„Liebes Handwerk, es ist nicht immer leicht mit dir“ – diese Botschaft teilte Sina Klein vor Kurzem in einem Video auf Instagram. Im Hintergrund laufen Sequenzen aus ihrem Arbeitsalltag: Sie deckt den Dachstuhl ein, bringt Fallrohre an und legt Stahlträger auf. Denn Klein ist seit 2023 Dachdeckermeisterin. Ein Beruf, in dem aktuell nur vier Prozent Frauen arbeiten. Sie gehört damit einer Minderheit an: Laut dem Institut der Wirtschaft arbeiten knapp 2,6 Millionen Menschen im Handwerk – lediglich ein Viertel davon sind Frauen. Klein will jedoch zeigen, dass gerade Frauen ihren Platz im Handwerk haben.

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Wirtschaft in Berlin

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Die 25-Jährige stammt aus einem kleinen Ort im Landkreis Celle (Niedersachsen). Schon ihr Vater war Dachdeckermeister. Obwohl sie bereits in den Ferien auf dem Bau angepackt hat, war das Handwerk zunächst nicht ihre erste Wahl gewesen: „Ich wollte nach dem Abitur erst einmal studieren, gerne im Bereich der Tiermedizin“, sagt Klein

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Internationaler Frauentag: Sina Klein wählte die Dachdeckerei statt des Studiums

Die Zahlen zeigen, dass sich viele junge Erwachsene zuerst für ein Studium entscheiden. Nur 17,3 Prozent der Auszubildenden im Handwerk waren im Jahr 2024 weiblich. Das hatte auch Klein vor, aber sie schaffte ihr Abitur nicht im ersten Rutsch und wiederholte die 12. Klasse. „In dem Jahr habe ich einen großen persönlichen Sprung gemacht und gemerkt, dass das Handwerk doch perfekt passt“, sagt sie. Dabei haben ihre Eltern sie sehr bestärkt: „Meine Mutter ist mein Vorbild. Sie ist die stärkste Frau, die ich kenne.“

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Klein begann 2019 ihre Ausbildung zur Dachdeckerin in der Firma ihres Vaters. Vier Jahre später folgte der Meisterbrief, seit Mai 2023 ist sie Dachdeckermeisterin. Schon bald geht Klein den nächsten großen Schritt: „Wir bereiten gerade die Firmenübernahme vor.“ Bereits in diesem Jahr steigt sie gemeinsam mit ihrem Vater in die Geschäftsführung ein.

Frauen im Handwerk: Anteil an weiblichen Führungskräften bleibt gering

Aus der Dachdeckermeisterin wird damit eine Geschäftsführerin – eine Seltenheit; das zeigen auch die Zahlen des Zentralverbands des Deutschen Handwerks (ZDH): Nur 25 Prozent der Handwerksbetriebe werden aktuell von einer Frau geführt, als Inhaberin, Geschäftsführerin oder Gesellschafterin. In diese Statistik zählen aber auch die weiblich dominierten Bereiche wie das Friseurhandwerk, die Augenoptik oder Zahntechnik.

Dachdeckermeisterin Sina Klein aus Celle (Niedersachsen)
Dachdeckermeisterin Sina Klein steht bald an der Spitze des Familienbetriebes.© Sina Klein | Sina Klein

Vor allem im Baugewerbe, zu dem auch die Dachdeckerei gehört, arbeiten aber nur wenige Frauen. Das hat laut ZDH historische Gründe: Bis zum 30. Juni 1994 galt in der Bundesrepublik Deutschland ein gesetzliches Beschäftigungsverbot für Frauen in dem Gewerbe. Klassische Rollenbilder, betriebliche Strukturen und die Wahl des Ausbildungsberufes haben sich laut ZDH bis in die aktuelle Generation nur wenig verändert.

Dachdeckerin Sina Klein hat über 80.000 Follower auf Instagram

Wie tief diese Gedanken bis heute noch sitzen, zeigen Kommentare auf Instagram. „Als Frau [hast du] auf dem Bau nichts zu suchen, dürfte niemals so viel verdienen wie die Männer“, ist nur einer davon. Auf Instagram folgen Klein mehr als 80.000 Personen. Dort zeigt sie in Videos ihren Alltag auf der Baustelle und erklärt auch, welchen Anspruch ihre Handwerkskolleginnen und -kollegen auf zusätzliches Geld in den Wintermonaten haben.

Damit gehört Klein nicht nur zu den wenigen Frauen im Handwerk, sie klärt auch über wichtige Finanzfragen auf – konträr zu dem vielfach bekannten Satz: „Über Geld spricht man nicht.“ Für Finanzexpertin Natascha Wegelin, auch bekannt als „Madame Moneypenny“, schafft Klein mit dieser Transparenz eine Verhandlungsmacht. Niemand müsse öffentlich sein Gehalt posten, aber: „Innerhalb von Teams und Unternehmen sorgt Transparenz für Fairness“, sagt Wegelin, denn: „Geld ist ein Machtfaktor und Macht bleibt gerne im Dunkeln.“

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Handwerk: Dachdeckermeisterin setzt sich gegen Vorurteile durch

Doch die Dachdeckermeisterin bekommt solche Sprüche nicht nur online zu hören. In ihrer Ausbildungszeit kamen bei Lehrgängen auf 100 männliche Handwerker häufig nur vier Frauen. „Ich habe mich gefühlt wie ein Affe hinter Glas“, erzählt Klein. Deswegen achte sie auch auf Instagram darauf, was sie anziehe. Schließlich soll es um ihren Beruf gehen – nicht um sie als Person. Die Kommentare auf Instagram nimmt Klein mittlerweile mit Humor: „Wir haben es genauso drauf wie die Männer!“

Gerade auf dem Bau gibt es jedoch noch Luft nach oben. Daran arbeitet auch der ZDH: Gemeinsam mit Handwerkskammern und Fachverbänden versuche der Verband über Netzwerke wie „UnternehmerFrauen im Handwerk“ oder Programme wie „FRAUENunternehmen“, Frauen zu unterstützen.

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Mehr Frauen im Handwerk: Anteil an Meisterinnen steigt

Die Zahlen im Handwerk zeigen, dass sich die Mühe zumindest etwas lohnt: Der Anteil weiblicher Meisterinnen stieg zwischen 2013 und 2024 von rund 13 Prozent auf gut 17 Prozent. Immer mehr Frauen arbeiten als Fachkräfte, übernehmen Betriebe und treiben Themen wie Energiewende und Digitalisierung mit voran.

Genau diese Botschaft möchte Klein an andere junge Handwerkerinnen mitgeben: „Probiert euch aus und traut euch, aus euch selbst herauszukommen.“ Auch Wegelin sieht im Handwerk für Frauen eine große Chance: „Es bietet nicht nur stabile Nachfrage, sondern echte unternehmerische Optionen. Selbstständigkeit, Skalierbarkeit, Gestaltungsspielraum.“ Gerade diesen Spielraum nutzt Klein aus.

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Die angehende Geschäftsführerin steht einerseits für sechs Tage auf dem Dach, andererseits klärt sie auf ihrem Social-Media-Kanal über den Beruf auf. Aufgeben möchten sie keinen: „Bei Social Media zeige ich schließlich, wie schön das Handwerk sein kann“, sagt Klein. Die echten Gefühle können die Videos laut ihr aber nicht transportieren, denn: „Auf dem Dach zu sitzen und in die Ferne zu schauen, ist wie verliebt sein.“