„Das Sparen“, das liege in der småländischen Natur, sagte Ikea-Gründer Ingvar Kamprad einst in einer schwedischen TV-Dokumentation anlässlich seines 90. Geburtstages vor knapp zwei Jahren. Dort, in der südschwedischen Region Småland, wo Kamprad aufgewachsen ist, „weiß man, was eine Krone Wert ist“, fügte der Unternehmer an.

Donnerstag
Wirtschaft in Berlin
Abonnieren Sie kostenlos den Wirtschafts-Newsletter der Berliner Morgenpost
Mit meiner Anmeldung zum Newsletter stimme ich der Werbevereinbarung zu.
Nie machte Kamprad ein Versteckspiel aus der Tatsache, dass er gerne jede Krone zweimal umdreht. Zeitlebens haben sich die Schweden darüber liebevoll lustig gemacht. Und so gibt es bis heute zahlreiche Anekdoten über den hart rechnenden Kaufmann. So seien etwa die Bleistifte in den Möbelhäusern nur aus Kostengründen halb so lang wie normale Bleistifte. Und man erzählt sich von Kamprads Auftritten auf den allerfeinsten Banketts und Wirtschaftspreisverleihungen – in hippiehaften Secondhandkleidern.
Der Weltkonzern Ikea betreibt 355 Warenhäuser
Nun ist der Ikea-Gründer im Alter von 91 Jahren gestorben. Kamprad sei in seinem Heim in Småland friedlich eingeschlafen, teilte das Unternehmen am Sonntag mit. Es bleiben seine drei Söhne und ein Weltkonzern, das 355 Warenhäuser und 149.000 Mitarbeiter umfasst und rund 36 Milliarden Euro Jahresumsatz macht. Es bleibt ein Lebenswerk, das die Art zu Wohnen der Menschen weltweit verändert hat.
1896 war Kamprads Großvater, ein entfernter Verwandter von Paul von Hindenburg und Sohn eines Großgrundbesitzers, aus Thüringen nach Schweden ausgewandert. Kamprad wurde 1926 geboren und wuchs auf dem väterlichen Bauernhof in Småland auf, dem größten in der Gegend, bestückt mit lukrativen Waldgebieten.
Völlig mittellos und unbeschlagen in unternehmerischen Fragen war Kamprad also nicht, als er mit sieben durch die Gegend zog und erfolgreich Streichhölzer, Papierwaren und Saatgut verkaufte. Noch während seiner Kaufmannsausbildung ließ er 1943 im Handelsregister die Gemischtwarenfirma Ikea eintragen. Das sind die Anfangsbuchstaben seines Namens, dem Hof vom Vater (Elmtaryd) und dem Ort Agunnaryd. Mit ein paar Angestellten verkaufte Kamprad Stifte, Geldbörsen, Bildrahmen, Uhren und sogar Nylonstrümpfe.
Möbel für den kleinen Mann mit schmalem Geldbeutel
Im Visier hat Kamprad schon damals den kleinen Mann mit schmalem Geldbeutel. „Ich sah die armen Landarbeiter, die nicht im Haus, sondern im Stall essen mussten“, erzählt er im Mai 2014, als er von den Lesern des „Svenska Dagbladet“ zum „Besten schwedischen Unternehmer aller Zeiten“ gekürt wird. Erst 1951 wurde der erste Ikea-Katalog gedruckt, als er begriff, dass es profitabel ist, sich auf preiswerte Möbel zu konzentrieren.
Weil der Kostendruck durch die alteingesessene, eifersüchtige Konkurrenz Mitte der 50er-Jahre anstieg und Zulieferfirmen sogar verboten wurde, weiterhin an den respektlosen Neuling Kamprad zu liefern, kam es ironischerweise zum Durchbruch.
Das Billy-Regal hat sich bisher über 40 Millionen Mal verkauft
Kamprad beschloss, eigene Möbel zu entwerfen und platzsparend zu verpacken. Die Idee dazu kam dem Geschäftsmann, als er einen Mitarbeiter dabei beobachtete, wie er die Beine von einem Tisch abschraubte, damit das Möbel in das Auto der Kunden passte. Er verstand, dass Platz auch Geld sparte. Er schuf etwas völlig Neues: Möbel, meist aus Pressholz, zum Selbstmontieren. Das wohl bekannteste Modell: Das Bücherregal Billy, das 1979 erstmals im Katalog stand und sich mehr als 40 Millionen Mal verkauft hat.
