Produktion in Velten

Wall baut Toilette aus 2500 Teilen zusammen

In Brandenburg fertigt Wall die neuen Klohäuschen für Berlin. Für den Großauftrag hat die Firma neue Mitarbeiter eingestellt.

In seinem Werk im brandenburgischen Velten baut der Stadtmöblierer Wall die neuen öffentlichen Toiletten für Berlin. Die Mitarbeiter setzten die Häuschen aus rund 2500 Einzelteilen zusammen.

In seinem Werk im brandenburgischen Velten baut der Stadtmöblierer Wall die neuen öffentlichen Toiletten für Berlin. Die Mitarbeiter setzten die Häuschen aus rund 2500 Einzelteilen zusammen.

Foto: jörg Krauthöfer /Funke MedienGruppe

Velten. Auf einer asphaltierten Fläche vor dem Eingang des Produktionswerks von Wall in Velten (Brandenburg) ist die Vergangenheit des Unternehmens aufgebaut. 25 Stadtmöbel sind dort zu sehen: Darunter ist eine Haltestelle mit gebogenem Glas, die von Entwicklern der Firma mal für eine Bewerbung um einen Auftrag für die Stadt Münster konstruiert wurde. Auch eine Wartehalle für die US-amerikanische Metropole Boston steht da, ebenso ein Informationshäuschen für Berlin. In dem turmartigen Unterstand konnten Passanten noch vor einigen Jahren kostenlos im Internet surfen und Anrufe in das deutsche Festnetz tätigen.

Um die Zukunft von Wall zu sehen, muss man das angrenzende Gebäude betreten. In dem Werk fertigt das Unternehmen seit 20 Jahren Stadtmöbel und Werbeträger wie große Plakatwände sowie neuerdings auch digitale Anzeigetafeln.

Land Berlin zahlt 240 Millionen Euro für neue Toiletten

Schon seit einigen Monaten sind die Mitarbeiter aber auch mit einem neuen Großauftrag beschäftigt: Wall hatte im vergangenen Jahr den Zuschlag für die neuen öffentlichen Toiletten in Berlin bekommen. Bis Ende 2020 wird das Unternehmen nun 190 Klohäuschen im Stadtgebiet aufstellen. Zusätzlich hat der Senat die Option, Toiletten nachzubestellen. Die Gesamtzahl der von Wall gebauten Anlagen könnte dann auf bis zu 370 Stück anwachsen. 240 Millionen Euro zahlt Senat bis zum Jahr 2034 für den Service von Wall, der nicht nur Konstruktion und Fertigung, sondern auch Betrieb und Instandhaltung der Toiletten beinhaltet.

Walls größter Auftrag der Firmengeschichte bringt das Unternehmen in ein neues Zeitalter, sagt Geschäftsführer Patrick Möller. „Wir entwickeln uns von einer Manufaktur hin zu industrieller Fertigung“, erklärt der Wall-Chef, der seit 2016 die deutsche Tochter des französischen Außenwerbe-Konzerns JCDecaux führt.

Ganz gut zu sehen, ist das in der Produktionshalle des Unternehmens. Nach dem Auftrag aus Berlin habe sich die Produktionsmannschaft von 30 auf 60 Mitarbeiter verdoppelt, sagt Möller. Derzeit werde im Zwei-Schicht-Betrieb gearbeitet, so der Geschäftsführer.

Dienstag soll das erste Klo eingeweiht werden

Zwar ist der Bau von Toiletten für die Firma nicht neu, die Anzahl allerdings sprengt jede jemals dagewesene Dimension: 25 der Häuschen sollen pro Quartal das Werk in Velten verlassen. Vor einigen Wochen erst waren die ersten Toiletten in der deutschen Hauptstadt aufgestellt worden. Am kommenden Dienstag will Wall im Bezirk Mitte die feierliche Inbetriebnahme mit dem Auftraggeber, der Senatsverwaltung für Umwelt, Verkehr und Klimaschutz, feiern.

Im Werk in Velten hat Produktionsleiter Michael Grunowski das Sagen. Aus rund 2500 Einzelteilen bauen seine Mitarbeiter die Klohäuschen zusammen. 30 Prozent der Teile werden vor Ort von Wall gefertigt, etwa 70 Prozent der Komponenten erhält das Unternehmen von Zulieferern, sagt Grunowski. Dazu gehören etwa Armaturen, technische Ausstattung oder auch Toilettenschüsseln, die nach den Wünschen von Wall angefertigt werden.

