In den sozialen Medien wimmelt es nur so von guten oder schlechten Ratgebern. Ausgerechnet Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) gehörte neulich zu den schlechten, wie Hermann Tenhagen, Chefredakteur des Verbraucherportals Finanztip, kritisierte. Auf die Frage eines Instagram-Nutzers nach der Sicherheit der Rente gab der Kanzler im August den Tipp, sich nicht nur auf die gesetzliche Rentenversicherung zu verlassen, sondern zusätzlich privat vorzusorgen. „Ein ganz klein bisschen zu sparen im Monat, 10 Euro, 20 Euro, 50 Euro und das über eine lange Zeit, einfach festlegen, sichert ein sicheres Alterseinkommen“, erklärte Merz.

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Das hat Tenhagen einmal nachgerechnet. Wer mit 20 Jahren anfängt, monatlich zehn Euro in einen Aktien-ETF mit jährlich sechs Prozent Rendite zu stecken, kommt mit 67 Jahren gerade einmal auf ein Vermögen von rund 30.000 Euro. Davon könnte der Sparer den Rest seines Lebens nur 80 Euro monatlich als Zusatzrente beziehen. „Junge Menschen brauchen klare Fakten, keine Nebelkerzen“, schimpfte Tenhagen über die blumige Kanzler-Rechnung.
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Die Skepsis gegenüber der gesetzlichen Rente ist auf Youtube, Instagram oder Tiktok weit verbreitet. Sogenannte Finfluencer, selbst ernannte Finanzexperten, nutzen die Sorge vor Altersarmut systematisch aus, um ihrem Publikum bestimmte Finanzprodukte nahezulegen.
Studie: Einfluss von Finfluencern nimmt zu – Bafin warnt
Eine Studie der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg hat dies im Auftrage der Deutschen Rentenversicherung (DRV) genauer unter die Lupe genommen. Die Forscher kommen zu dem Ergebnis, dass die Rente meist schlecht geredet wird und die Finfluencer sich als Aufklärer positionieren und so Vertrauen gewinnen. „Ihre zentrale Botschaft an ihre Zielgruppe lautet: ‚Ihr müsst aufwachen‘“, heißt es in der Studie.
Dass deren Strategie auf Einnahmen aus der Finanzwirtschaft abzielt, wird nicht immer klar gekennzeichnet. Der Politik wird dabei oft unterstellt, wichtige Informationen und Wahrheiten über die Altersvorsorge zurückzuhalten. „Sie hingegen präsentieren sich als diejenigen, die das Wissen besitzen, das von staatlicher Seite angeblich nicht ausreichend vermittelt wird“, beobachten die Forscher. Ein weiteres Ergebnis der Studie ist, dass der Einfluss der Finfluencer auf potenzielle Sparer oder Anleger zunimmt.
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Qualitativ ist die Bandbreite der Finanzinformationen im Netz gewaltig. Sie reicht von seriösen, gut aufbereiteten Informationen über die Funktionsweise von Aktien, ETF oder Kryptowährungen bis zu Verschwörungslegenden, die von Abzocke der Bürger durch den Staat erzählen. Daher rät die Bundesfinanzaufsicht (Bafin) zur Vorsicht bei Anlagetipps in sozialen Medien. Es gebe durchaus gute Informationen mit seriösem Hintergrund. „Allerdings kursieren dort auch unzählige falsche oder nur teilweise richtige Darstellungen“, warnt die Behörde.
Kunden sind oft unzureichend informiert
Das Problem: Das Angebot an Finanzprodukten aller Art triff auf unzureichend informierte potenzielle Kunden. Eine aktuelle Befragung von Schülern der zehnten Klasse der Universität Tübingen zeigte zudem, dass Mädchen noch weniger über Wirtschaft wissen als Jungen. Doch es ist nicht nur ein Problem der Jüngeren. Das Finanzwissen ist auch bei Älteren nur schwach ausgeprägt. Und die Deutschen überschätzen ihre Kenntnisse. In einer Umfrage des Bankenverbands 2024 gaben 60 Prozent der Befragten an, sich in Finanzfragen gut auszukennen. Doch das tatsächliche Wissen ließe erhebliche Lücken erkennen. So wusste ein großer Teil nicht, was an den Börsen tatsächlich geschieht. Andere Studien der vergangenen Jahre bestätigen diesen Befund.

Junge Leute wünschen sich daher vor allem unabhängige Informationsquellen in Geldfragen. Daran hapert es noch gewaltig. Die Bundesregierung arbeitet zwar an einer Finanzbildungsstrategie. Doch Ergebnisse lassen auf sich warten. Derzeit gebe es eine interne Abstimmung, sagt ein Sprecher des Bundesfinanzministeriums. Immerhin hat das Ministerium mit der Webseite www.mitgeldundverstand.de eine Informationsplattform eingerichtet. Doch die Inhalte sind alles andere als zielgruppengerecht aufbereitet.
„Banken haben im Klassenzimmer nichts verloren“
Ein positives Beispiel hat dagegen die Finanztip-Stiftung auf den Weg gebracht. Seit gut fünf Jahren bietet sie Schulen Unterrichtsmaterialien zu Geldfragen an. Auch gehen Fachleute direkt vor Ort in die Schulen. In den vergangenen zwölf Monaten habe die Stiftung so 150.000 Schülerinnen und Schüler erreicht, sagt Stiftungs-Chef Fabian Dany. Er plädiert dafür, das Finanzwissen stärker in den Lehrplänen der Schulen zu verankern.
Doch die Realität sei eine andere, Dany sieht eine problematische Entwicklung. Die Lücken bei der finanziellen Bildung werde häufig durch externe Anbieter gestopft. Hier sei eine strikte Trennung vonnöten. „Banken und Versicherungen haben im Klassenzimmer nichts verloren“, sagt er.





