Ratgeber Recht

Wie kriege ich Klarheit über meine Erbschaft?

Dr. Max Braeuer ist Rechtsanwalt, Notar bei RAUE PartmbB und Experte für Familien- und Erbrecht. Hier beantwortet er Leserfragen.

Rechtsanwalt Dr. Max Braeuer.

Rechtsanwalt Dr. Max Braeuer.

Foto: Amin Akhtar

Leserfrage: Meine Großeltern wollen mir ihr Haus verkaufen. Der Wert des Hauses ist schätzungsweise doppelt so hoch wie der gewünschte Kaufpreis. Derzeit steigen die Preise auch für ältere Immobilien in die Höhe. Wenn man den Marktwert betrachtet, ist es womöglich noch mehr wert. Mein Opa hat zwei Töchter. Meine Mutter würde auf den Anteil des Hauses verzichten. Die Tante hat keinen Kontakt zur Familie. Nun haben wir Angst, dass sie sich möglicherweise dann meldet, wenn es zum Todesfall gekommen ist, und auf ihren Pflichtanteil aus der Teilschenkung besteht. Macht es Sinn, das Haus jetzt schätzen zu lassen, damit das Finanzamt am Ende nicht in x Jahren ankommt und dann nach aufwendigen Sanierungen das Haus schätzt? Oder geht es dann nach Stichtag? Wenn meine Mutter auf ihren Pflichtanteil bezüglich des Hauses verzichtet, muss sie dann auf das ganze Erbe verzichten? Muss der genaue Teilschenkungsbetrag festgelegt werden? Können wir uns irgendwie absichern?

Dr. Max Braeuer: Ihre Großeltern sind völlig frei in der Entscheidung, was sie mit ihrem Vermögen machen. Sie können also ihr Haus verkaufen oder auch verschenken. Sie brauchen dafür nicht die Mitwirkung oder die Zustimmung ihrer Töchter, die sie möglicherweise einmal beerben werden. Wenn sie das Haus zum halben Preis an Sie verkaufen wollen, steht dem nichts im Wege.

Wenn die Großeltern sterben, zunächst einer und dann der andere, können sie an ihre Töchter nur vererben, was sie dann noch haben. Das wird das Haus jedenfalls nicht mehr sein, weil es schon verkauft worden ist. Möglicherweise wird im Nachlass dann noch ein Teil des Kaufpreises sein, den Sie bezahlt haben. Wenn beide Töchter Erbinnen werden, dann steht ihnen kein Pflichtteilsrecht zu. Einen Pflichtteil bekommt nur derjenige, der durch Testament enterbt worden ist. Die Großeltern können natürlich durch ein Testament eine ihrer beiden Töchter enterben, die dadurch im Todesfall einen Pflichtteilsanspruch bekäme. Ohne Enterbung gibt es aber keinen Pflichtteil.

Ein Pflichtteil kommt trotzdem in Betracht, auch wenn beide Töchter nicht enterbt worden sind. Das nennt man dann einen Pflichtteilsergänzungsanspruch. Dieser Ergänzungsanspruch entsteht, wenn die Töchter tatsächlich weniger geerbt haben, als sie im Falle der Enterbung an Pflichtteil bekommen hätten. Zur Berechnung dieses Pflichtteils muss, für jeden Großelternteil einzeln, dem Nachlass rechnerisch das hinzugefügt werden, was die Großeltern zu Lebzeiten verschenkt haben. Wenn die Großeltern Ihnen das Haus zum halben Wert verkaufen, ist das eine gemischte Schenkung. Die Großeltern werden Ihnen also die Hälfte des Hauses verkaufen und die andere Hälfte schenken. Der Wert dieser Schenkung muss also, wiederum bei jedem Großelternteil gesondert, dem Wert des Nachlasses hinzugerechnet werden. Wenn sich dabei ergibt, dass Ihre Tante tatsächlich weniger geerbt hat, als ihr fiktiver Pflichtteilsanspruch ausgemacht hätte, dann hat sie wegen der Differenz einen Pflichtteilsergänzungsanspruch.

Wie hoch dieser Pflichtteilsergänzungsanspruch sein wird, lässt sich heute noch nicht sagen. Es steht allerdings jetzt schon fest, dass der geschenkte Hausanteil nur mit dem Wert berücksichtigt wird, den das Haus am Tage des Geschenkes hatte. Wenn danach weitere Wertsteigerungen eintreten, erhöht das den Pflichtteil nicht mehr. Hingegen kann sich der Wert des hinzugerechneten Geschenkes verringern. Für jedes Jahr, dass die Großeltern die Schenkung noch überleben, wird 1/10 des Wertes abgezogen. Wenn beide Großeltern also noch mindestens zehn Jahre leben, dann fällt der geschenkte Hausanteil völlig aus der Pflichtteilsberechnung heraus. Da die Großeltern vermutlich nicht gleichzeitig versterben werden, muss das für jeden Großelternteil gesondert berechnet werden. Es kann sich also bei jedem Erbfall ein unterschiedlich hoher Pflichtteilsergänzungsbetrag ergeben.

Beide Töchter sind, wenn der Erbfall eingetreten ist, ganz frei in der Entscheidung, ob sie einen Pflichtteilsergänzungsanspruch geltend machen wollen. Ihre Mutter hat also die Möglichkeiten, zugunsten zu ihrer Tochter darauf zu verzichten, so dass es nur um den Ergänzungsanspruch Ihrer Tante geht. Auf ihr Erbe muss Ihre Mutter dafür nicht verzichten.

Es ist also sinnvoll, wenn der Vertag mit Ihren Großeltern möglichst bald abgeschlossen wird, so dass die Hoffnung besteht, dass die Großeltern danach noch längere Zeit weiterleben werden. Eine darüber hinaus gehende Absicherung gegenüber Ihrer Tante ist allerdings nicht möglich. Wenn Sie jetzt ein Gutachten über den Wert des Hauses herstellen würden, kostet das Geld. Das wäre schlecht angelegtes Geld, weil Ihre Tante das Gutachten nicht anerkennen muss. In einem gerichtlichen Streit über den Pflichtteilsergänzungsanspruch müsste das Gericht ein völlig neues Gutachten einholen, was wiederum Geld kostet. Eine gewisse Unsicherheit wird für Sie deshalb bleiben. Sie können aber sicher sein, dass der Pflichtteilsergänzungsanspruch jedenfalls sehr viel niedriger sein wird als der Wert, den Sie jetzt geschenkt bekommen.

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