Berliner Wirtschaft

Senat plant Comeback für Werkswohnungen

Die Berliner Wirtschaftsverwaltung will Firmen beim Bau von Unterkünften unterstützen. Die Wirtschaft ist skeptisch.

Laut Wirtschaftssenatorin Ramona Pop (Grüne) entlastet jede gebaute Werkswohnung den Markt für Mietwohnungen.

Laut Wirtschaftssenatorin Ramona Pop (Grüne) entlastet jede gebaute Werkswohnung den Markt für Mietwohnungen.

Foto: Bernd von Jutrczenka / dpa

Berlin. Bäckermeister Joachim Weckmann bietet seinen Mitarbeitern bereits seit gut zehn Jahren günstigen Wohnraum an: 2008 kaufte der Geschäftsführer des Unternehmens Märkisches Landbrot mit weiteren Partnern ein Wohnhaus in Neukölln.

Zehn Unterkünfte hält Weckmann in dem Gebäude für seine Belegschaft vor. Der Mietpreis beträgt höchstens acht Euro pro Quadratmeter. „Wohnen und arbeiten gehören zusammen“, sagte Weckmann.

Das sei in Neukölln für seine Belegschaft trotz Tariflöhnen aber immer seltener möglich. Denn auch in den sanierten Altbauten Neuköllns seien Nettokaltmieten von zwölf Euro pro Quadratmeter keine Seltenheit mehr.

Einst bundesweit bis zu 450.000 Werkswohnungen

Angesichts der Mietpreisentwicklung arbeitet die Verwaltung von Wirtschaftssenatorin Ramona Pop (Grüne) nun daran, dass in Berlin bald noch mehr Werkswohnungen entstehen. Entsprechende Pläne hatte Pop Ende August im Interview mit der Berliner Morgenpost verkündet.

„Wir sehen, dass Unternehmen zusehends Wohnungen für ihre Mitarbeiter suchen. Derzeit prüfen wir eine Bundesratsinitiative, um die klassischen Werkswohnungen wieder zu fördern. Für die Unternehmen ist das ein Zusatzargument bei der Personalsuche. Für die Stadt entlastet jede gebaute Werkswohnung den Mietmarkt“, hatte die Senatorin erklärt.

Neu ist die Idee nicht: Bis in die 70er-Jahre gab es bundesweit laut Bundesverband deutscher Wohnungs- und Immobilienunternehmen (GdW) etwa 450.000 Werkswohnungen. Nach und nach wurden die Mitarbeiterunterkünfte jedoch verkauft, auch um die Bilanzen der Firmen zu entlasten.

Verbände: Politik muss mehr Bauflächen ausweisen

In Berlin begegnet die Wirtschaft den Plänen allerdings mit gebremster Euphorie: Der Senat sollte lieber daran arbeiten, den Wohnungsbau an sich zu beschleunigen, sagte der Geschäftsführer für Wirtschaft und Politik bei der Industrie- und Handelskammer, Jörg Nolte.

„Die Schwierigkeiten, ausreichend Fläche und Baugenehmigungen in Berlin zu bekommen, sind hinlänglich bekannt. Daran würde auch eine Bundesratsinitiative nichts ändern. Wir sehen die Berliner Politik vielmehr in der Pflicht, neue Flächen auszuweisen, um den ,normalen’ Wohnungsbau zu vereinfachen und zu fördern. Das würde Förderprogramme, die erfahrungsgemäß aufwändige Antrags- und Genehmigungsverfahren mit sich bringen, überflüssig machen“, so Nolte weiter.

Auch die Unternehmensverbände Berlin-Brandenburg (UVB) äußerten sich skeptisch: Bezahlbarer Wohnraum sei angesichts der Fachkräfte-Engpässe in vielen Branchen auch für Unternehmen ein wichtiges Thema, erklärte UVB-Geschäftsführer Alexander Schirp.

„Wenn der Senat den Bau von Werkswohnungen fördern will, kann das hilfreich sein. Man darf aber kaum erwarten, dass sich auf diese Weise der Wohnungsmarkt deutlich entspannt. Hier ist ganz klar die Politik gefordert, mehr Bauland auszuweisen und das Bauen attraktiver und preiswerter zu machen“, sagte er.

FDP befürchtet Überforderung für kleine Berliner Firmen

Gegenwind kommt zudem von der Opposition: Die FDP sieht auch aufgrund der Wirtschaftsstruktur in der Stadt wenig Spielraum für die Firmen, eigene Wohnungen zu errichten.

„Die Berliner Wirtschaft ist stark von kleinen und mittleren Unternehmen geprägt, die solche Projekt schon aufgrund mangelnder Ressourcen nicht stemmen können. Daher bleibt die Schaffung von genügendem Wohnraum die Hauptaufgabe dieses Senats, die von diesem leider nicht angegangen wird“, sagte der wirtschaftspolitische Sprecher der FDP im Berliner Abgeordnetenhaus, Florian Swyter.

Die Landespolitik müsse ohnehin vor der Frage, wie Unternehmen beim Bau von Werkswohnungen unterstützt werden könnten, weitere Hausaufgaben erledigen, so Swyter. Problematisch sei vor allem, dass die Grundstücke der Unternehmen meist in Gewerbegebieten lägen.

„Die in Frage stehenden Gebiete müssten also zu der neuen Gebietskategorie der ,urbanen Gebiete’ zugeschlagen werden, damit man eine effektive Mischnutzung von Gewerbe und Wohnen umsetzen kann. Hier sollte das Genehmigungsverfahren möglichst effizient erfolgen und auf die Bedürfnisse der Unternehmen abgestimmt werden“, forderte der FDP-Politiker.

Generell seien Werkswohnungen aber ein „sehr attraktives Instrument, um Fachkräfte in besonders gefragten Berufen zu gewinnen“ und darüber hinaus „ein Mittel gegen die derzeit herrschende Wohnungsknappheit“, sagte Swyter.

Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) schlug vor, einen Schwerpunkt auf den Bau von Wohnungen für Auszubildende zu legen. „Vor allem für Azubis, die sich keine teuren Zimmer leisten können, sollten sich auch die Unternehmen mit dem Bau von Wohnheimen engagieren“, sagte Berlins DGB-Chef Christian Hoßbach.

Vermietung von Werkswohnungen rechnet sich durchaus

Bis zu 9000 Brote stellen die 60 Mitarbeiter der Bäckerei Märkisches Landbrot täglich her. Angesichts der zehn verfügbaren Werkswohnungen kommen längst nicht alle Angestellten in den firmeneigenen Unterkünften unter.

Joachim Weckmann denkt deshalb darüber nach, seinen Mitarbeitern weitere Wohnungen zur Verfügung zu stellen. Denn bislang ist das Engagement für das Unternehmen trotz der geringeren Mieten durchaus auskömmlich: Die Rendite liegt nach Angaben des Betriebs derzeit bei rund drei Prozent.