Deutschland und das Thema Künstliche Intelligenz (KI) – das war bislang keine Liebesbeziehung. Ist man doch in der Bundesrepublik in Sachen Wirtschaftskraft in den vergangenen Jahrzehnten eher handfest unterwegs gewesen: Gewissermaßen machten Gehirnschmalz, Schweiß und fossile Brennstoffe dieses Land zum industriellen Zentrum Europas. Und künftig soll man die Innovationen auch den Algorithmen überlassen?

Donnerstag

Wirtschaft in Berlin

Abonnieren Sie kostenlos den Wirtschafts-Newsletter der Berliner Morgenpost

Mit meiner Anmeldung zum Newsletter stimme ich der Werbevereinbarung zu.

Auch am Dienstagmittag auf dem von einem alten Gasspeicher geprägten Euref-Campus in Berlin sind die Telekom und der KI-Pionier Nvidia anfangs etwas schüchtern unterwegs. Einen Teil der Technik, um die es gleich gehen wird, verhüllt auf der Bühne ein schwarzer Vorhang. Daneben stehen Telekom-Chef Tim Höttges und Jensen Huang, CEO des US-amerikanischen KI-Pioniers Nvidia, und verkünden große Pläne. Beide Unternehmen kooperieren auf deutschem Boden in Sachen KI, planen den Bau eines großen Rechenzentrums, eine sogenannte KI-Fabrik. Was das deutschen Firmen bringen soll und ob jetzt die Aufholjagd bei KI beginnt: Wichtige Fragen und Antworten.

Auch interessant

Was genau planen Telekom und Nvidia?

Rund eine Milliarde Euro wollen beide Unternehmen in das Projekt investieren. Mit dem Geld soll in München ein bestehendes Rechenzentrum der Telekom zu einer KI-Fabrik umgebaut werden. Durch den Bau der Serverfarm wird die KI-Rechenleistung in Deutschland um rund 50 Prozent erhöht, so die Unternehmen. Die Telekom übernimmt den Aufbau der Infrastruktur und den Betrieb. Nvidia, der weltweit führende Anbieter von Hochleistungs-Chips, die für das Training und die Nutzung von KI essenziell sind, liefert die Technik. Bislang ist Deutschland bei diesen KI-Chips im Hintertreffen: Telekom-Chef Höttges weist bei der Präsentation darauf hin, dass derzeit lediglich fünf Prozent der KI-Hochleistungs-Chips in Europa genutzt werden – 70 Prozent dagegen in den USA.

Nvidia-CEO Huang zeigt sich am Mittwoch zunächst beeindruckt vom alten, deutschen Ideenreichtum. Deutschland sei das Land der Ingenieure, sagt er. Nur, um wenig später nachzulegen, dass man beim vielfach bemühten Schlagwort Industrie 4.0 ja eine wichtige Sache vergessen habe. „Man hat versucht, die Industrie zu digitalisieren, aber die Automatisierung nicht mitgedacht“, sagt Huang. Jetzt sollten die industriellen Firmen Deutschlands die Möglichkeit ergreifen, die mit KI verbunden seien. Huang jedenfalls sieht hier große Chancen. „Deutschland wird künftig einer der größten KI-Märkte der Welt sein“, prophezeit er etwas überraschend. Er könne es gar nicht abwarten, noch mehr Geld hier zu investieren.

Was genau haben Firmen davon?

Huang und Höttges lüften auf der Bühne im Verlauf der Veranstaltung auch den Vorhang. Zum Vorschein kommt ein sogenannter GPU-Server von Nvidia. Die beiden Manager scheinen das metallerne Gehäuse fast ein wenig zu streicheln. Tausende davon werden sich in dem Münchner Rechenzentrum wiederfinden. Die Technik ist der Treibstoff für die auf den Servern ablaufenden KI-Anwendungen. „Industrial AI Cloud“, haben die beiden Partner ihr Angebot getauft. Es richtet sich an die Großen der Industrie, aber auch kleine Mittelständler, die über die Cloud KI-Anwendungen nutzen können. Wie genau, erklärt Telekom-Chef Höttges.

So könnten zum Beispiel Autos und Flugzeuge in digitalen Windkanälen getestet werden, und auch virtuelle Crashtests werden möglich sein. Auch andere Anwendungen für unterschiedliche Branchen seien denkbar. Grundsätzlich könnten Innovationen so schneller als bislang zur Marktreife gebracht werden. Erste Kunden, die Kapazitäten in der im Frühjahr des kommenden Jahres an Netz gehenden KI-Fabrik buchen, haben Nvidia und die Telekom jedenfalls schon. Ein wichtiger Baustein, um das Geschäft breit auszurollen, ist die Partnerschaft mit der deutschen Softwareschmiede SAP, die mit ihren Programmen ohnehin schon Teil vieler Prozesse der hiesigen Wirtschaft ist.

214943_366_cover.jpg
Merz und die Töchter
Rambo Zambo – Der Merz-Podcast
 

SAP und Telekom betonen, dass die Daten der Münchner KI-Cloud vollständig in Deutschland verbleiben. Beim Umgang mit den Daten kämen nur Mitarbeiter aus Deutschland und Europa zum Einsatz. Und die Technologie stamme aus Deutschland und den USA. Damit gebe es für deutsche und europäische Unternehmen keine Ausflüchte mehr, KI im großen Stil nicht einzusetzen, so Telekom-Chef Höttges.

Profitieren auch deutsche Verbraucher davon?

Zunächst wohl eher nicht, sagt die KI-Expertin Eva-Maria Weiß vom Computermagazin „Heise online“ dieser Redaktion. „Es geht vor allem um die industrielle Nutzung, also darum, dass Industrieunternehmen auf die Rechenkapazitäten zugreifen können“, so Weiß. Demnach habe das Projekt eher nicht mit generativer KI wie ChatGPT zu tun. „Man wird also als Verbraucher nicht daherkommen können und seine kleine Heimanwendung über die Server laufen lassen“, mutmaßt sie.

Ist das jetzt der Startschuss der deutschen Aufholjagd bei KI?

KI-Kennerin Weiß ist in dieser Hinsicht skeptisch. „Es ist sicherlich sinnvoll, in eine solche KI-Fabrik in Deutschland zu investieren, aber es ist auch nicht die erste dieser Art“, sagt Weiß. Sie verweist auf das Forschungszentrum Jülich, wo mit der Jupiter AI-Factory ein ähnliches Projekt entsteht. Weitere seien europaweit in Planung. Dabei könnten die Rechenzentren aber nicht unbedingt mit dem Stargate-Projekt in den USA mithalten. Dort haben sich Tech-Unternehmen wie OpenAI, Softbank und Oracle zusammengeschlossen, um die Rechenzentren für die nächste KI-Generation zu bauen. Geplant sind Investitionen von über 500 Milliarden US-Dollar innerhalb der nächsten vier Jahre.

Auch interessant

Grundsätzlich sei es sinnvoll, sich aus der Abhängigkeit der USA zu lösen, so Weiß mit Blick auf die KI-Fabrik von Telekom und Nvidia. „Für ein Rechenzentrum, das in Deutschland steht, gelten andere Regeln als für eines, das in den USA steht.“ Einen weiteren Arbeitsauftrag an die Bundesregierung formuliert der Branchenverband Bitkom: „Mit Initiativen und Investitionen einzelner Unternehmen ist es nicht getan. Die Rechenzentrumsbetreiber brauchen verlässliche Rahmenbedingungen, schnellere Genehmigungsverfahren und vor allem günstigen Strom“, sagt Bitkom-Präsident Ralf Wintergerst.