Wenn in der Nachbarschaft neue Leitungen verlegt werden oder Windräder am Horizont auftauchen, ist Ärger oft programmiert – könnte man denken. Eine neue Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW), die dieser Redaktion vorab vorliegt, zeigt jedoch: Die Mehrheit der Bevölkerung steht dem Wandel offen gegenüber.

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Wirtschaft in Berlin

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Knapp die Hälfte der Deutschen befürwortet demnach den klimaneutralen Umbau der Industrie, auch wenn er direkt in ihrer Nachbarschaft umgesetzt wird. Zum industriellen Wandel gehören massive infrastrukturelle Eingriffe: der Ausbau von Stromtrassen, Wasserstoff- und CO₂-Netzen, neue Windräder und Solarparks sowie Anpassungen bestehender Industrieanlagen. Trotz dieser Eingriffe steht dem Umbau nur eine vergleichsweise kleine Minderheit grundsätzlich ablehnend gegenüber: Nur etwa jeder Siebte (14 Prozent) lehnt die Maßnahmen ab, 38 Prozent sind unentschlossen. Grundlage für die Auswertung sind Interviews mit 2180 Menschen, die das IW im Herbst 2024 deutschlandweit durchgeführt hat.

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Klimaneutrale Industrie: Wo der Umbau besonders spürbar wird

Die Auswirkungen des Industrieumbaus werden in Deutschland sehr unterschiedlich spürbar sein. Das IW hat auf Postleitzahlen-Ebene untersucht, wo die Veränderungen am stärksten zu erwarten sind – anhand nationaler Ausbaupläne und konkreter Neubauprojekte.

Energiestadt Lichtenau, Windräder und Solarpanels auf Häusern
Ein Windpark oberhalb des Orts Lichtenau im Kreis Paderborn, Nordrhein-Westfalen.© picture alliance / Jochen Tack | Jochen Tack

Besonders große Veränderungen zeichnen sich demnach in Duisburg (Nordrhein-Westfalen), Ludwigshafen (Rheinland-Pfalz) und Ilvesheim (Baden-Württemberg) ab. Generell konzentrieren sich viele Transformationsprojekte auf klassische Industrieregionen: Von den 100 Regionen, in denen der industrielle Umbau am stärksten greifen wird, liegen allein 51 in Nordrhein-Westfalen, entlang von Rhein und Ruhr. Hier ballen sich Stahlwerke, Chemieparks und Raffinerien, die künftig auf Wasserstoffversorgung und leistungsfähige Stromnetze angewiesen sind.

Viele unterschätzen geplante Bauprojekte in ihrer Region

Rund 25 Prozent der Bevölkerung leben in Regionen, in denen laut Planungsdaten größere infrastrukturelle Veränderungen anstehen. Doch selbst in diesen besonders betroffenen Gebieten bewerten nur 18 Prozent der Menschen die anstehenden Maßnahmen negativ. Auffällig ist zudem eine systematische Fehleinschätzung: Knapp 70 Prozent der Befragten unterschätzen, wie stark ihre eigene Region betroffen sein wird. Im Rahmen der Studie wurden die Teilnehmenden deshalb gezielt darüber informiert, ob an ihrem Wohnort keine, geringe oder große Veränderungen zu erwarten sind.

Das Ergebnis: Selbst bei klarer Information über anstehende Umbauten steigt die Ablehnung nicht. In Gebieten, die wenig oder gar nicht betroffen sind, steigert eine entsprechende Information sogar die Zustimmung. Allerdings gibt es eine Ausnahme: Bei Befragten mit Sympathien für die AfD haben zusätzliche Informationen keinen messbaren Effekt – weder in Richtung Zustimmung noch Ablehnung.

Politische Einstellung beeinflusst Akzeptanz des regionalen Wandels

Die politische Haltung prägt laut Studie generell, wie Menschen den Umbau ihrer Region bewerten. Im Vergleich zur Union etwa äußern sich Anhänger von SPD und besonders der Grünen deutlich zustimmender zur Transformation im eigenen Umfeld. AfD-Anhänger bilden das Gegenstück mit deutlich geringerer Akzeptanz. Anhänger von FDP, Linke oder BSW zeigen keine nennenswerten Unterschiede zur Union.

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Wissen um das Ausmaß der anstehenden Veränderungen ist demnach für viele Menschen vor Ort entscheidend. Jedoch fühlen sich laut Auswertung breite Teile der Bevölkerung nur unzureichend informiert. „Die Politik darf keine Angst haben, in den Dialog zu gehen und das Ausmaß der infrastrukturellen Veränderung transparent zu kommunizieren“, sagt IW-Experte Matthias Diermeier. So lasse sich verhindern, dass kleine Gruppen die lokale Meinungsbildung dominieren und notwendige Projekte blockieren.