Start-Up

DoctorBox: Die Gesundheitsakte immer dabei

Oliver Miltner ist Mannschaftsarzt bei den BR Volleys. Mit „DoctorBox“ will er Patienten helfen, medizinische Daten zu strukturieren.

Oliver Miltner, Gründer des Start-Up DoctorBox.

Oliver Miltner, Gründer des Start-Up DoctorBox.

Foto: Reto Klar

Berlin. Der Orthopäde und Sportmediziner Oliver Miltner hat schon viel erlebt, wenn er von seinen Patienten frühere Befunde benötigte: Mal kamen Patienten mit großen Beuteln, in denen Papiere wild durcheinander lagen, mal schauten sie den Arzt nur ratlos an.

„Mein Praxisteam und ich versuchen, die Unterlagen für die Patienten zu strukturieren. Aber manchmal kann man nicht weiterhelfen“, sagt Miltner, der seit zwölf Jahren auch als Mannschaftsarzt für den Volleyball-Seriensieger BR Volleys tätig. Wie aber kann er Patienten dazu bringen, ihre Gesundheitsdaten strukturiert zu sammeln? Diese Frage stellte sich Miltner vor fünf Jahren.

Erinnerung für Medikamenteneinnahme

Mit Stefan Heilmann, Geschäftsführer der IEG Investment Bank, entstand die Idee, eine digitale Gesundheitsakte zu entwickeln. 2016 gründeten sie das Start-up DoctorBox, seit eineinhalb Jahren gibt es die gleichnamige App.

Mit der DoctorBox-App bietet Miltner den Nutzern einen digitalen Ordner für ihre Gesundheitsdaten. Per Knopfdruck lassen sich Gesundheitsakten vom Arzt anfordern, Dokumente wie der Schwangerschaftsausweis anhängen, Fotos hochladen oder ein Schmerztagebuch anlegen. Zudem erinnert die App an die Einnahme von Medikamenten oder an den nächsten Impftermin. Beim Arztbesuch kann der Patient auswählen, welche Dokumente er dem Mediziner zeigen, welche er mit ihm teilen möchte.

Datensicherheit spielt eine zentrale Rolle

Rund 30.000 Menschen haben sich die App bisher heruntergeladen, bis Ende des Jahres möchte Miltner die 100.000-Nutzer-Marke knacken. Ein schwieriges Unterfangen, denn die Vorsicht, Gesundheitsdaten auf dem Handy zu speichern, ist bei den Deutschen hoch.

Einer Umfrage des Marktforschungsunternehmens YouGov im Auftrag der kanadischen Lebensversicherungsgesellschaft CanadaLife zufolge befürwortet nicht einmal jeder Vierte hierzulande eine digitale Gesundheitsakte.

Vor allem beim Datenschutz herrscht Skepsis – auch, weil Mängel bei einem Vorzeigeprojekt festgestellt wurden: Vor einem Jahr startete die digitale Gesundheitsakte „Vivy“, unterstützt von 14 gesetzlichen und zwei privaten Krankenkassen. Sicherheitsforscher machten wenig später zahlreiche Schlupflöcher ausfindig. „Vivy“ versprach, binnen 24 Stunden nachzurüsten, der Hype war aber verflogen.

Finanzierungsprozess zunächst aus Eigenkapital gestemmt

Damit so etwas DoctorBox nicht passiert, habe man sich gegen den klassischen Start-up-Weg entschieden, sagt Miltner. Heilmann und Miltner finanzierten die Entwicklung der App aus Eigenkapital, suchten sich IT-Spezialisten und holten mit K&L Gates eine Anwaltskanzlei ins Boot, die beim Datenschutz beriet. Erst, als sie von der Sicherheit der App überzeugt gewesen seien, hätten sie den Finanzierungsprozess begonnen, sagt Miltner.

Laut Julian Ma ar, Leiter des operativen Geschäfts, sei auch DoctorBox bereits im Visier von Datenprüfern gewesen: „Nach unseren Informationen wurden wir im Dezember getestet. Bei uns wurde nichts gefunden.“

Sicherheit soll über die des Online-Bankings hinausgehen

Maar ist überzeugt, dass die Sicherheitsansprüche bei einer digitalen Gesundheitsakte über die des Onlinebankings hinausgehen müssten. Bei einem geknackten Bankaccount könne der Schaden ausgeglichen werden – von der Bank, Versicherung oder schlimmstenfalls vom Kontoinhaber. Anders sei das bei Gesundheitsdaten: „Wenn eine schwere Krankheit in der Akte steht und diese Information das Tageslicht der Öffentlichkeit erblickt, ist das unumkehrbar“, sagt Maar.

Ab 2021 sind Krankenkassen verpflichtet, elektronische Patientenakten zur Verfügung zu stellen. Im Gegensatz zu den Gesundheitsakten sollen die elektronischen Patientenakten nicht nur Befunde, sondern auch Impfpässe oder Arztbriefe enthalten. „Wir gehen heute schon weit über diese vorgeschlagenen Funktionen hinaus“, sagt Maar.

Notfallsticker mit den wichtigsten Daten

Dies sei auch bei der jüngsten Entwicklung der Fall: einem Notfallsticker. „Der Notfallsticker ist für Notfälle gedacht, wo Patienten mit Anzeichen von Herzinfarkten, Schlaganfällen oder Asthma-Attacken in Krankenhaus kommen oder sich aber auch ein Bein gebrochen haben“, sagt Miltner.

Mitunter könne es lebensrettend sein, wenn der behandelnde Arzt Daten wie Blutgruppe, Allergien oder Antibiotika-Resistenzen schnell zur Verfügung habe. Auf dem Sticker, der in 28 Berliner Apotheken verteilt wird und im Internet unter www.notfallsticker.de bestellbar ist, befindet sich ein QR-Code. In der App können Nutzer einen Notfalldatensatz anlegen, auf den der Arzt zugreifen kann, wenn er den Code gescannt oder einen auf dem Sticker aufgedruckten Link eingegeben hat. Um die Daten zu schützen, muss er vorher einen Pin eingeben, der sich abgeklebt ebenfalls auf dem Sticker befindet.

App soll für alle Altersgruppen leicht bedienbar sein

Die App und Zusatzangebote wie der Sticker sollen sich perspektivisch auszahlen, hofft Maar: „Ziel ist es, in die Regelversorgung aufgenommen zu werden.“ Dass DoctorBox derzeit nicht mit Krankenkassen kooperiert, sieht Oliver Miltner auch als Chance. „Die Frage ist doch, wem die Patientendaten gehören – dem Patienten oder der Krankenkasse?“

Von Anfang an sei es das Ziel von DoctorBox gewesen, das System auf die Patienten zu konzentrieren. „Unsere Daten gehen durch keine Hintertür zu irgendwelchen Krankenkassen“, sagt der in der Friedrichstraße niedergelassene Orthopäde. Mit der App erreiche man vor allem Patienten über 40 Jahre. „Das war auch unser Ziel“,, sagt Miltner. „Uns ist wichtig, dass jede Altersgruppe mit der Nutzung zurechtkommt.“