Etwas verloren steht Alexander Gerst vor dem Berliner Marie-Elisabeth-Lüders-Haus. Der deutsche Astronaut ist eingeladen, um vor dem Wirtschafts- und Energieausschuss des Bundestages zu sprechen. Allerdings ist er 40 Minuten zu früh. Die Abgeordneten sind noch nicht da, die angemeldeten Zuschauer stecken in der Sicherheitsschleuse.

Donnerstag

Wirtschaft in Berlin

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Wie Alexander Gerst im schwarzen Anzug, geputzten schwarzen Schuhen und perfekt getrimmten Bart mit verschränkten Armen vor dem Parlamentsgebäude steht, könnte man ihn auch für einen Mitarbeiter der Security halten – wäre da nicht die graue Krawatte, auf der silberne Streifen an den Saturn erinnern, sowie ein kleiner Ansteck-Astronaut am Revers. Und das freund­liche Lächeln.


Das Wichtigste in Kürze:

• Der deutsche Astronaut Alexander Gerst war am Donnerstag zu Gast im Bundestag

• Zusammen mit ESA-Generaldirektor Johann-Dietrich Wörner sprach Gerst im Wirtschaftsausschuss

• Gerst appellierte an die Abgeordneten, nachhaltig zu agieren

• Mit politischen Aussagen blieb er diplomatisch

Als Johann-Dietrich Wörner, Generaldirektor der Europäischen Weltraumorganisation ESA, und Pascale Ehrenfreund, Vorstandsvorsitzende des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt, vorfahren, winkt Gerst ihnen erfreut zu.

„Astro Alex“ war insgesamt fast ein Jahr im All

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Kein deutscher Astronaut war länger im Weltraum als der 43-Jährige aus Künzelsau. 362 Tage verbrachte er binnen zwei Missionen im All, zuletzt war er im Zuge der „Horizons“-Mission als Wegen seines Synonyms in den sozialen Netzwerken ist Gerst auch als „Astro Alex“ bekannt.

Astronauten haben schon immer die Neugier der Menschen geweckt, Alexander Gerst hat die Faszination perfektioniert. Auf Twitter,
Instagram und in seinem persönlichen Blog teilt „Astro Alex“ Fotos von der Erde, aufgenommen in der ISS. Erkennbar sind dort unter anderem die Abholzung des Amazonas-Regenwaldes, die ausgetrockneten Landstriche Deutschlands während der letztjährigen Dürre, die winzigen Punkte fliegender Raketen in Kriegsgebieten.

Mit EU-Flagge in der ISS

Gerst warnt vor den Folgen des Klimawandels, in einem Video richtete er sich fünf Tage vor Weihnachten von der ISS aus an seine noch ungeborenen Enkelkinder: „Wenn ich so auf den Planeten herunterschaue, dann denke ich, dass ich mich bei euch leider entschuldigen muss. Im Moment sieht es so aus, als ob wir, meine Generation, euch den Planeten nicht gerade im besten Zustand hinterlassen werden.“

Vergangenen Montag warb er mit dem Foto einer EU-Fahne, aufgenommen in der ISS, für die Europawahl. Gerst ist eben mehr als ein Astronaut, er verknüpft seine Forschung im All mit politischen Aussagen. Auch deshalb ist er Gast im Bundestagsausschuss.

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Bundestagsabgeordnete gehen auf Selfie-Jagd

Zusammen mit Wörner und Ehrenfreund eilt Gerst die Treppe zum Sitzungssaal hinauf. Hinter ihm folgt eine Gruppe Auszubildender des Bremer Raumtransport-Unternehmens Ariane, die gerade den Sicherheitscheck hinter sich gebracht haben. Vor dem Saal wird „Astro Alex“ von einer Schülergruppe des Orbitall-Raumfahrtzentrums FEZ Berlin empfangen, die sich getreu ihres Vorbilds in graue T-Shirts mit „Horizons“-Aufkleber gekleidet hat.

Auf ein Selfie mit ihrem Idol warten die Schüler aber vergebens. „Sonst wollen alle und dann kommen wir heute nicht mehr durch“, sagt Gerst entschuldigend. Um Selfies kommt er dennoch nicht herum. Im Sitzungssaal preschen die Abgeordneten vor, knipsen sich mit dem Astronauten. Zwei Minuten vor Sitzungsbeginn warten noch acht Abgeordnete auf ein Foto. Der Ausschussvorsitzende Klaus Ernst (Die Linke) hat derweil eine Spielzeugrakete vor sich drapiert, ein Geschenk der Ariane-Auszubildenden.

