Etwas nördlich vom Hermsdorfer Kreuz zählt eine Messstelle die Lkw, die auf der A9 Ostthüringen durchqueren. 13.550 sind es pro Tag. An der Ausfahrt Hermsdorf-Süd geht es durch einen kleinen Birkenwald in ein Gewerbegebiet. Dort liegt das Gelände der Familienspedition Tuh Logistik. Chef ist Wolfgang Heuschkel. Wie fast alle in der Branche sucht er händeringend nach Personal. Wie fast alle in der Branche ärgert er sich über die Bürokratie in Deutschland.

Donnerstag
Wirtschaft in Berlin
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100.000 Berufskraftfahrer fehlen den deutschen Speditionen, schätzt der Bundesverband Güterkraftverkehr, Logistik und Entsorgung (BGL). Tendenz steigend, denn der Altersdurchschnitt der Fahrer, die derzeit auf den Autobahnen unterwegs sind, liegt bei 55 Jahren.
Der Beruf Kraftfahrer hat in Deutschland ein schlechtes Image
„Junge Menschen in Deutschland wollen immer seltener in den Beruf einsteigen“, sagt Iulia Gheorgen aus der Verwaltung bei Tuh. Dafür habe der Beruf ein zu schlechtes Image. Das liege an der schlechten Parkplatzsituation für Lkw in Deutschland, etwa wenn die Kraftfahrer während der Wochenend-Zwangspause auf den Parkplätzen der Autobahnen ausharren müssen. Hinzu komme die mangelhafte Anerkennung für den so wichtigen Beruf, den geringen Komfort in den Fahrerkabinen und dann auch an den hohen Kosten für die Ausbildung zum Berufskraftfahrer. Denn für LKW-Führerschein und Berufskraftfahrerqualifikation müssen mehrere Tausend Euro investiert werden.

In manchen Fällen übernehme zwar das Arbeitsamt die Hälfte Kosten. Wenn dann einer nach der Ausbildung merke, dass der harte Job auf den Autobahnen doch nichts für ihn sei, „dann war die Investition umsonst“, sagt Gheorgen. „Wir können nicht jedem die Ausbildung bezahlen, dafür ist das Risiko zu hoch“, erklärt sie.
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Zusammen mit ihrer Kollegin Skadi Grampe versucht Iulia Gheorgen deshalb, Fahrer im Ausland zu suchen und im Unternehmen fest anzustellen. Kommen sie aus EU-Ländern, sei das in der Regel kein Problem. Denn egal in welchem EU-Land der Führerschein und die Berufskraftfahrerqualifikation erworben wurde – sie sind überall anerkannt.
Doch Zeitarbeitsfirmen aus Polen und Litauen stellen auch Männer aus Nicht-EU-Ländern ein, etwa Kirgisistan oder Kasachstan. Deren Berufskraftfahrerqualifikation und Führerschein werden in Deutschland nicht einfach so anerkannt. Auch für Heuschkels Spedition fahren manche von ihnen.
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Bürokratie verhindert Anstellung von Fachkräften aus EU-Ausland
Und die würde Firmenchef Heuschkel gerne langfristig an sein Unternehmen binden, zumindest, wenn er mit ihnen gute Erfahrungen gemacht hat. Das würde ihm selbst Planungssicherheit geben und auch sein Fachkräfteproblem lösen. Die Fahrer müssen nicht alle vier Monate wieder zurück in ihr Heimatland fliegen, um das Visum zu erneuern. Und, was noch wichtiger ist: Sie würden nach deutschem Mindestlohn bezahlt und nicht mehr nach dem niedrigen polnischen oder litauischen Lohn der Zeitarbeitsfirma.
Tatsächlich kommen immer häufiger Berufskraftfahrer aus Kasachstan, Kirgisistan, dem Nahen Osten und sogar aus Asien nach Europa, sagte Tomasz Weber, Leiter der Kommunikation der großen Zeitarbeitsfirma Girteka aus Litauen, der „Deutschen Verkehrszeitung“. Sie könnten einen Teil der fehlenden Lkw-Fahrer decken, wenn die bürokratischen Hürden für ihre Anstellung nicht so hoch wären.
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Ein Problem der deutschen Bürokratie: Lange Bearbeitungszeiten in Behörden
Wie sehr die Bürokratie die Einstellung von Fachkräften aus dem Ausland lähmt, haben Gheorgen und Grampe in einer roten Mappe dokumentiert. „Ausländerbehörde“ steht drauf. Darin haben die beiden Informationen über die Anforderungen der Ausländerbehörde, des Zolls und des Landratsamts mühsam über die Monate zusammengesucht. Denn eine zentrale Stelle für Informationen gibt es nicht.
„Wenn es irgendwo eine Liste gegeben hätte mit Dokumenten, die wir abhaken können, hätte uns das schon sehr geholfen“, sagt Grampe. Stellen die beiden eine Anfrage an die Ausländerbehörde, dann braucht es oft einige Wochen, sogar Monate, bis sie eine Antwort bekommen. Und fällt die eine zuständige Person krankheitsbedingt aus, gibt es keinen Ersatz und sie müssen noch länger warten.
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Fachkräfte aus EU-Ausland müssen teils absurde Anforderungen der Bürokratie erfüllen
„Wir haben vor Monaten eine Anfrage gestellt und jetzt ist Ende Januar und wir haben immer noch keine Antwort“, sagt Heuschkel. Wenn dann doch Antworten kommen, sind sie oft frustrierend. Ein Fahrer sollte zum Beispiel zurück nach Kasachstan, um dort sein Visum zu beantragen. Häufig dauere es Monate, bis es ausgestellt sei.
Im Aufenthaltsraum von Tuh ist es kalt. Die Fenster sind weit geöffnet, die Tür nach draußen auch. Zwei Lkw-Fahrer stehen hier und rauchen. Einer der beiden kommt aus Kasachstan. Er ist einer der Fahrer, die Heuschkel ans Unternehmen binden will. Mit Journalisten möchte der Mann nicht sprechen. Das wäre auch kaum möglich, denn er spricht kein Deutsch. Eine weitere Hürde für Fahrer aus dem EU-Ausland. Denn die Prüfung für den Berufsfahrerqualifikationsnachweis müssen sie auf Deutsch ablegen.
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Unternehmerverbände fordern Entbürokratisierung und niedrigere Anforderungen
Mehrere Verbände wie der BGL oder die Deutsche Industrie- und Handelskammer (DIHK) fordern deshalb neben der Entbürokratisierung, dass die Fahrer die Prüfungen in ihrer Muttersprache ablegen können – und die Theorieprüfung auch digital. Durch diese hohen Hürden würden Deutschland jährlich 5000 Fahrer verloren gehen, sagt die DIHK. In den vergangenen drei Jahren habe sich bei der Entbürokratisierung nichts getan.
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Doch wenn die künftige Regierung nicht handelt, könne der Personalmangel zum Problem werden und die Lieferketten gefährden, sagt Wolfgang Bulheller von der BGL. „Da schneiden wir uns das Bein ab, auf dem wir stehen“, findet auch Heuschkel. „Der Normalbürger versteht erst, wie wichtig Lieferketten sind, wenn nach einer Woche das Amazon-Paket nicht ankommt oder die Regale bei Lidl leer sind.“










