Messe Berlin

Christian Göke: „Man muss trennen, wer welche Aufgaben hat“

Messechef Christian Göke über neue Vorgaben für Partnerländer bei der ITB, die Sanierung des Messegeländes und die Zukunft des ICC.

Sieht die geschäftspolitische Neutralität der Messe in Gefahr: Messe-Berlin-Chef Christian Göke.

Sieht die geschäftspolitische Neutralität der Messe in Gefahr: Messe-Berlin-Chef Christian Göke.

Foto: Jörg Krauthöfer

Berlin. Von seinem Fenster aus will Messechef Christian Göke zunächst zeigen, wie sich das Gelände unter dem Funkturm entwickelt hat. Dann kann er genau erklären, wann welches Gebäude entstanden ist. Im Interview verrät der Messechef wie es um die Zukunft des Standortes steht, spricht über Herausforderungen im internationalen Geschäft und über die neuen Vorgaben für Partnerländer bei der Internationalen Tourismusbörse ITB.

Im kommenden Jahr ist Oman Partnerland bei der Internationalen Tourismusbörse ITB. Warum ist die Wahl auf das Sultanat gefallen?

Christian Göke: Verschiedene Länder hatten sich um diesen Status beworben. Insofern ist es eher ein reaktiver Prozess. Der Partnerland-Status ist für uns ein Geschäftsmodell: Auf der einen Seite bekommen wir so einen tieferen Vertriebszugang in ein Land hinein, weil diese hervorgehobene Position eines Landes auch immer weitere Aussteller und Fachbesucher nach sich zieht. Auf der anderen Seite bezahlt das Partnerland ähnlich wie ein Anzeigenkunde in der Zeitung für den Platz.

Unter welchen Gesichtspunkten fand bislang die Auswahl statt? Ging es dabei ausschließlich um das Finanzielle?

Nein, das war eher eine strategische Frage unter dem Gesichtspunkt, welches Partnerland uns helfen kann, diese Veranstaltung in ihrer internationalen Positionierung weiterzuentwickeln. Auch die langfristige Beziehung zu den Ländern spielte eine Rolle. Der Status Partnerland war mitunter deswegen auch eine Belohnung für besonders treue Aussteller.

In diesem Jahr gab es Aufregung um das Partnerland Malaysia. Vor allem der Umgang mit Homosexuellen in dem Staat spielte eine Rolle. Warum war Malaysia 2019 in dieser für die ITB herausragenden Position?

Weil Malaysia ein großes Touristenland ist und das Land seit Jahren ein zuverlässiger Geschäftspartner für die Messe Berlin ist. Malaysia war auch Partner, weil es einfach gut hineinpasste. In den Jahren zuvor hatten wir eher sonnenarme Länder und regionalere Ansätze. Insofern war das perfekt aus geschäftspolitischer Sicht.

Der Berliner Senat will, dass ITB-Partnerländer ab 2022 in einem Code of Conduct zusichern, dass Reisende nicht diskriminiert werden. Außerdem soll eine Strategie vorgelegt werden, wie die Länder die Anti-Diskriminierungs-Maßnahmen umsetzen. Was bedeutet das für Ihre Arbeit?

Maßgeblich für unsere Arbeit als Messe­gesellschaft ist es, geschäftspolitische Neutralität zu bewahren. Wenn wir das nicht mehr tun, ist unser Geschäftsmodell weg. Wir wollen dafür sorgen, dass jeder Aussteller die gleichen Rechte und Möglichkeiten hat, seine Ideen bei uns vorzustellen und hier eine Plattform zu finden. Stellen wir uns in eine Ecke und sagen beispielsweise, die Demokraten haben recht oder die Republikaner haben recht, ist unser USA-Geschäft kaputt. Sagen wir, wir sollten als Deutschland eher mit Russland als mit den USA Geschäfte machen, hätten wir mit anderen Probleme. Was ich sagen will: Wir haben gar nicht die Möglichkeit, unsere Geschäftsneutralität aufzugeben, ohne unser Geschäftsmodell zu verletzten.

Sie halten die neuen Vorgaben durch den ­Senat für nicht zielführend?

Ich sage nicht, dass sie nicht zielführend sind, sie sind okay und mit Sicherheit auch nicht kontraproduktiv. Man muss aber trennen, wer welche Aufgaben hat. Unsere Aufgabe ist es nicht, wertmäßige Einschätzungen über die Lage oder den Umgang mit Minderheiten in anderen Ländern vorzunehmen. Dafür sind das deutsche Außenministerium und deutsche Gerichte da. Im Übrigen gibt es auch gar keine juristische Grundlage auf der wir mit dem einen oder dem anderen Land keine Geschäfte mehr machen.

Der Senat überschreitet also seine Kompetenzen?