Alexander Gerst: Seine All-Bilder 2014

"Learning to fly", kommentierte er dieses Selfie, das sich schwerlich toppen lässt.
"Learning to fly", kommentierte er dieses Selfie, das sich schwerlich toppen lässt.© Alexander Gerst/ESA | @astro_alex
Im Juni 2014 startete Alexander Gerst ins All – als Kommandant der ISS-Crew. Während der Reise entstanden zahlreiche spektakuläre Fotos. Dieses Bild wurde auch sein erfolgreichstes – keines wurde auf Twitter häufiger weiterverbreitet und favorisiert: Über Gaza und Israel seien aus dem All die Raketen über Gaza und Israel und die Explosionen zu sehen. Oft wurden die Bilder des deutschen Astronauten Alexander Gerst auch als Botschaften aufgenommen. Wir haben die zehn beliebtesten und einige weitere eindrucksvolle zusammengetragen.
Im Juni 2014 startete Alexander Gerst ins All – als Kommandant der ISS-Crew. Während der Reise entstanden zahlreiche spektakuläre Fotos. Dieses Bild wurde auch sein erfolgreichstes – keines wurde auf Twitter häufiger weiterverbreitet und favorisiert: Über Gaza und Israel seien aus dem All die Raketen über Gaza und Israel und die Explosionen zu sehen. Oft wurden die Bilder des deutschen Astronauten Alexander Gerst auch als Botschaften aufgenommen. Wir haben die zehn beliebtesten und einige weitere eindrucksvolle zusammengetragen. © Alexander Gerst/ESA | @astro_alex
Das zweitbeliebteste Bild ist einfach nur schön: Gerst fliegt durch Polarlichter.
Das zweitbeliebteste Bild ist einfach nur schön: Gerst fliegt durch Polarlichter.© Alexander Gerst/ESA | @astro_alex
Dieses Bild nannte er sein schlichtestes – und doch ist es so faszinierend.
Dieses Bild nannte er sein schlichtestes – und doch ist es so faszinierend.© Alexander Gerst/ESA | @astro_alex
Und dann noch mit einem Sonnenaufgang dazu. Tränen in den Augen habe er gehabt. Gerst lässt seine Follower auch an seinen Gefühlen teilhaben.
Und dann noch mit einem Sonnenaufgang dazu. Tränen in den Augen habe er gehabt. Gerst lässt seine Follower auch an seinen Gefühlen teilhaben.© Alexander Gerst/ESA | @astro_alex
Faszinierender Schrecken – ein Supertaifun aus dem All.
Faszinierender Schrecken – ein Supertaifun aus dem All. © Alexander Gerst/ESA | @astro_alex
Ein weiteres Bild vom Flug durch Polarlichter landete unter den zehn beliebtesten.
Ein weiteres Bild vom Flug durch Polarlichter landete unter den zehn beliebtesten.© Alexander Gerst/ESA | @astro_alex
Dieses Fotos postete er in dem zweiten von drei Tweets mit den Worten: „Um zu erkennen, dass Menschen im All leben können, musste ich ein halbes Jahr hier oben verbringen. Um zu erkennen, wie schön die Erde ist, brauchte ich eine Minute. Um zu erkennen, wie zerbrechlich unser kleiner blauer Planet ist, brauchte ich nur einen Augenblick.“
Dieses Fotos postete er in dem zweiten von drei Tweets mit den Worten: „Um zu erkennen, dass Menschen im All leben können, musste ich ein halbes Jahr hier oben verbringen. Um zu erkennen, wie schön die Erde ist, brauchte ich eine Minute. Um zu erkennen, wie zerbrechlich unser kleiner blauer Planet ist, brauchte ich nur einen Augenblick.“© Alexander Gerst/ESA | @astro_alex
Unter den deutschsprachigen Tweets des Astronauten war das der populärste. Es ist kein Foto aus dem Fenster, sondern ein Bild auf der ISS: Nach dem WM-Finale schickte der Experte in Sachen Sterne den Gruß zum vierten Stern ans DFB-Team.
Unter den deutschsprachigen Tweets des Astronauten war das der populärste. Es ist kein Foto aus dem Fenster, sondern ein Bild auf der ISS: Nach dem WM-Finale schickte der Experte in Sachen Sterne den Gruß zum vierten Stern ans DFB-Team.© Alexander Gerst/ESA | @astro_alex
Das Foto von Schottland bei wolkenfreiem Himmel schaffte es auch unter seine zehn populärsten Fotos.
Das Foto von Schottland bei wolkenfreiem Himmel schaffte es auch unter seine zehn populärsten Fotos. © Alexander Gerst/ESA | @astro_alex
Erinnerungen, die bleiben werden: „Ich werde nie die goldenen Spiegelungen des Sonnenaufgangs auf der Hülle unseres Schiffs vergessen“.
Erinnerungen, die bleiben werden: „Ich werde nie die goldenen Spiegelungen des Sonnenaufgangs auf der Hülle unseres Schiffs vergessen“.© Alexander Gerst/ESA | @astro_alex
Wieder zurück auf der Erde twitterte er bald dieses Bild: „Gelandet. Die Erde riecht großartig. Und mir ist zum ersten Mal das Wort „Heimatplanet“ wirklich klar geworden.“
Wieder zurück auf der Erde twitterte er bald dieses Bild: „Gelandet. Die Erde riecht großartig. Und mir ist zum ersten Mal das Wort „Heimatplanet“ wirklich klar geworden.“ © ESA | ESA
Stunden vor seiner Landung postet er zum 25. Jahrestag des Mauerfalls das Foto von Berlin: „Hallo Berlin! Von hier oben sieht man keine Grenzen.“
Stunden vor seiner Landung postet er zum 25. Jahrestag des Mauerfalls das Foto von Berlin: „Hallo Berlin! Von hier oben sieht man keine Grenzen.“© Alexander Gerst/ESA | @astro_alex
„Learning to fly“, kommentierte er dieses Selfie, das sich schwerlich toppen lässt.
„Learning to fly“, kommentierte er dieses Selfie, das sich schwerlich toppen lässt. © Alexander Gerst/ESA | @astro_alex
Nach seinem All-Spaziergang schrieb er, dass ihm die richtigen Worte fehlen, um ihr Tun zu beschreiben. „Aber dieses Foto vermittelt einen ganz guten Eindruck.“
Nach seinem All-Spaziergang schrieb er, dass ihm die richtigen Worte fehlen, um ihr Tun zu beschreiben. „Aber dieses Foto vermittelt einen ganz guten Eindruck.“© ESA | ESA
Von Deutschland hatte der deutsche Astronaut etliche Bilder geschickt. Hier ist der Tagebau westlich von Köln zu sehen.
Von Deutschland hatte der deutsche Astronaut etliche Bilder geschickt. Hier ist der Tagebau westlich von Köln zu sehen.© Alexander Gerst/ESA | @astro_alex
Am Boden vielleicht öde. Aus dem All betrachtet seien Wüsten unter den abwechslungsreichsten Landschaften, erklärte er.
Am Boden vielleicht öde. Aus dem All betrachtet seien Wüsten unter den abwechslungsreichsten Landschaften, erklärte er.© Alexander Gerst/ESA | @astro_alex
Das Bild zeigt einen Sandsturm in Afrika und gewaltige Gewitterzellen.
Das Bild zeigt einen Sandsturm in Afrika und gewaltige Gewitterzellen. © Alexander Gerst/ESA | @astro_alex
Hier sah er einen Künstler am Werk: „Wie die Palette eines Malers. Das Wolgadelta.“
Hier sah er einen Künstler am Werk: „Wie die Palette eines Malers. Das Wolgadelta.“© Alexander Gerst/ESA | @astro_alex

