In den 2010er-Jahren stand Griechenland gleich mehrfach vor dem Staatsbankrott. Heute werden die einstigen „Pleite-riechen“ als wirtschaftspolitische Musterschüler gefeiert. Sogar Deutschland kann von Griechenland lernen – etwa bei der Digitalisierung der Verwaltung. Doch hinter der Erfolgsgeschichte verbirgt sich eine andere Realität: Viele Menschen leiden noch immer unter den Folgen der Schuldenkrise.

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Wirtschaft in Berlin

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Eigentlich könnten die meisten Griechinnen und Griechen zuversichtlich ins neue Jahr blicken. 2026 plant die Regierung die größten Steuererleichterungen der jüngeren Landesgeschichte. Die Einkommensteuersätze sollen durchgehend um zwei Prozentpunkte sinken. Berufsanfänger bis 25 Jahre zahlen auf die ersten 20.000 Euro Jahreseinkommen gar keine Steuern mehr. Rentner mit kleinen Bezügen erhalten einen Zuschuss von 250 Euro, einkommensschwache Familien eine Monatsmiete pro Jahr als staatliche Beihilfe. In Gemeinden mit bis zu 1500 Einwohnern wird die Grundsteuer 2026 um 50 Prozent gesenkt und im Jahr darauf ganz abgeschafft. Davon profitiert die ärmere Landbevölkerung.

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Griechenlands Wirtschaft: Aufschwung erreicht Bevölkerung kaum

Der griechische Finanzminister Kyriakos Pierrakakis kann sich diese Entlastungen leisten, denn die Staatsfinanzen gelten als saniert. Griechenland gehört inzwischen zu nur wenigen EU-Staaten, die Haushaltsüberschüsse erzielen. Noch vor zehn Jahren stand das Land kurz vor dem Austritt aus der Eurozone, heute spricht niemand mehr vom „Grexit“. Anfang Dezember wählten die Euro-Finanzminister Pierrakakis einstimmig zum Präsidenten der Euro-Gruppe – ein symbolträchtiges Signal für das politische und wirtschaftliche Comeback des einstigen Krisenstaats. „Griechenland ist zurück“, erklärte Pierrakakis nach der Wahl.

In der Bevölkerung kommt dieser Optimismus allerdings kaum an. Laut einer Umfrage des Instituts Metron Analysis vom November sind 69 Prozent der Griechen überzeugt, das Land befinde sich „auf dem falschen Weg“. Nur 15 Prozent berichten von einer Verbesserung ihrer finanziellen Lage im vergangenen Jahr. 79 Prozent zeigen sich unzufrieden mit der Wirtschaftspolitik der Regierung, den Preissteigerungen und der Entwicklung der Einkommen.

Griechenlands Wirtschaft erholt sich nur langsam von der Krise

Zwar wächst die griechische Wirtschaft seit dem Ende der Corona-Pandemie fast doppelt so schnell wie der EU-Durchschnitt. Doch der Nachholbedarf ist enorm: Zwischen 2010 und 2013 verlor das Land mehr als ein Viertel seiner Wirtschaftskraft. Mit voraussichtlich 248 Milliarden Euro wird das Bruttoinlandsprodukt (BIP) in diesem Jahr nominal erstmals das Vorkrisenniveau von 238 Milliarden Euro übertreffen. Inflationsbereinigt jedoch dürfte Griechenland nach Berechnungen des Wirtschaftsdienstes des Parlaments frühestens 2035 wieder das Niveau von vor der Krise erreichen. Die Realeinkommen werden sogar erst um 2040 an den EU-Durchschnitt heranreichen. Das statistische Pro-Kopf-Einkommen lag vor der Krise bei 59 Prozent des EU-Durchschnitts, heute sind es nur noch 52 Prozent.

Ein Mann sitzt vor einem Gebäudekomplex in Athen
Die Wohnungsnot in Griechenland treibt gerade in der Hauptstadtregion die Mieten in die Höhe.© AFP | Angelos Tzortzinis

Während der Schuldenkrise zwangen die internationalen Kreditgeber Griechenland zu drastischen Sparmaßnahmen. Die Renten wurden um 26 bis 50 Prozent gekürzt, der gesetzliche Mindestlohn von 751 auf 586 Euro gesenkt. Die Immobilienpreise brachen um 40 Prozent ein, die Arbeitslosenquote stieg 2013 auf 27 Prozent.

Die Folgen dieser Austeritätspolitik belasten die Kaufkraft bis heute. 2008 lag sie laut Eurostat bei 93 Prozent des EU-Durchschnitts, im vergangenen Jahr nur noch bei 70 Prozent. Gemessen an der Kaufkraft privater Haushalte ist Griechenland inzwischen das zweitärmste Land der EU vor Bulgarien.

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Wohnungsnot in Griechenland treibt Mieten in die Höhe

Ein existenzielles Problem ist die Wohnungsnot. Nach einer Studie der Piraeus Bank fehlen landesweit rund 212.000 Wohnungen. Auch dies ist eine Spätfolge der Krise: Die Bautätigkeit brach damals drastisch ein. Der Mangel treibt die Mieten in die Höhe. Nach einer Statistik des größten griechischen Maklerportals Spitogatos haben sich die Wohnungsmieten in der Hauptstadtregion Attika in den vergangenen fünf Jahren um durchschnittlich 35 Prozent verteuert. Sie stiegen damit doppelt so schnell wie die Einkommen.

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Nach Berechnungen der Denkfabrik Zentrum für liberale Studien (KEFiM) lagen die Realeinkommen 2024 noch immer 15 Prozent unter dem Niveau von 2009. Im Vergleich mit anderen Euro-Krisenländern fällt Griechenland besonders negativ auf. Während Spanien, Irland, Italien, Zypern und Portugal ihre Realeinkommen wieder auf Vorkrisenniveau gebracht oder übertroffen haben – Irland um 21, Portugal um 16 und Zypern um 14 Prozent –, liegen sie in Griechenland weiterhin deutlich darunter.

Zum Krisenerbe gehört auch der hohe Schuldenberg. Er entspricht 145,9 Prozent des BIP. Das ist die höchste Schuldenquote der EU. Mit drei Rettungspaketen und Hilfskrediten von insgesamt 289 Milliarden Euro bewahrten die internationalen Geldgeber Griechenland einst vor dem Staatsbankrott. An dieser Schuldenlast werden noch Generationen von Griechinnen und Griechen zu tragen haben: Die Rückzahlung der Kredite reicht bis ins Jahr 2070.