Acht Uhr morgens. Ein Campus am Hang, drei Gebäudeteile, irgendwo dazwischen ein Hörsaal. Nadine Hampel steht davor und hat keine Ahnung, wo sie hinmuss. „Ich war komplett lost“, sagt sie. Nadine weiß nicht, wie man einen Stundenplan baut. Nicht, welche Kurse sie wählen muss. Nicht einmal, wen sie fragen kann. Die anderen schon.

Donnerstag
Wirtschaft in Berlin
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Nadine Hampel ist heute 38 und lebt in Braunschweig. Damals war sie 19, hat gerade ihr Abitur gemacht und ist die Erste in ihrer Familie, die studiert. Dass sie überhaupt an der Universität ist, war nie selbstverständlich. Ihre Mutter ist Köchin, ihr Vater Zimmermann. Studieren spielte in ihrer Familie keine Rolle. „Wo soll es auch herkommen?“ Die Idee, zu studieren, entsteht eher nebenbei. Sie will zum Radio, will mit Sprache und Geschichten arbeiten. Irgendwann wird ihr bewusst, dass sie dafür ein Studium braucht. Also schreibt sie sich ein. Was folgt, ist ein ständiges Nachjustieren.
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Studieren als Arbeiterkind: Hürden im Hochschulsystem
Im ersten Semester ist vor allem eines spürbar: Unsicherheit. Während andere scheinbar mühelos durch die Universität kommen, sucht Nadine nach Orientierung. Wie funktionieren Module? Was gehört in welchen Kurs? Warum wissen alle anderen bereits, wie es an der Uni abläuft? „Ich hatte immer das Gefühl, die anderen haben einen Vorsprung.“
Dieses Gefühl kennen viele, die als Erste in ihrer Familie studieren. Carolin Pilz, Studienberaterin an der Universität Bielefeld, spricht von unsichtbaren Hürden. Studierende kämen zu ihr, weil sie nicht wüssten, wie sie ihr Studium organisieren sollten oder wie Finanzierung funktioniert. Oder auch, weil sie sich erst gar nicht trauen, Fragen zu stellen. „Das fängt bei Begriffen an und hört bei Erwartungen noch lange nicht auf“, sagt Pilz, die selbst als Erstakademikerin durchgestartet ist. Was für andere selbstverständlich ist, müssen die, die wie Nadine die ersten in ihrer Familie sind, an der Universität erst lernen.
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Finanzielle Herausforderung im Studium
Auch finanziell ist das Studium für Nadine mit Balanceschwierigkeiten verbunden. Sie arbeitet nebenbei, sitzt an der Supermarktkasse, macht Praktika, schreibt Hausarbeiten – oft alles gleichzeitig. BAföG hilft, aber reicht nicht immer. Einmal kommt eine Nebenkostenabrechnung. Mehrere Hundert Euro sind fällig. Nadine weiß nicht, wie sie das bezahlen soll, und erinnert sich: „Ich lag heulend auf meinem Bett.“

Solche Situationen sind kein Ausnahmefall. Nach Daten des Deutschen Zentrums für Hochschul- und Wissenschaftsforschung (DZHW) arbeiten rund zwei Drittel der Studierenden neben dem Studium. Für viele wie Nadine fehlen die finanziellen Polster, wie Eltern, die einen mit Zuschüssen auffangen können.
Dass BAföG genutzt werden kann, ist bei vielen Studierenden mit Unsicherheiten verbunden. Initiativen wie „Arbeiterkind“ kennen solche Situationen. „Der Darlehensanteil des BAföG macht Angst“, sagt Sprecher Wolf Dermann. „Und dann sagen sie: Ich versuche lieber, zu jobben während des Studiums, als BAföG aufzunehmen.“ Hinzukämen auch die hohen Miet- und Lebensunterhaltungskosten in großen Städten. Allein die Miete für ein WG-Zimmer läge in vielen Städten bei mehreren Hundert Euro über dem, was das BAföG eigentlich für alle Wohnkosten zahlt.
Soziale Herkunft hängt vom Bildungserfolg ab
Doch Geld ist nur ein Teil von Nadines Geschichte. Mindestens genauso einschüchternd ist das Gefühl, nicht dazuzugehören. Sie beschreibt es als Leben zwischen zwei Welten. Zu Hause versteht kaum jemand, was sie an der Uni eigentlich macht. Sie spricht plötzlich eine andere Sprache, die ihr Umfeld nicht kennt. An der Uni wiederum fühlt sie sich lange fremd. Nadine sagt: „Man gehört zu keiner Welt so richtig dazu.“

Auch Studienberaterin Carolin Pilz kennt dieses Spannungsfeld. In der Forschung wird es als „Habitus-Struktur-Konflikt“ beschrieben: ein Bruch zwischen sozialer Herkunft und akademischer Kultur. Denn oftmals wird erst im Laufe des Studiums klar, welche Barrieren, Erschwernisse und Diskriminierungen es gibt, die von Studierenden aber meist nicht benannt oder erkannt werden.
Gleichzeitig bleibt der Zugang zur Hochschule ungleich verteilt. Studien zeigen seit Jahren, dass Bildungserfolg in Deutschland noch immer stark von der Herkunft abhängt. Bei etwa 100 Akademikerkindern sind es 79, die ein Studium aufnehmen, während bei 100 Nichtakademikerkindern lediglich 27 studieren. Das System ist formal offen. In der Praxis bleiben die Hürden bestehen.
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Netzwerke finden und Unterstützung suchen
Und trotzdem gibt Nadine Hampel nicht auf. Sie zieht nach Siegen, später nach Essen. Sie wechselt das Nebenfach, findet langsam ihren Rhythmus im Studienalltag. Als sie nach dem Bachelor direkt mit dem Master weitermacht, wird es leichter. Nadine beginnt, das System zu verstehen. Was ihr dabei hilft, sind andere Studierende, die unterstützen – Gespräche, Austausch, Menschen mit ähnlichen Erfahrungen.
Netzwerke, sagt auch Pilz, seien entscheidend. Wer sich miteinander vernetzt, Fragen stellt und Unterstützung sucht, findet auch schneller Orientierung im Studium. Doch genau das fällt vielen schwer. Weil sie es nicht gelernt haben oder glauben, es allein schaffen zu müssen. Aber das muss nicht sein.
Heute ist Nadine Hampel Journalistin. Sie hat sich vieles selbst beigebracht. Vielleicht, so Nadine, sei genau das der Unterschied: Manche kommen an die Universität und finden sich sofort zurecht. Andere stehen erst einmal davor und wissen nicht, wo sie hinmüssen. Aber gehen trotzdem durch das Labyrinth des Hochschulsystems.






