiepreise und die ungelösten Kriege in der Ukraine und im Iran. Sollten Öl, Gas und andere Energieträger dauerhaft teuer bleiben, könnte die Inflation wieder stärker anziehen. Das wiederum könnte die Notenbanken dazu bringen, länger an hohen Zinsen festzuhalten oder sogar weitere Zinserhöhungen anzudeuten. Laut DWS-Managerin Reeh könnten höhere langfristige Zinsen insbesondere die Bewertungen von Wachstumsunternehmen belasten.

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Hürkamp sieht politisch gesehen zwei weitere Risiken: Am 3. November lauere mit den US-Zwischenwahlen ein ungewisser politischer Risikofaktor, denn zuletzt sei die Wahrscheinlichkeit gestiegen, dass die Demokraten sowohl das Repräsentantenhaus als auch den Senat auf ihre Seite ziehen könnten. In Deutschland wiederum könnte, so der Commerzbank-Banker, der Ausgang der Wahlen in Sachsen-Anhalt (6. September), Berlin und Mecklenburg-Vorpommern (20. September) die Sorgen ausländischer Investoren über politische Trends in Deutschland anfachen.

Was bedeutet das für Anleger?

Dass es – wie immer an der Börse – natürlich auch wieder nach unten gehen kann. Er halte Rücksetzer im Dax bis Ende Oktober für wahrscheinlich, sagt Commerzbank-Stratege Andreas Hürkamp, der dann allerdings eher Kaufchancen sieht. „Mögliche Dax-Korrekturen von fünf bis zehn würden wir als Gelegenheiten einstufen, Positionen in deutschen Aktien nochmals leicht aufzustocken.“ DWS-Analystin Reeh hält den Dax für unterbewertet. Gegenüber dem US-Markt würden Firmen im deutschen Leitindex weiterhin mit einem Bewertungsabschlag von rund 25 Prozent gehandelt. Sie bleibt deswegen optimistisch, mahnt aber zur Auswahl: Interessant seien vor allem Unternehmen mit globaler Marktstellung und Rückenwind durch Infrastruktur, Elektrifizierung, Verteidigung, Automatisierung und Rechenzentren.