Nein, der Senat kann sich selbstverständlich moralisch äußern und seine Wertvorstellungen zum Ausdruck bringen. Die eigentliche Frage ist doch, was ändert die Situation beispielsweise für Homo­sexuelle in Malaysia am meisten. Und da glaube ich, dass unser Ansatz, den wir bereits seit Jahren verfolgen, der richtige ist. Was wir als Messegesellschaft tun, ist, diese Themen in die Öffentlichkeit zu bringen. Wir sorgen für eine Diskussionsplattform, über die Druck ausgeübt werden kann in Richtung einer Veränderung in den jeweiligen Ländern. Deswegen bin ich davon überzeugt, dass wir mit unserem Ansatz viel mehr für die Rechte Homosexueller in Malaysia getan haben, als es ein Code of Conduct erreicht hätte.

Hätte es die neuen Kriterien für die künftige Wahl der Partnerländer nicht gebraucht?

Nein. Die Vorgaben machen einen Teil unserer Gedankenwelt sichtbarer, aber wir arbeiten ohnehin bereits danach. Wir versuchen überall dort, wo wir das Gefühl haben, es müsste sich etwas ändern, Themen so zu setzen, dass sich etwas verändert. Das allerdings funktioniert viel besser subtil als mit der großen Glocke.

Was heißen die Vorgaben konkret für ihre Arbeit bei der Suche nach Partnerländern?

Eine Folge könnte sein, dass wir weniger Auswahl haben.

Wer soll kontrollieren, ob die bei der Bewerbung vorgeschlagenen Maßnahmen überhaupt eingehalten werden?

Wir können es jedenfalls nicht.

Also macht es der Senat.

Das müssen Sie den Senat fragen. Wir haben doch gar keine Legitimation dafür, durch fremde Länder zu laufen und zu schauen, wie dort die Einhaltung von Katalogen ist, die hier aufgeschrieben wurden. Das ist mit Sicherheit auch nicht Teil unseres Geschäftsmodells.

Sie fliegen Mitte Oktober mit Berlins Regierendem Bürgermeister Michael Müller nach Singapur, um dort den Ableger der Tourismusbörse, die ITB Asia, zu eröffnen. In Singapur drohen Homosexuellen zwei Jahre Gefängnis. Halten Sie das für problematisch mit Blick auf die neuen Vorgaben für die Partnerländer bei der ITB Berlin?

Die Welt ist voller Konflikte. Es gibt doch jede Woche neue Entwicklungen, die nicht unseren Wertvorstellungen entsprechen. Fangen wir an Länder, Aussteller oder Besucher moralischen Wertungen zu unterwerfen, müssten wir unser Geschäft einstellen.

Mit Blick auf das Messegeschäft: Wie wichtig sind Auslandsableger wie die ITB Asia für die Messe Berlin?

Eine internationale Weltleitmesse für Tourismus, wie sie die ITB ist, ist nicht mehr darstellbar, wenn sie nur einmal im Jahr für fünf Tage in Berlin stattfindet. Das ist eine Entwicklung, die entscheidend mit der Digitalisierung zusammenhängt. Je vernetzter und internationaler die Geschäftsmodelle werden, desto wichtiger ist es, die ganze Welt miteinzubeziehen. Die ITB ist mittlerweile eine globale Marke, die sich das ganze Jahr über mit der Community austauscht, Konzepte erarbeitet und Strömungen aufnimmt. Und nicht zuletzt sind die Auslands-Veranstaltungen der ITB in Singapur, Shanghai und ab 2022 dann auch hoffentlich in Mumbai wirtschaftlich erfolgreiche Veranstaltungen. Unsere wesentlichen deutschen Wettbewerber im Messegeschäft machen im Übrigen schon mehr Geld im Ausland als im Inland.

Wird es künftig auch einen Ableger der Grünen Woche im Ausland geben?

Nein. Die Grüne Woche erfüllt nicht die Kernkriterien, weil sie eher ein Publikumsevent ist. Wir haben jedes Jahr rund 400.000 Besucher, von denen 300.000 Privatpersonen sind. Der Business-Teil, also zum Beispiel das Treffen der weltweiten Agrarminister ist etwas, das nur einmal im Jahr möglich ist. Es würde uns zu sehr selbst kannibalisieren, würden wir das im Herbst zum Beispiel in Dubai noch einmal versuchen

Würden Sie derzeit in die Internationale Automobilausstellung (IAA) investieren?

Das tun wir ja schon, in dem wir darüber nachdenken. Natürlich wäre eine Veranstaltung, die sich mit einer Leitindustrie in Deutschland und einem der drängendsten Themen, nämlich der Zukunft der Mobilität, beschäftigt, eine Sache die uns hier in Berlin gut zu Gesicht stehen würde.

Wie müssen sich Publikumsmessen verändern, um langfristig erfolgreich zu bleiben?

Es ist wichtig, die goldene Mitte zu finden. Einerseits ist es nicht richtig, über jedes Stöckchen zu springen. Andererseits muss man sich immer wieder fragen, ob das Konzept der jeweiligen Messe noch richtig ist. Die Welt ist komplett vernetzt. Schon morgen kann es irgendwo auf der Welt einen Impuls geben, der direkte Auswirkungen auf das Konzept einer Veranstaltung entfaltet. Zudem hat jede Messe wiederum verschiedene Mikrokosmen, sodass up to date bleiben bei 100 Veranstaltungen durchaus herausfordernd ist.

