Früher erkannte man den Grillmeister auf Gartenparties sofort: Schwarze Kohlereste hafteten an seinen Händen, die mit Paraffin verklebt waren – das Hantieren mit Briketts und Grillanzündern hinterließ Spuren. Noch immer werden zwei von drei gekauften Grills in Deutschland mit Holzkohle befeuert. Doch der Dreifuß mit wackeligen Beinen aus dem Baumarkt ist allenfalls noch bei Studenten erste Wahl. Der Grill von heute tendiert zum Statussymbol, das sich der Fleischfreund etwas kosten lässt.

Donnerstag

Wirtschaft in Berlin

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1,2 Milliarden Euro im Jahr geben die Deutschen fürs Grillen aus. Knapp zwei Drittel davon entfallen auf die eigentlichen Grillgeräte. Doch bei den Absatzzahlen kühlt die Glut langsam ab. Zugleich läuft das Geschäft mit Zubehör und Ersatzbedarf heiß. Am Open-Air-Brutzeln hängt ein Arsenal von Utensilien, das immer größer und spezieller wird. Ein Kulturwandel könnte dem Milliardenmarkt noch mehr Wachstum bringen. Im Zeitalter des Touchscreen-Grills geht der Trend zum Barbecue per Bluetooth.

Markt ist gesättigt

„Hochwertige, höherpreisige und großvolumige Grillgeräte sind populärer geworden“, weiß Christian Lerch vom Institut für Handelsforschung (IFH) in Köln. Er hat die Entwicklung für den „Branchenfokus Grillen 2017“ analysiert, eine Studie in Kooperation mit dem Industrieverband Garten (IVG). Der profitiert seit Jahren vom Volkssport Grillen. 6,6 Prozent der Umsätze im gesamten Gartenmarkt gingen 2016 auf diesen Bereich zurück. Unter den Warengruppen in Gartencentern verzeichnet die Grillecke bisher die höchsten relativen Umsatzzuwächse im Langzeittrend.

Doch die Wachstumskurve wird flacher. Die Branche, die 2010 erstmals die Milliardenmarke geknackt hatte, kommt an Grenzen. Das Umsatzplus lag zwischen 2014 und 2015 noch bei 3,3 Prozent. 2016 hat es sich nahezu halbiert – auf 1,7 Prozent. Lerch interpretiert das so: „Der Grillmarkt ist erwachsen geworden. Wir beobachten eine Marktsättigung.“ Die flammende Gegenrede kommt aus dem Schwäbischen, von Ebbo Christ. „Ich kann keine Stagnation feststellen“, sagt er. „Im Gegenteil, die Leute lassen sich Qualität mehr kosten als früher.“

„Es geht nicht nur um Technik, sondern um Emotionen“

Christ ist ein Mann der Praxis. Seit fast 20 Jahren betreibt er einen Grillfachhandel nahe Stuttgart: 1000 Quadratmeter Ausstellungsfläche, Geräte aller Preis- und Leistungsklassen, dazu eine wahre Zubehörflut – von der Räucherbox mit Meeresküsten-Aroma bis zur Grillschürze mit integriertem Flaschenöffner. Angefangen hat auch Christ mit Kohle an den Händen. Später holte er den offiziellen Titel des Deutschen Grillmeisters. In der Weltrangliste kletterten er und sein Team bis auf Rang fünf. Christ lebt nicht nur vom Grillen, er liebt es.

Als Geschäftsführer der German Barbecue Association (GBA) ist er eine Art Botschafter dieser Zunft. „Es geht heute nicht mehr nur um technische Geräte, es geht um Emotionen“, sagt er. Die steigenden Kundenansprüche vergleicht er mit denen beim Kaffeekonsum. „In den 1980er-Jahren hat man für 20 Mark irgendeine Kaffeemaschine gekauft, heute steht in vielen Haushalten eine Espressomaschine für einige Hundert Euro.“

Grills im Premiumsegment kosten bis zu 15.000 Euro

Aufs Brutzeln übertragen: „Zu D-Mark-Zeiten war es kaum denkbar, 1000 Mark für einen Grill auszugeben. Heute ist ein 500-Euro-Grill Massenware.“ Gehobene Geräte kosten schnell mehr als 1000 Euro, das Premiumsegment reicht bis 15.000 Euro. Dafür steht dann aber auch gleich eine ganze Grillküche auf der Terrasse.

Oder ein klassisch amerikanischer Barbecue-Smoker rollt in den Garten, mit einem Rauchfang, der an eine alte Dampflokomotive erinnert – nur dass unter diesem Schornstein pure Hochtechnologie steckt: Infrarot-Drehspießbrenner, Digitalthermometer mit Fleischmesssonden, Grillzonen-Trennblätter fürs Brutzeln mit unterschiedlichen Temperaturen direkt nebeneinander. Otto Normalbrutzler vertraut eher dem Kugelgrill, dem Bestseller der Branche.

Grillen im Garten wird immer professioneller

Weil der und auch andere günstigere Geräte heute deutlich besser verarbeitet und damit langlebiger sind als früher, schwächelt insgesamt der Absatz. Umso mehr rückt das Zubehör in den Fokus. „Es entwickelt sich überdurchschnittlich und hat in den vergangenen Jahren das Marktwachstum angekurbelt“, sagt IFH-Analyst Lerch. Das Grillen im eigenen Garten werde „immer professioneller betrieben, entsprechend qualitativ und umfangreich soll daher das Zubehör sein“.

Wer seine Partygäste am Rost beeindrucken will, hat keine profane Grillzange mehr zur Hand, sondern eine mit eingebauter Lampe und Thermometer. Aluminiumschalen mögen noch in Parks oder auf Campingplätzen dominieren. Daheim sind Wokeinsätze, Pizzasteine und Gemüsekörbe bei ambitionierten Gastgebern längst Standard. Der Profi schließlich muss nach einer WLAN-gesteuerten Machtdemonstration den Grill nicht mehr von Fett- und Rauchrückständen befreien.

Grill-Seminare sind die Wachstumstreiber der Branche

Das erledigt das Luxusgerät selbst, vollautomatisch. Das größte Wachstumspotenzial der Branche aber liegt offenbar im Bereich Weiterbildung. Grillakademien schießen aus dem Boden; Kurse, Seminare und Vortragsreihen sind ausgebucht. Die 1. Württembergische Grillschule, 2005 von Ebbo Christ als erste dieser Art bundesweit gegründet, hat zahllose Nachahmer gefunden.

Für die großen Hersteller ist dieser Zweig längst ein Wirtschaftsfaktor: Das Unternehmen Weber-Stephen, zumindest in Sachen Werbung der Primus im Markt, heizt die Volkssportstimmung an 24 Event-Standorten bundesweit an. Die „Grill Academy“ ist relativ gesehen der mit Abstand größte Wachstumstreiber im Konzern. Ihr Umsatz kletterte von 1,8 Millionen Euro 2014 auf 6,3 Millionen Euro 2015 – ein Plus von 350 Prozent.