Feierabend um 19 Uhr und die Kollegen sagen: „Was, heute nur halbtags?“. Das Hotel ersetzt die meiste Zeit das Zuhause, an Wochenenden geht außer schlafen und Sport nichts mehr: Normalität für Charlie Kant, vier Jahre lang. Sie hat als Unternehmensberaterin gearbeitet. In einer Branche, in der man stolz ist auf den gelegentlichen „Allnighter“ – eine durchgearbeitete Nacht am Ende eines langen Arbeitstages. „Man hält es durch oder geht. Keiner tritt an, um das Wesen des Beraterdaseins zu ändern“, erzählt Kant.

Donnerstag

Wirtschaft in Berlin

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Die Beraterbranche hat im Jahr 2017 ihren Umsatz nach eigenen Angaben um 8,5 Prozent gesteigert. Auf 31,5 Milliarden Euro. Die Arbeitswelt steckt im digitalen Wandel, das kommt den Beratern zugute, die auch gerufen werden, um diesen Wandel zu begleiten. Und dabei kommt es auf Zeit an. Zeit ist Geld. Alles ist machbar, wird suggeriert.

Das Belohnungssystem funktioniert gut

Charlie Kant heißt in Wirklichkeit anders. Das Pseudonym hat die 29-Jährige für ihr Buch „Wie lang ist die Extrameile?“ (Schwarzkopf & Schwarzkopf, 14,99 Euro) gewählt, in dem sie pointiert aus dem Berateralltag erzählt. Tragikomische Einblicke sind das. Die Autorin bleibt anonym. Sie wolle niemanden diffamieren, sondern nur zeigen, was ist. „Ich bin im Guten gegangen.“ Die Arbeit habe immer wieder auch Spaß gemacht. Zum Wesen der Branche gehört, dass das Belohnungssystem funktioniert. Herausforderung, Feedback, Geld.

Aber dann wiederum kann niemand Feierabend machen, bevor nicht auch der letzte Anwesende mit seiner letzten Excel-Tabelle fertig ist, weil das einfach schlecht aussähe. Und wenn man schon mal dabei ist, so viel Zeit miteinander zu verbringen, kann man auch gleich zusammen in den Urlaub fahren. So verschmilzt das Privatleben mit dem Job, Abgrenzung wird unmöglich.


Top-Anwälte, Banker, Manager liefern gerne den Sondereinsatz

Symptomatisch für die Zeit, in der wir leben: So sieht es der emeritierte Professor der ETH Zürich, Theo Wehner. Diese extreme Arbeitskultur gelte längst nicht mehr nur für die Beraterwelt, sagt der Arbeits- und Organisationspsychologe, sondern für viele wissens- und dienstleistungsintensive Berufe. Top-Anwälte, Banker, Manager – gerade Führungskräfte gingen natürlich die sogenannte Extrameile. Liefern also den Sondereinsatz, den es braucht, weil das Projekt nicht in der regulären Arbeitszeit und auch nicht mit ein bis zwei Überstunden zu schaffen ist.

Charlie Kant, Autorin des Buches 'Wie lang ist die Extrameile?" am 24.04.2018 in Berlin.
Charlie Kant, Autorin des Buches 'Wie lang ist die Extrameile?" am 24.04.2018 in Berlin.© Maurizio Gambarini | Maurizio Gambarini


Dass die Extrameile um Mitternacht beginnt, gilt in Beraterkreisen als geflügeltes Wort. 96 Prozent der 1,7 Milliarden Überstunden in Deutschland im Jahr 2016 wurden nach Zahlen aus dem Mikrozensus von Führungskräften, Akademikern und speziell ausgebildeten Fachkräften geleistet. Und laut Arbeitszeitmonitor 2016 des Gehaltsdienstleisters Compensation Partner stehen Unternehmensberater an der Überstunden-Spitze.


Der extreme Einsatz zum Start hört nie wieder auf

Professor Wehner nennt es „interessengeleitete Selbstausbeutung“ und er weiß, wie sie entsteht. „Da kommen die mit Wissen vollgestopften Absolventen von den Unis, die darauf brennen zu zeigen, was sie können. Das ist ein stückweit verständlich“. Die Denkweise vieler Einsteiger ihm zufolge: „Das ist nur für den Übergang. Ich will Partner werden, deshalb lohnt sich der extreme Einsatz.“ Nur hört der extreme Einsatz nie wieder auf. „Wer in dem System bleibt, hat es verinnerlicht und gibt es dann weiter. Und selbst wer geht, bleibt davon geprägt“, stellt er fest.

