Digitalisierung

Wie Berliner Start-ups Viessmann in die Zukunft führen

Junge Start-ups helfen dem Heiztechnik-Spezialisten Viessmann, Kosten zu sparen und effektiver zu produzieren, auch im Neuköllner Werk.

Viessmann-Werksleiter Lutz Lehmann (r.) und WATTx-Technologiechef Martin Unger arbeiten an der Digitalisierung des Werks in Neukölln.

Viessmann-Werksleiter Lutz Lehmann (r.) und WATTx-Technologiechef Martin Unger arbeiten an der Digitalisierung des Werks in Neukölln.

Foto: Maurizio Gambarini / FUNKE FotoServices

Berlin. Vor zwei Jahren hat der traditionsreiche hessische Mittelständler Viessmann sein hundertjähriges Jubiläum auch in der deutschen Hauptstadt gefeiert. Spuren dieser Feierstunde sind noch heute an der Fassade des Werks in Neukölln zu sehen. „Auf in ein neues Jahrhundert“, steht in weißer Schrift auf rotem Banner geschrieben. Viessmann produziert seit 1979 an dem Standort, damals hatte das Unternehmen das Grundstück von dem Stahlkonzern Krupp übernommen.

Heute arbeiten fast 500 Mitarbeiter hier. Etwa 15.000 Brennwertkessel, die zum Beispiel Teil von Heizungssystemen in Häusern sind, verlassen jedes Jahr die Werkshallen. Berlin ist für Viessmann ein wichtiger Standort. Das liegt nicht nur an der Anzahl der gebauten Geräte.

Lutz Lehmann leitet seit fünf Jahren das Viessmann-Werk in Berlin. Um zu zeigen, was sich in letzter Zeit alles verändert hat, bleibt er in einer der Hallen vor einem großen Bildschirm stehen. Lehmann kann auf der Anzeige sehen, wie die 16 Maschinen in dem Teil des Gebäudes arbeiten. Die neue Darstellung hilft aber auch im Notfall, also bei Störungen der Technik. Während geplante Wartungen den Mittelständler kaum vor Herausforderungen stellen, können plötzliche Ausfälle den Ablauf im Werk erheblich beeinträchtigen. Je schneller Viessmann dann reagieren kann, desto eher können die Geräte wieder arbeiten.

Effizienzsteigerung durch digitales Monitoring

Mithilfe der digitalen Unterstützung kann der Mittelständler aber auch den Einsatz der Maschinen besser planen. Seit einem Jahr ist das System in Werk verbaut. Seitdem habe sich die Effizienz in der Produktion um fünf bis sieben Prozent erhöht, sagt Lehmann. Konkret sei die Laufzeit der Maschinen, mit denen vor allem Wärmetauscher geschweißt werden, gestiegen. „Wir sind an der Kapazitätsgrenze. Jeder Prozentpunkt Effizienzgewinn führt dazu, dass wir mehr produzieren können“, erzählt Lehmann. Jetzt plant der Werksleiter die Anwendung auch auf die anderen etwa 200 Maschinen in den Hallen auszudehnen. Zwölf Produktionsstandorte hat der Mittelständler rund um den Globus. Innerhalb der Viessmann-Familie ist aber vor allem das Berliner Werk vorne dabei, wenn es um den Einsatz von digitaler Technologie geht.

Das liegt auch an der räumlichen Nähe zu WATTx, dem Company-Builder von Viessmann. WATTx nimmt Gründern mit guten Ideen für die Industrie gewissermaßen an die Hand, stattet die noch jungen Firmen mit Geld aus und unternimmt erste Gehversuche. Martin Unger, ein Mann mit Vollbart, Hornbrille und bunter Käppi, ist der Kopf hinter WATTx. Als Entwicklungschef des Unternehmens gibt er gewissermaßen die Richtung vor. Unger sagt, WATTx sei eigentlich losgelöst von Viessmann tätig. „Wir arbeiten nicht nur an Problemlösungen für Viessmann, sondern für den gesamten deutschen Mittelstand“, erklärt er. Das Viessmann-Werk in Berlin ist häufig aber der erste Ansprechpartner, um zu testen, ob die erdachten Ideen in der Praxis funktionieren.

