Tarifverhandlungen

Stundenlohn im Berliner Einzelhandel oft unter zwölf Euro

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Verdi verlangt 4,5 Prozent mehr Lohn für die Mitarbeiter im Einzelhandel.

Verdi verlangt 4,5 Prozent mehr Lohn für die Mitarbeiter im Einzelhandel.

Foto: Robert Michael / dpa

Im Jahr 2018 verdienten 43 Prozent der Mitarbeiter im Einzelhandel weniger als zwölf Euro. Nun startet Verdi in die Tarifverhandlungen.

Berlin. Noch immer liegt der Stundenlohn der allermeisten Einzelhandelsbeschäftigten bei unter 13 Euro. Auch in Berlin und Brandenburg. Nach letzten Zahlen aus dem Jahr 2018 verdienten in der Hauptstadt etwa 53.000 Angestellte und somit 43 Prozent weniger als zwölf Euro pro Stunde, 64.000 Beschäftigte (55 Prozent) weniger als 13 Euro. Das ist nur wenig mehr als im Bundesdurchschnitt. Im Nachbarland Brandenburg sahen die Zahlen im betrachteten Zeitraum sehr ähnlich aus: 31.000 Beschäftigte (46 Prozent) verdienten weniger als zwölf Euro pro Stunde, 46.000 (54 Prozent) bekamen weniger als 13 Euro.

Auffällig ist, dass der durchschnittliche Stundenlohn in Berlin mit rund 14,70 Euro knapp einen Euro über dem in Brandenburg liegt (13,90 Euro). Damit kann es durchaus attraktiver sein, eine Anstellung in der Hauptstadt zu haben. Den durchschnittlich geringsten Verdienst im Einzelhandel weist mit 12,89 Euro Sachsen-Anhalt auf.

Verdi verlangt 4,5 Prozent mehr Gehalt für Einzelhandelsbeschäftigte

Die Zahlen, die der Berliner Morgenpost exklusiv vorliegen, gehen aus einer Sonderauswertung des Statistischen Bundesamts hervor und bilden den Verdienst aus dem Jahr 2018 ab. Auszubildende wurden in der Auswertung nicht mitgezählt. Auch im bundesweiten Vergleich bewegten sich 1,3 Millionen Einzelhandelsangestellte unter der Zwölf-Euro-Lohngrenze. Das entspricht 43 Prozent der Mitarbeiter. Unter 13 Euro verdienten sogar gut 1,5 Millionen Menschen (54 Prozent). In ganz Deutschland sind rund 2,8 Millionen Menschen im Einzelhandel beschäftigt, davon sind rund 70 Prozent Frauen.

Am Freitag haben in Berlin und Brandenburg die Tarifverhandlungen für den Einzelhandel begonnen. Die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi verlangt für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in beiden Bundesländern eine Erhöhung der Löhne, Gehälter und Ausbildungsvergütungen um 4,5 Prozent plus 45 Euro pro Monat sowie die Anhebung der unteren Lohngruppen auf „ein rentenfestes Mindestentgelt“ von 12,50 Euro pro Stunde. Angestrebt wird darüber hinaus die Allgemeinverbindlichkeit der Tarifverträge sowie mit neun Monaten eine relativ kurze Vertragslaufzeit.

Verdi erwartet „schwierige Verhandlungsrunde“

Die Arbeitgeberseite wies das Forderungspaket in der ersten Verhandlungsrunde als zu hoch zurück. Allein Berliner Einzelhändler müssten ihren Beschäftigten damit insgesamt zehn Prozent mehr bezahlen, kritisierte der Handelsverband Berlin-Brandenburg. Die nächsten Gespräche sind für den 30. Juli geplant.

„Wir erwarten eine schwierige Verhandlung“, hatte Conny Weißbach, die zuständige Verdi-Verhandlungsführerin, vor dem Auftakt laut einer Mitteilung gesagt. In anderen Bundesländern habe es bislang zu geringe Angebote gegeben, hieß es. Das habe vielerorts zu Warnstreiks geführt. Die Friedenspflicht in Berlin und Brandenburg endet am 1. Juli.

Pascal Meiser, Bundestagsabgeordneter der Linken, hält die zuletzt ausgezahlten Stundenlöhne in Berlin und Brandenburg für „skandalös“. „Die Verkäuferinnen und Warenverräumer im Einzelhandel geben alles, um die Läden am Laufen zu halten“, so Meiser. Im Alter seien sie dann auf Sozialhilfe angewiesen, selbst wenn sie ihr ganzes Leben hart gearbeitet hätten. „Wer es mit dem in der Corona-Krise viel bekundeten Respekt für die Heldinnen und Helden des Alltags ernst meint, der muss für höhere Löhne im Einzelhandel sorgen.“

Meiser (Linke): Drastischer Rückgang der Tarifbindung

Ein besonderes Problem stelle zudem der drastische Rückgang der Tarifbindung in der Branche dar. „Es ist ein großes Versäumnis der Bundesregierung, dass sie nichts dafür getan hat, dass Tarifverträge leichter für allgemeinverbindlich erklärt werden können“, so Meiser. „Auf diesem Wege wäre der grassierenden Tarifflucht und dem Lohndumping im Einzelhandel am besten beizukommen.“