Was früher aus der Tiefe der Erde kam, wächst heute im Labor: funkelnde Diamanten. Und das mitten in Deutschland. Die Firma Nevermined produziert Labordiamanten in Essen. Für Gründerin Christine Marhofer ist das Unternehmen die Antwort auf einen Schmuckmarkt, der lange Zeit nicht genug auf Nachhaltigkeit geachtet hat. „Ich wollte hochwertigen Schmuck gestalten, ohne mein Verständnis von Verantwortung für meine Kinder und die Welt, in der wir leben, zu vernachlässigen“, sagt sie. Ihr Ziel: Ihre Diamanten sollen transparenter, konfliktfreier und nachhaltiger sein als natürliche Edelsteine.

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Wirtschaft in Berlin
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Was mit einer Idee von einer eigenen Schmuckkollektion begann, führte 2021 zur Gründung des Startups Nevermined. Auf der Suche nach passenden Labordiamanten wurde sie von außereuropäischen Laboren enttäuscht. Marhofer erinnert sich an einen Scherz ihres Mannes, mit dem alles begann: „Wir könnten ja auch einfach selbst Diamanten herstellen.“ Doch aus Spaß wurde Ernst. Heute hat das Unternehmen laut Marhofer 45 Mitarbeitende.
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So präzise müssen Labordiamanten hergestellt werden
Technologisch arbeitet Nevermined mit dem sogenannten CVD-Verfahren, der chemischen Gasphasenabscheidung. Am Anfang steht ein sogenannter Seed, ein winziges Diamantplättchen, auf dem sich unter kontrollierten Bedingungen Kohlenstoffatom für Kohlenstoffatom ablagert. Der Development- und Production-Director von Nevermined, Dennis Oing, erklärt, die Temperatur, die Gaszusammensetzung und der Druck müssten exakt aufeinander abgestimmt sein – ein Prozess, der hohe Präzision verlange.
Ein typischer Einkaräter wächst dabei in rund zwei Wochen heran. „Entscheidend ist dabei vor allem die Stabilität des Wachstums ohne Unterbrechungen“, sagt Oing. Temperatur, Strom und sogar die Luftfeuchtigkeit müssen stabil sein, um einen Erfolg zu erzielen. Der Rohdiamant wird laut Oing nach Schliff und Politur dann von dem International Gemological Institute (IGI) anhand der Qualitätskriterien für Diamanten gemäß den 4Cs (Colour, Cut, Clarity und Carat) bewertet und zertifiziert.

Das ist der Unterschied zwischen Labor- und Minen-Diamanten
„Nevermined“ verweist darauf, dass die Labordiamanten optisch, chemisch und physikalisch identisch mit Minendiamanten sind. Deshalb meinen sie in Essen auch: Der Begriff „künstlicher Diamant“ sei falsch. „Der einzige Unterschied ist, dass der lab-grown Diamant homogener wächst“, sagt Marhofer.
Besonders wichtig ist der Gründerin zudem der Nachhaltigkeitsaspekt. Das Unternehmen arbeitet zu 100 Prozent mit zertifiziertem Ökostrom aus regenerativen Quellen, sagt Marhofer. Zudem sei Nevermined als erstes Unternehmen in Deutschland nach dem SCS-007 Sustainability Rated Diamond Standard zertifiziert. Dieser prüfe nicht nur die Rückverfolgbarkeit, sondern auch ethische Verantwortung und den Net-Zero-Carbon-Footprint.
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Labordiamant ist bis zu 70 Prozent günstiger als klassischer Edelstein
Im Geschäft mit den Labordiamanten sei das eine Seltenheit, so Joachim Dünkelmann, Hauptgeschäftsführer des Bundesverbands der Juweliere, Schmuck- und Uhrenfachgeschäfte. Dennoch betont er: Die Annahme, dass ein synthetischer Diamant automatisch nachhaltiger und umweltverträglicher als das natürliche Original sei, sei falsch. Der Herstellungsprozess erfordere massive Maschinen und enorm viel Energie. „Über 60 Prozent der synthetischen Diamanten werden in China und Indien hergestellt, wo bis zu drei Viertel des Stroms aus Kohle gewonnen wird. Von ‚grün‘ kann also in vielen Fällen keine Rede sein“, sagt Dünkelmann.