Auf der anderen Seite müssen Sie Ihr Ge­lände hier in Berlin in Schuss halten. Wie gelingt Ihnen dieser Spagat?

Das ist nicht einfach.

Die Sanierung kostet viel Geld, das Ihnen womöglich woanders fehlt.

Genau das ist die Abwägung. Es gibt zwei Wege: Der erste ist, zunächst in Veranstaltungen zu investieren, dadurch mittelfristig eine höhere operative Marge zu erzielen und dann das Gelände zu sanieren. Der zweite Weg ist, zuerst die Hallen zu erneuern und dann zu hoffen, dass ein besseres Gelände zu mehr Veranstaltungen und einer höheren Marge führt.

Was bevorzugen Sie?

Die Geschichte unseres Geschäfts hat gezeigt, dass der erste Ansatz der einzig mögliche ist.

Zuletzt wurde auch diskutiert, ob der Einstieg eines privaten Investors eine Finanzierungsoption sein könnte.

Die Frage, wie Kapital beschafft wird, ist alleinige Aufgabe des Gesellschafters.

Befürchten Sie, angesichts der wachsenden Konkurrenz ins Hintertreffen zu geraten?

Der Wettbewerbsdruck wird größer, weil Kapital privater Investoren ausschließlich bei unseren internationalen Wettbewerbern landet.

Die Mittelstandsvereinigung der CDU hatte vorgeschlagen, den Sanierungsstau auf dem Messegelände zu nutzen, um gänzlich neu zu denken, und einen Umzug des Messegeländes an den Stadtrand ins Spiel gebracht. Wie haben Sie die Diskussion verfolgt?

Interessiert. Es ist immer sinnvoll und gut, sich auch mit großen Gedankengängen zu beschäftigen. Selbstverständlich wäre auf einer grünen Wiese ein vollkommen anderer Ansatz möglich. Das haben Leipzig und München ja gezeigt, die vor einiger Zeit am Stadtrand ein modernes Messegelände errichtet haben.

Welche Effekte hätte ein Neubau?

Das Messegelände in Berlin ist zu teuer gebaut worden. Das führt automatisch dazu, dass Instandhaltungs- und Wartungskosten für dieses Gelände langfristig immer teurer sein werden als im Marktdurchschnitt. Dessen muss man sich bewusst sein und diese Gleichung akzeptieren. Wenn man sie akzeptiert, kann man hier vernünftig arbeiten. Was nicht geht, ist beides zu fordern: Fakt ist, auf diesem Gelände können die Kosten für Wartung und Instandhaltung niemals auf das Niveau eines Neubaus auf der grünen Wiese heruntergeführt werden.

Halten Sie es für falsch, mit der Sanierung zu starten ohne vorher die Option Neubau diskutiert zu haben?

Das Thema Neubau ist im Gesellschafterkreis diskutiert worden, und die Entscheidung was sehr klar, das nicht weiter zu verfolgen.

Halten Sie das für falsch?

Nicht unbedingt, weil das Gelände sehr nahe an der Idealgröße für eine Messe liegt und weil die Innenstadtlage natürlich auch Vorteile bietet gegenüber einer Lage am Stadtrand.

Sie blicken von ihrem Bürofenster aus auch auf das marode Internationale Congress Center. Wie sehen Sie die Zukunft des ICC?

Zu sagen, was dort zukünftig politisch entschieden wird, wäre wie in die Glas­kugel zu schauen. Ich kann nur sagen, was uns als Messe guttäte. Und das wäre, dort ein funktionierendes Konzept so schnell wie möglich verwirklicht zu sehen, welches in der Lage ist, positive Impulse für unser Geschäft auszustrahlen. Die derzeitige Ruine sendet die denkbar schlechtesten Impulse für unser Geschäft aus.

Brauchen Sie das ICC noch als Kongress­fläche?

Ja. Wir haben im Moment eine Nach­frage nach Kongressflächen in Berlin, die größer ist als das Angebot. Jeden Tag, an dem potenzielle neue Kongressflächen nicht entstehen, geht dieses Geschäft Berlin verloren.

Würden Sie das ICC als Messe auch bespielen?

Ja, in einer Größenordnung von etwa netto 10.000 Quadratmetern Kongressfläche sehr gerne und immer wieder. Das wäre ideal. An keiner anderen Stelle in Berlin ließe sich mehr aus neuen und zusätzlichen 10.000 Quadratmetern Fläche erwirtschaften als dort, weil das ICC die Verbindung zu den Messehallen bietet und große Kongresse immer nur in ­Verbindung mit angrenzender, großer Hallenfläche funktionieren. An diesem Standort hätten wir dann sicherlich die Möglichkeit, die höchsten Umsätze pro Quadratmeter zu erzielen.