Viessmann setzt auf Zusammenarbeit zwischen Start-ups und Mittelstand

Seit gut vier Jahren geht Viessmann das Thema Digitalisierung verstärkt an. Die gebaute Heiztechnik wird intelligenter, die Maschinen in den Werken des Mittelständlers ebenso. WATTx in Berlin ist sozusagen Schrittmacher des Wandels. Mehr als 35 Mitarbeiter arbeiten mittlerweile für den Company-Builder. In den nächsten Wochen steht für die Firma der Umzug in ein neues Gebäude an. Der „Maschinenraum“ in Mitte, eine frühere Schuhfabrik, wird die Heimat von WATTx. Dort sollen auch Teams anderer Mittelständler miteinziehen. Wissensaustausch steht im Vordergrund, sagt Unger. Die beteiligten Unternehmen könnten sich so einen Vorsprung gegenüber Wettbewerbern verschaffen. „Wir unterstützen die Digitalisierung unserer Partner, in dem wir jetzt die Lösungen für sie bauen, die die Unternehmen womöglich erst in drei bis vier Jahren selbst bauen können“, erklärt der WAATx-Technologie-Chef.

Bislang sind aus dem Firmen-Entwickler fünf Start-ups hervorgegangen. Neben dem Know-how was den Aufbau von Firmen angeht, gibt Viessmann den jungen Gründern auch finanziell viele Möglichkeiten. Unter anderem ein zehn Millionen Euro schwerer Fonds steht dafür zur Verfügung. Der Mittelständler selbst bleibt aber stets Minderheitseigentümer an den Firmen. Die bislang aufgebauten Unternehmen bewegen sich in unterschiedlichen Geschäftsfeldern und haben nur entfernt mit dem Kerngeschäft von Viessmann zu tun.

Deevio soll Qualitätskontrolle verbessern

Da ist zum Beispiel die Datenanalyse-Firma Statice, die Unternehmen dabei hilft personenbezogene Daten zu anonymisieren. So bleiben die statistischen Eigenschaften von Kunden erhalten. Mit den Datensätzen können dann zum Beispiel Anwendungen für Künstliche Intelligenz (KI) trainiert werden. Ein anderes Start-up aus der WATTx-Familie ist Deevio. Die junge Firma vereinfacht die Qualitätskontrolle für viele Industrieunternehmen. Dabei hilft Kameratechnik und KI. Für ein Pharma-Unternehmen etwa hat Deevio ein Verfahren entwickelt mit dem Produktionsfehler einfacherer und sicherer als zuvor aussortiert werden können. Bereits verbaut im Werk von Viessmann in Berlin ist das Maschinen-Monitoring-System von Antreeb.

Martin Unger und Lutz Lehmann arbeiten aber daran, die nächste Idee aus der WATTx-Familie in die Produktion im Werk zu integrieren. Deevio soll demnächst auch bei dem Heiztechnik-Produzenten die Qualitätskontrolle digitalisieren. Zunächst will Viessmann die digitale Lösung bei dem Bauteil eines Heizkessels einsetzen. Das kreisförmige Pad aus zusammengepresster und erhitzter Stahlwolle sorgt dafür, dass im Idealfall alles so funktioniert, wie es soll und die Heizkessel vorgeschriebene Temperaturwerte einhalten. Doch in bis zu acht Prozent der Fälle ist das Bauteil nicht in Ordnung. Für das menschliche Auge waren die fehlerhaften Produkte bislang allerdings nicht zu erkennen. Deswegen bemerkten die Viessmann-Mitarbeiter immer erst bei der Inbetriebnahme des Gerätes, wenn etwas nicht stimmte. Der Aus- und Neueinbau kostete Zeit und Geld.

Deevio soll das demnächst ändern. Werksleiter Lutz Lehmann setzt große Hoffnung in den digitalen Helfer. Denn Viessmann will künftig deutlich mehr der Teile produzieren: Wurden bislang rund 300 der Stahlwolle-Pads jährlich gebaut, sollen es bald schon ein paar Tausend jedes Jahr sein.

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