Digitalisierung verändert die Arbeit bei Wall

Nie zuvor sei ein Produkt von Wall aufwendiger zu fertigen gewesen, sagt Grunowski. Die Toiletten entstehen auf einem fahrbaren Podest. So kann Wall die Anlagen in der Halle bewegen. Zu einem der ersten Arbeitsschritte gehört der Zuschnitt von Aluminium-Teilen für den Rahmen der Klohäuschen. Wall hat dafür eine neue Maschine angeschafft, die punktgenau die Arbeit übernimmt. Rund eine halbe Million Euro hat Wall in das Gerät und die Schulung der Mitarbeiter investiert. Die genauen Bohr- und Fräspunkte haben die Spezialisten vorher einprogrammiert.

Angesichts der fortschreitenden Digitalisierung gab es auch bei Wall die Befürchtung, dass Jobs wegfallen. „Doch genau das Gegenteil ist passiert“, sagt Patrick Möller. Allerdings haben sich Arbeitsanforderungen verändert, zum Beispiel im Bereich Außenwerbung. Anstatt Plakate zu kleben, seien die Mitarbeiter verstärkt mit Reinigung und Wartung der Werbe-Bildschirme beschäftigt, so der Wall-Boss.

Toilette lässt sich per Münze oder App öffnen

Auch in den neuen Toilettenhäuschen funktioniert nichts mehr ohne digitale Helfer. Zwar lassen sich die Anlagen noch altmodisch mit einer Münze öffnen, doch auch per Smartphone-App können sich Kunden Zugang verschaffen. Egal, ob analog oder digital: ein Toilettengang kostet 50 Cent. Die Einnahmen fließen in die Berliner Landeskasse.

Innen sorgen zahlreiche Sensoren und Tasten für die Kommunikation zwischen Nutzer und Klo. Wall hat auch Lautsprecher verbaut, die den Kunden etwa auf das Ende seiner Toilettenzeit hinweisen. 20 Minuten Zeit ist für den Toilettengang, per Tastendruck kann einmalig verlängert werden. Danach findet eine automatische Reinigung statt.

Per 3D-Scanner kann Wall auch überprüfen, ob sich noch jemand in der Toilette befindet. Eine Videoüberwachung ist selbstverständlich nicht verbaut, gemessen wird gewissermaßen das Raumvolumen. Das Verfahren ist so genau, dass Wall sogar unterscheiden kann, ob sich in dem Häuschen ein Mensch befindet oder lediglich eine Flasche vergessen wurde. Herzstück für die Technik ist ein kleiner Kasten. Insgesamt hat Wall Kabel mit einer Länge von knapp 2,5 Kilometern je Toilettenhäuschen verbaut.

Wall will Vandalismus auch mit neuen Bauteilen verhindern

Vor dem Bau des neuen stillen Örtchens haben die Entwickler sich viele Gedanken gemacht – und sich auch mit Politik und Verbänden abgestimmt. Behindertenorganisationen hatten etwa nach der Präsentation des Prototyps im vergangenen Jahr Vorschläge zur Position des Toilettensitzes sowie der Rückenlehne gemacht, die Wall im serienfertigen Klo auch berücksichtigt hat.

Vor allem aber Erfahrungen der Vergangenheit hat das Unternehmen bei der Planung der neuen Toiletten berücksichtig: Alte Wall-Klos waren in Berlin in den vergangenen Jahren immer wieder Ziel von Vandalismus. Das brachte auch Wall Ärger ein. Weil zahlreiche Toiletten wegen Schäden bei einer Senats-Stichprobe nicht zur Verfügung standen, übte die Politik anschließend scharfe Kritik.

In den neuen Klos hat Wall deswegen unter anderem einen gusseisernen Toilettensitz gebaut, der mit Keramik beschichtet ist. Um zu zeigen, wie stabil der neue Sitz ist, tritt ein Mitarbeiter mit Stahlkappen-Schuhen dagegen. „Hält“, sagt der Mann und grinst. Der Wartungsaufwand soll so laut Wall-Chef Patrick Möller deutlich sinken. Ähnlich ausgestattete Klos hatte das Unternehmen auch schon in Schweden aufgebaut. Dort habe sich Technik laut Wall bewährt.