Fernbus-Anbieter

Flixbus-Chef: „Verstöße“ der Fahrer tolerieren wir nicht

Flixbus-Gründer André Schwämmlein erzählt, wie sein Unternehmen künftig auf Verstöße wie SMS-Lesen während der Fahrt reagieren will.

Flixbus baut aus: Vor sechs Jahren ließ Gründer André Schwämmlein den ersten Fernbus fahren, 2018 folgte der erste Zug.

Flixbus baut aus: Vor sechs Jahren ließ Gründer André Schwämmlein den ersten Fernbus fahren, 2018 folgte der erste Zug.

Foto: imago stock / imago/Reiner Zensen

München. Das Gespräch mit André Schwämmlein, Gründer und Chef von Europas größtem Fernbusanbieter Flixbus, muss spontan in seinem Büro stattfinden. Im geplanten Raum sitzt ein schwedisches Projektteam. Die Firmenzentrale in München ist zu klein geworden für das stark wachsende Start-up.

Herr Schwämmlein, warum fordern Sie, dass die Mehrwertsteuer auf Fernbustickets auf sieben Prozent reduziert wird?

André Schwämmlein: In der aktuellen Diskussion darüber, wie der ökologische Fernverkehr gestärkt werden könnte, geht es vor allem um eine niedrigere Mehrwertsteuer für die Bahn. Wir erwarten aber schon, dass die Einordnung für klimafreundliche Verkehre anhand der Daten des Umweltbundesamtes erfolgt – und denen zufolge ist der Fernbus das klimafreundlichste Verkehrsmittel, muss also auch entsprechend berücksichtigt werden.

Busfahren wäre dann noch billiger. Lösen Sie damit nicht zusätzlichen Verkehr aus, statt Menschen zum Umsteigen zu bewegen?

Schwämmlein: Wir reden hier ja vor allem von Fahrgästen, die sich das Reisen vorher nicht leisten konnten, zum Beispiel Rentner oder Studenten. Von daher finde ich es nicht richtig, zu sagen, wir möchten nicht, dass mehr Menschen mit dem Fernbus fahren können. Neben der sozialen Mobilität schließen wir zudem auch viele kleine und Mittelstädte an den Fernverkehr an. Tatsächlich gelingt es uns so, Menschen aus dem Auto zu holen, und das wiederum reduziert das Verkehrsaufkommen entscheidend. Geteilte Mobilität führt tatsächlich zu weniger Verkehr.

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Warum ist der Fernbus für Sie das umweltfreundlichste Verkehrsmittel?

Schwämmlein: Weil wir zurzeit mit dem niedrigsten CO2-Ausstoß aller Verkehrsträger unterwegs sind. Die Flixbus-Flotte fährt bereits heute zu 95 Prozent mit Euro-6-Dieselmotoren. Das gibt es bei Stadtbussen noch längst nicht. Parallel mit dem Schienenverkehr wollen wir in Richtung CO2-Neutralität kommen. Aktuell sind wir der Deutschen Bahn ein kleines bisschen voraus.

Bis 2030 soll Flixbus klimaneutral sein. Auf welche Technologien setzen Sie?

Schwämmlein: Es wird eine Mischung aus Elektrifizierung und Technologien wie Wasserstoff sein müssen. Beides ist gerade noch nicht die Ideallösung. Im Stromnetz gibt es noch viel Kohlestrom, und der perfekte grüne Wasserstoff existiert auch noch nicht. Gerade bei Langstrecken denken wir aber, dass Wasserstoff eine Lösung sein kann. Bis dahin spielt die Kompensation vom CO2-Ausstoß eine Rolle. Das sind kleine Beträge, die für unsere Fahrgäste annehmbar sind.

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Wie viel teurer wird die Fahrt im klimaneutralen Flixbus?

Schwämmlein: Man kann gar nicht viel mehr verlangen. Wir müssen unser attraktives Preisniveau halten, um Fahrgästen ein interessantes Angebot zu machen. In Deutschland fällt Handeln und persönliches Empfinden auseinander: Man möchte etwas Ökologisches machen, aber am Ende sieht man dann doch viele im Flieger sitzen. In Ländern wie Schweden gibt es tatsächlich eine Bereitschaft, Kompromisse einzugehen. Das Konsumentenverhalten ändert sich.

Was halten Sie von der Flugscham-Debatte?

Schwämmlein: Ich sehe noch keine großen Auswirkungen in Deutschland. Es kann aber sein, dass es in den nächsten Jahren relevanter wird und die Menschen ihr Verhalten ändern. Flapsig gesagt: Heute sitzen viele Leute noch im Flieger und unterhalten sich darüber, dass es vielleicht nicht der ökologisch richtige Weg war.