16.000 Beraterfirmen gibt es in Deutschland – von den weltweit agierenden Traditionsriesen wie McKinsey und Boston Consulting Group bis zu kleineren, spezialisierten Firmen. Die Ansprüche an die Kandidaten sind hoch. Wer reinkommt, kann sich erst mal glücklich schätzen.


Die Wirtschaft hat sich dieses System geschaffen

Der Professor sieht die Verantwortung in der Wirtschaft. „Den Unternehmen ist es gelungen, ihre Aufgabe, für gute Abläufe zu sorgen, an die Mitarbeiter zu delegieren.“ Es klinge nach einem großen Versprechen, dass jeder seine Arbeit selbst organisieren dürfe. Aber was dabei herauskomme, sei die völlige Erschöpfung.

„Wir sehen das im Burn-out. Der Verursacher ist nicht die Psyche, sondern der Kontext. Die dauerhafte Präsenz, die Erreichbarkeit rund um die Uhr.“ Es sei ein schleichender Prozess gewesen in den vergangenen zehn bis 25 Jahren. „Als gäbe es nicht so etwas wie unternehmerische Verantwortung“, klagt Wehner.


Paradigmenwechsel durch junge Generation nicht in Aussicht

Aber ist diese Art zu arbeiten nicht ein Auslaufmodell? Wehren sich nicht immer mehr Menschen dagegen? Wächst da nicht eine junge Generation heran, die mehr will vom Leben als nur Bestätigung durch Geld und Karriere? Nein, von einem Paradigmenwechsel sieht der Arbeitspsychologe die Gesellschaft weit entfernt. „Die Zahl der Consultant-Büros nimmt weiter zu, und es wird in unserer erfolgs- und leistungssüchtigen Gesellschaft immer Menschen geben, die dieses Leben auf sich nehmen“, sagt er. Auch die junge Generation sei nicht so einheitlich, wie sie beschrieben werde.

Er habe für seine Arbeit mit vielen überforderten Menschen gesprochen. Teenager „vollgepumpt mit Ritalin“, gestresste Abiturienten, 30-Jährige mit Burn-out. Die Erschöpfung werde als persönliches Problem gesehen, dabei sei sie eine gesellschaftliche Tatsache. „Der Mensch braucht Grenzen zwischen Beruf und anderen Lebensbereichen, und die Vereinbarkeit gelingt heute nicht. Man hat große gesellschaftliche Errungenschaften wie die Mittagspause und den Feierabend vergessen“, sagt er.


Beraterfirmen haben eine hohe Mitarbeiter-Fluktuation

Charlie Kant ist smart und schnell. Eine, die Herausforderungen sucht. Sie will ihre Fähigkeiten nutzen, will mit motivierten Menschen zusammenarbeiten, Verantwortung übernehmen. Aber sie will auch ein Leben, in dem die Arbeit Grenzen hat. Deshalb hat sie der Beraterbranche nach vier Jahren den Rücken gekehrt – genau im Schnitt, sagt sie. Consultant-Firmen haben eine hohe Mitarbeiter-Fluktuation. „Viele bleiben drei bis fünf Jahre, um dann woanders in eine gute Position zu kommen.“ Sie ist zu einem Industrieunternehmen gegangen, in dem eine Acht-Stunden-Schicht als vollwertiger Arbeitstag gilt.

So eine Arbeitskultur sei für Unternehmensberater nicht realistisch, sagt sie zwar, aber Verbesserungen im Kleinen hält Kant durchaus für machbar. Pitches, also Bewerbungen um Aufträge, sollten nicht mehr in letzter Minute beschlossen werden, sodass nächtliches Durcharbeiten gleich eingepreist ist. Und Ideen zur Entlastung, die schon da sind, sollte man ernsthaft umsetzen – wie ein „Me Day“, also ein „Ich-Tag“. An dem soll man schon um 19 Uhr ins Privatleben verschwinden dürfen.