Es ist ein Flugzeug, das Geschichte schreiben soll: Der Airbus A350-1000ULR – ULR steht für „Ultra Long Range“ – hat das Montagewerk im französischen Toulouse verlassen und wird in den kommenden Wochen mit einem zweimonatigen Testflugprogramm beginnen. Eine zweite Maschine befindet sich seit Februar in der Endmontage. Gebaut wurden die Maschinen für die australische Fluggesellschaft Qantas, die damit ab 2027 Nonstop-Verbindungen von Sydney nach London und nach New York anbieten will. Bis zu 22 Stunden sollen die Passagiere dann in der Luft sein – ohne einen einzigen Zwischenstopp. Im Vergleich zu heutigen Einstopp-Verbindungen spart das bis zu vier Stunden Reisezeit.

Donnerstag

Wirtschaft in Berlin

Abonnieren Sie kostenlos den Wirtschafts-Newsletter der Berliner Morgenpost

Mit meiner Anmeldung zum Newsletter stimme ich der Werbevereinbarung zu.

Das Projekt trägt den Namen „Project Sunrise“ – eine Anspielung auf die legendären „Double Sunrise“-Flüge der australischen Airline während des Zweiten Weltkrieges. Damals blieben die Maschinen so lange in der Luft, dass die Besatzung gleich zwei Sonnenaufgänge erleben konnte.

Auch interessant

Airbus: Qantas setzt auf Komfort statt Kapazität

Technisch ist der A350-1000ULR eine Sonderanfertigung. Airbus hat die Maschine mit den hocheffizienten Rolls-Royce Trent XWB-Triebwerken und einem modifizierten Treibstoffsystem ausgestattet. Das Herzstück der Modifikation ist ein zusätzlicher, 20.000 Liter fassender Tank im hinteren Rumpf, der die nötige Ausdauer für die 22-Stunden-Etappen liefert. Die nun beginnende Testphase in Toulouse wird zwei Monate dauern, um die spezifischen ULR-Modifikationen zu zertifizieren.

Qantas setzt bei der Konfiguration bewusst auf Komfort statt Kapazität: Statt der möglichen 350 Sitze, die ein Standard-A350 bieten könnte, werden lediglich 238 Plätze eingebaut. Das schafft mehr Raum für die Passagiere – und ermöglicht gleichzeitig eine höhere Treibstofflast. Zwischen der Premium-Economy- und der Economy-Kabine entsteht eine sogenannte „Wellbeing-Zone“ mit Dehnungsgriffen, Trainingsprogrammen auf Bildschirmen und einer Erfrischungsstation. Kabinen-Designer David Caon, der bereits die Innenräume der Qantas-A380 sowie mehrere Qantas-Lounges in Asien gestaltet hat, zeichnet auch hier verantwortlich. Schlafwissenschaftler der Universität Sydney waren ebenfalls in die Entwicklung eingebunden – mit dem Ziel, Jetlag durch maßgeschneidertes Lichtdesign und zeitlich abgestimmte Mahlzeiten zu minimieren.

Auch interessant

Warum die Route ohne Zwischenstopp attraktiver wird

Der Luftfahrtexperte Rico Merkert von der Universität Sydney sieht den entscheidenden Vorteil eines Nonstop-Flugs weniger in der reinen Flugzeit als in der Verlässlichkeit: „Bei einem Zwischenstopp kann vieles schieflaufen, was zu Verspätungen, verpassten Anschlussflügen oder Umleitungen führen kann.“ Bisher führt der Weg nach Europa für Passagiere aus Sydney und Melbourne meist über Singapur oder Perth nach London. Wer Ziele in Kontinentaleuropa wie Frankfurt ansteuert, muss oft zweimal umsteigen oder auf Partner wie Emirates ausweichen.

AI-PHO-0104-16-A350-1000ULR Qantas MSN707 ST30 roll out-025.jpg
Die Abkürzung URL steht für „Ultra Long Range“ .© Qantas | Hervé Goussé - Master Films

Dazu kommt die Geopolitik: Durch die Konflikte in der Ukraine, im Nahen Osten und rund um den Persischen Golf sind zahlreiche Lufträume gesperrt oder riskant geworden. Qantas-Chefin Vanessa Hudson hat inzwischen auch eine Route über Japan und den Nordpol ins Gespräch gebracht – Merkert hält sie für möglich, sieht aber Nachteile: Der Umweg über den Nordpol verursache nicht nur zusätzliche Flugzeit und höhere Kerosinkosten, sondern führe im Sommer auch vermehrt zu Turbulenzen. Ein Direktflug, der Krisenregionen von vornherein umgeht, sei die bessere Lösung. Das Angebot sei durch die jüngsten Entwicklungen im Nahen Osten, so Merkert, „noch einmal erheblich attraktiver geworden und gehe inzwischen deutlich über den klassischen Geschäftsreisemarkt hinaus“ – wenngleich insbesondere Geschäftsreisende bereit seien, dafür Premiumpreise zu zahlen.

Auch interessant

Airbus: Wann die neuen Maschinen einsatzbereit sein sollen

Für Qantas ist das Projekt der vorläufige Höhepunkt einer langen Geschichte im Ultralangstreckenflug. Bereits 2018 startete die Airline Nonstop-Verbindungen zwischen Perth und London. Inzwischen fliegt Qantas von Westaustralien aus auch Paris und Rom direkt an – mit sehr hoher Auslastung und einigen der besten Kundenzufriedenheitswerte der Gruppe. „Project Sunrise“ soll diesen Erfolg nun auf die bevölkerungsreiche Ostküste übertragen.

2022 folgte dann der größte Bestellauftrag in der über 100-jährigen Geschichte der Airline: knapp 150 Airbus-Jets, darunter zwölf A350-1000ULR für „Project Sunrise“. Hudsons Vorgänger Alan Joyce betonte damals, dank des A350 sei künftig „jede Stadt nur noch einen Flug von Australien entfernt“.

Auch interessant

Die zwölf neuen Maschinen sollen nach Sternen benannt werden – in Anlehnung an die Catalina-Flugboote der 1940er-Jahre, die während des Zweiten Weltkriegs den Indischen Ozean überquerten und ebenfalls nach Navigationssternen benannt waren. Der erste Name soll Mitte des Jahres bekanntgegeben werden.

Wenn alles nach Plan läuft, werden die ersten kommerziellen „Project Sunrise“-Flüge in der ersten Hälfte des Jahres 2027 abheben – und damit eine Verbindung schaffen, die Australien ein Stück näher an den Rest der Welt rückt.