Vielleicht sitzen sie in fünf Jahren tatsächlich im Zug oder im Fernbus. Mir geht es nicht darum, dass man Menschen etwas verbieten muss oder etwas teurer macht. Man muss die Attraktivität des Alternativangebots stärken. Letztlich muss unser Produkt so gut sein, dass unser Kunde nicht aus ökologischen Gründen auf das Reisen verzichtet.

Bekommen Sie die neue Konkurrenz durch Pinkbus und Blablabus von der Mitfahrzentrale Blablacar zu spüren?

Schwämmlein: Wir hatten immer starken Wettbewerbsdruck durch die Deutsche Bahn, und auch Billigflieger spielen da eine große Rolle. Für uns ist das also nichts Neues. Wir schauen uns an, was die neuen Wettbewerber so machen. Wir haben immer einen offenen Markt gewollt, und auf einem solchen muss man natürlich um jeden Kunden kämpfen.

Im Gegenzug wollen Sie 2020 einen eigenen Mitfahrdienst anbieten: Flixcar.

Schwämmlein: Ich würde jetzt nicht „im Gegenzug“ sagen. Die Idee hatten wir schon länger und jetzt sind wir der Meinung, dass sie reif ist. Im Wettbewerb mit Mitfahrzentralen haben wir eigentlich das bessere Produkt – es gibt aber Fälle, wo eine Mitfahrgelegenheit eine sinnvolle Ergänzung ist. Wir glauben daher, dass es unserem Portfolio neben Bus und Zug guttun und helfen wird, das Verkehrsaufkommen zu reduzieren. Wir sehen Flixcar als Teil der Reisekette und somit auch als Chance, neue Fahrgäste für Flixbus und Flixtrain zu gewinnen. Wir wollen den neuen Service nicht mit Gebühren oder versteckten Kosten monetarisieren.

Wird Ihr Fernzugangebot weiter ausgebaut?

Schwämmlein: Auf jeden Fall. Wir sind super zufrieden, wie sich der Flixtrain seit seinem Start vor anderthalb Jahren entwickelt hat. Einen Fernzug zu betreiben ist jedoch eine sehr komplexe Angelegenheit, und unser Angebot ist nicht vergleichbar mit dem der Deutschen Bahn. Es ist wie in der Luftfahrt: Als die Billigflieger Easyjet und Ryanair aufkamen, hat man bei der Lufthansa auch die Nase gerümpft – aber es gibt ein Kundensegment dafür. Auch der Flixtrain ist ein Angebot für den preissensiblen Kunden. Da braucht man kein Bordrestaurant, keine erste Klasse, und man fährt nicht Tempo 300. Dafür kommt man günstig und sehr umweltfreundlich ans Ziel.

Wie entwickelt sich das Geschäft in den USA?

Schwämmlein: Das Angebot wird sehr gut angenommen. In Kalifornien haben wir in den vergangenen anderthalb Jahren viele neue Kunden für den Bus gewonnen. Viele Leute sind vorher nie Greyhound oder Megabus gefahren. Der Student, der für den Wochenendausflug nach Las Vegas ins Auto oder Flugzeug gestiegen ist, fährt jetzt Flixbus. Bislang fahren wir aber nur an der Westküste, in einigen Staaten im Süden und mit einer starken Verbindung im Großraum New York und Washington. Wir wären gerne noch flächendeckender in allen Landesteilen präsent. Da werden wir in den nächsten sechs Monaten hinkommen.

Können Sie in Deutschland noch weiter wachsen?

Schwämmlein: Wir sehen Flixbus und Flixtrain als integriertes Netz. Das Wachstum in Deutschland wird in der Zukunft stark über den Zug stattfinden. Das Busangebot wird auch wachsen und noch besser werden, aber das wird vor allem durch die Anbindung von noch mehr Klein- und Mittelstädten sowie dem ländlichen Raum im Allgemeinen passieren.

Zuletzt häufen sich Unfälle und Berichte über Busfahrer, die auf dem Smartphone tippen oder übermüdet sind. Was tun Sie dafür, dass sich die Reisenden sicher fühlen?

Schwämmlein: Jeder dieser Zwischenfälle ärgert mich unfassbar. Wenn ein Fahrer das Smartphone aus der Tasche zieht, ist das unfair gegenüber den Tausenden Kollegen, die da jeden Tag einen sehr guten Job machen. So etwas tolerieren wir überhaupt nicht. Da sind wir sehr konsequent: Wenn es Verstöße gibt, dann fahren Fahrer nicht mehr für uns. Oder wir trennen uns ganz von den Busunternehmen. Außerdem haben wir ein eigenes Team, das nur Lenk- und Ruhezeiten der Fahrer kontrolliert. Die Kontrolldichte ist sehr viel höher als durch Polizei und Zoll.