Labordiamanten stehen zudem zunehmend unter Preisdruck, weil das Angebot wächst. Ein Labordiamant kostet im Schnitt etwa 70 Prozent weniger als ein Mienendiamant in vergleichbarer Größe. Für den klassischen Diamantenmarkt ein Stresstest rund um die Frage: Was ist ein Diamant heute eigentlich wert? Labordiamanten werden oft dafür kritisiert, Diamanten vom exklusiven Produkt zu Modeschmuck zu machen.
Labordiamanten weiterverkaufen? Der Experte warnt
Joachim Dünkelmann sagt, dass Labordiamanten schon längst auf dem Markt angekommen seien: „Sowohl Diamanten als auch synthetische Diamanten sind legitime Produkte, die die Möglichkeiten der Schmuckherstellung bereichern. Ihre Einordnung hängt auch von der weiteren Preisentwicklung ab, aber für eine direkte Konkurrenzsituation ist die Positionierung schon heute zu unterschiedlich.“
Für Dünkelmann ist vor allem die Kennzeichnung entscheidend. Sein Verband warnt seit Jahren vor unklarer Verbraucherinformation und fordert eine eindeutige Benennung. „Ein synthetischer Diamant muss zwingend als solcher bezeichnet werden, in jeder Form der Endverbraucherkommunikation“, sagt er. Begriffe wie „lab-grown diamond“ oder „laboratory-created diamond“ seien nur dann zulässig, wenn sie klar auf die synthetische Herkunft verweisen. „Abkürzungen oder andere marketinggemachte Fantasiebegriffe sind nicht zulässig.“
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Auch in der Kundenberatung spricht sich Dünkelmann für noch mehr Klarheit aus: „Es werden manchmal Äpfel mit Birnen verglichen.“ Ein synthetischer Diamant sei „weder selten noch wertvoll“, sondern ein industriell hergestelltes Produkt. Das wirkt sich laut dem Experten auch auf die Preisentwicklung des Edelsteins aus: Auf die Frage nach dem Wiederverkaufswert antwortet er knapp: „Ein synthetischer Diamant hat keinen Wiederverkaufswert.“ Das gehöre auch offen ins Beratungsgespräch.
Labor oder Mine: Das ist der Unterschied bei Diamanten
Nevermined-Besitzerin Marhofer glaubt trotzdem fest an ihre Diamanten: „Für viele Menschen bekommt der Diamant heute eine neue Bedeutung. Er steht nicht mehr nur für die Ewigkeit im klassischen Sinn, sondern auch für bewusste Entscheidungen, für Transparenz und für ein neues Verständnis von Luxus“, sagt sie. Der emotionale Wert entstehe nicht durch künstliche Verknappung, sondern durch Bedeutung. „Für uns ist das klar: Labor oder Mine ist eine Frage der Herkunft, nicht der Identität. Der Unterschied liegt einzig und allein in der Entstehung. Genauso klar ist für uns aber auch, dass diese Herkunft immer transparent gekennzeichnet werden muss“, sagt die Gründerin.
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Für die Branche ist das ein zentraler Unterschied. Nevermined betont zwar die emotionale und moralische Dimension des Labordiamanten, doch der Verband sieht vor allem den Unterschied zwischen einem natürlichen, Milliarden Jahre alten Rohstoff und einem industriell reproduzierbaren Produkt. Dünkelmann spricht in diesem Zusammenhang von einer nötigen Unterscheidung zwischen Emotion und Marktlogik: „Das Angebot ist vielfältiger geworden – das ist gut für den Kunden, der die Wahl hat. Wer etwas Besonderes, Wertvolles und Einzigartiges sucht, der wählt Schmuck mit Diamanten, die über Milliarden Jahre unter großem Druck und Hitze im Erdinneren gewachsen sind. Beides hat seine Berechtigung.“