Das Ikea-Prinzip gab Studenten, Azubis und Arbeiter mit kleinem Gehalt die Möglichkeit, sich eine gemütliche Existenz aufzubauen – obwohl Millionen von Kunden regelmäßig an den Bauanleitungen verzweifeln. Unternehmerisches Geschick bewies Kamprad auch mit dem Verkauf von günstigem Essen in den eigens eingerichteten Ikea-Restaurants. Heute macht die Möbelkette pro Jahr rund 1,8 Milliarden Euro Umsatz allein mit Köttbullar und anderen Lebensmitteln.
Bodenständige Mitarbeiter haben sich hochgearbeitet
„Er war ein einzigartiger Unternehmer, der viel für Schwedens Wirtschaft bedeutet hat und Heimeinrichtung für viele Menschen zugänglich gemacht hat, nicht nur für ein paar wenige“, würdigte Schwedens sozialdemokratischer Ministerpräsident Stefan Löfven am Sonntag den Ikea-Gründer.
Gefährten und Mitarbeiter beschreiben Kamprads Führungsstil als „einmalig“. Er war streng und gleichzeitig weit über das gewöhnliche schwedische Maß auf Du und Du mit den Mitarbeitern. Wichtiger als akademische Abschlüsse waren ihm stets bodenständige Mitarbeiter, die sich im Unternehmen hochgearbeitet hatten.
Offiziell war Kamprad 2014 in den Ruhestand getreten
Noch im November hatte Ikea-Topmanager Lars-Johan Jarnheimer Kamprad getroffen, und er war wie immer in seinem Element: „Da diskutierten wir, wie Möbel besser und billiger werden könnten“, erinnert sich Jarnheimer. Aus dem operativen Geschäft hat sich Kamprad erst spät zurückgezogen – offiziell war er 2014 in den Ruhestand getreten. Doch hielt er bis zuletzt die Fäden in der Hand. Er soll bewusst verhindert haben, dass seine drei Söhne zu großen Einfluss auf das Gesamtgeschäft erhalten.
Zukünftige Streitigkeiten zwischen ihnen und unkluge Entscheidungen sollten sein Lebenswerk nicht zum Einstürzen bringen, so schwedische Experten. Erst kürzlich wurde mit Jesper Brodin wieder ein außerhalb der Ikea-Familie stehender Konzernchef berufen. Kamprads Söhne leiten jeweils in Eigenverantwortung kleinere Unternehmensteile.
Um Steuern zu sparen, lebt er lange in der Schweiz
Der renommierte Ikea-Experte Frederik Sjöshult geht davon aus, dass die Söhne auch nach Kamprads Tod Ikea nicht hauptverantwortlich leiten werden. „Wenn wir der offiziellen Version glauben, werden die Söhne keinen Pfennig erben, und das ist teilweise wahr“, schreibt er. Der Großteil des Vermögens von Ikea ist andernorts fest im Konzernnetzwerk und Stiftungen platziert, so Sjöshult.
Die Sparsamkeit trieb Kamprad auch in die Schweiz. Vier Jahrzehnte hatte er, hauptsächlich der schwedischen Steuern wegen, im Ausland gewohnt. Erst einige Jahre in Dänemark, dann in Lausanne. Als seine Frau verstarb, zog es ihn 2014 wieder in seine Heimat. Weiterhin im Ausland blieb allerdings der Firmensitz des Unternehmens. Um Steuern zu sparen, wandelt Kamprad die Firma 1982 in eine Stiftung mit Sitz in den Niederlanden um. Der Konzern spaltet sich inzwischen in viele Firmen auf, die in Liechtenstein, Luxemburg, Schweden und den Niederlanden registriert sind. Das brachte dem Unternehmen immer wieder Kritik ein.
Ein schwere PR-Krise erlebte Kamprad auch 1994, als bekannt wurde, dass der Firmengründer als Jugendlicher aktiv mit Adolf Hitler sympathisierte. Seine Großeltern sollen während des Zweiten Weltkrieges schwedische Nazi-Organisationen unterstützt haben. Kamprad entschuldigte sich daraufhin öffentlich für „die größte Dummheit“ seines Lebens. Seine Landsleute scheinen ihm verziehen zu haben.