Gerst ist bei allen Fraktionen beliebt

Ein Vorteil von Gerst ist, dass er bei allen Fraktionen beliebt ist. Selbst die AfD, von der zahlreiche Abgeordnete den von Gerst bebilderten Klimawandel leugnen, inszeniert den Astronauten für die erfolgreiche nationale Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands. Entsprechend haben die AfD-Fragen an den Astronauten weniger mit Klima- und Energiepolitik zu tun. Kann man im All eigentlich schmecken, riechen, fühlen, wird stattdessen gefragt – Gerst bejaht.

Bei SPD, Linke und Grüne findet Gerst viel Sympathie, seine Warnungen lassen sich mit den klimapolitischen Zielen der Parteien verbinden. Doch „Astro Alex“ stellt klar: „Ich bin weder ein Energieexperte noch möchte ich hier mit erhobenem Zeigefinger stehen und Empfehlungen geben.“ Ihm ginge es um Beobachtungen. Und beobachten lasse sich, dass die Menschheit derzeit nicht nachhaltig agiere.

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Auch bei der Krim-Frage geht er nicht aus der Deckung

Gerst warnt vor Verteilungsproblemen, die Kriege produzierten. Aber er geht nicht aus der Deckung, verhält sich politisch neutral, diplomatisch. Auf die Frage von Klaus-Peter Willsch (CDU), wie Gerst vor seiner ersten Mission die Eskalation auf der Krim wahrgenommen habe, antwortet der Astronaut: „Menschen eines Staates sind nicht gleich zu ihrer Regierung.“ Er sei mit seinen russischen Kollegen befreundet, auch wenn er nicht jede ihrer Ansichten teile.

Statt sich politisch zu positionieren, redet Gerst lieber über den Sinn der Raumfahrt, über die Forschung, die im All möglich sei und die Menschen auf der Erde helfe – vom Kampf gegen Parkinson bis hin zur effektiveren Nutzung von Beton.

Eine große Intention habe er, sagt „Astro Alex“ und zeigt ein Bild von einem Mädchen in einem selbst gebastelten Raumanzug: „Wenn das Mädel denkt: Der Alexander Gerst ist kein Held, was der kann, das kann ich schon lange, dann ist mein Ziel erfüllt.“

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• Der Bundestag war am Mittwoch nicht das einzige Ziel in Berlin von Alexander Gerst. Auch auf der war er zu Gast.

(Tobias Kisling)


Ich bin weder ein Energieexperte noch möchte ich hier mit erhobenem Zeigefinger Empfehlungen geben
Alexander Gerst,