Energie

Strompreise steigen im April weiter – auch Gas wird teurer

Mit 29,55 Cent pro Kilowattstunde erreicht der Strompreis in Deutschland ein neues Rekordniveau. Eine Preissenkung ist nicht in Sicht.

Im April steigt der Strompreis auf ein Rekordniveau.

Im April steigt der Strompreis auf ein Rekordniveau.

Foto: Silas Stein / dpa

Berlin. Die Strompreise in Deutschland sind so hoch wie nie zuvor. 29,55 Cent muss jeder Verbraucher im Schnitt pro Kilowattstunde im April zahlen. Das geht aus einer Auswertung des Heidelberger Vergleichsportals Verivox hervor, die unserer Redaktion vorliegt.

Ein Drei-Personen-Haushalt mit einem durchschnittlichen Jahresverbrauch von 4000 Kilowattstunden muss bei dem aktuellen Preisniveau 1182 Euro im Jahr zahlen. Im Vorjahr waren es zum selben Zeitpunkt noch 1114 Euro. Damit sind die Preise binnen eines Jahres um 68 Euro gestiegen – und eine Entspannung ist nicht in Sicht.

Das Wichtigste in Kürze:

• Der Strompreis steigt im April auf ein Rekordniveau von 29,55 Cent pro Kilowattstunde

• Der Gaspreis ist so teuer wie seit Juni 2016 nicht mehr

• Heizöl wird leicht teurer

• Energieexpertin hält Preissteigerung für „unverhältnismäßig“

• Verbraucherzentrale-Vorstand fordert „Strompreisreform“

Weiterer Preisanstieg wird erwartet

„Die Strompreise werden in den kommenden Wochen erst einmal weiter steigen“, erwartet Verivox-Energieexperte Valerian Vogel. Allein im April und Mai hätten 62 Grundversorger angekündigt, ihren Preis um rund fünf Prozent zu erhöhen. Zwar hätten seit Jahresanfang 24 Anbieter ihren Tarif um rund ein Prozent reduziert, das kann den durchschnittlichen Preisanstieg aber kaum dämpfen.

Zumal im April und Mai laut Verivox nur zwei Anbieter angekündigt haben, ihre Kosten senken zu wollen. Insgesamt hätten in diesem Jahr 630 der rund 830 Grundversorger ihre Tarife erhöht oder Erhöhungen angekündigt.

Europaweit die zweithöchsten Strompreise

Dabei hat Deutschland im internationalen Vergleich schon mit die höchsten Strompreise: Einer Auswertung des Statistischen Amts der Europäischen Union zufolge zahlten 2018 in Europa nur die Dänen mit 31,26 Cent pro Kilowattstunde noch mehr für ihren Strom als die Deutschen.

Zum Vergleich: Im Nachbarland Frankreich kostete der Strom 2018 im Schnitt 17,54 Cent und damit 40 Prozent weniger als in Deutschland. In Polen ist der Strom mit 14,1 Cent pro Kilowattstunde nicht einmal halb so teuer wie hierzulande.

Für den Strompreis sind nicht alleine die Anbieter verantwortlich. Denn die Erzeugung und der Vertrieb machen nur rund ein Fünftel des gesamten Strompreises aus. Über die Hälfte des Strompreises geht an den Staat, in Form von Steuern, Netzentgelten und Abgaben. Über ein Fünftel des Strompreises macht die EEG-Umlage aus, mit der der Ausbau Erneuerbarer Energien finanziert werden soll.

Energieexpertin hält Steigerungen für „unverhältnismäßig“

Ist der Staat also als Preistreiber für das Rekordniveau verantwortlich? Das sieht Energieexpertin Claudia Kemfert vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung nicht so. „Die Strompreissteigerungen sind unverhältnismäßig. Die EEG Umlage ist gesunken. Die Strompreise dürften also nicht steigen. Offenbar nutzen die Stromkonzerne die Gunst der Stunde, unverhältnismäßige Preissteigerungen durchzusetzen“, sagte Kemfert unserer Redaktion.

Im Vergleich zum Vorjahr sank die EEG-Umlage zuletzt um 5,7 Prozent. Anstatt dies zu berücksichtigen, geben die Stromanbieter vielmehr die Preissteigerungen bei den Beschaffungspreisen an die Kunden weiter.

Stromkunden zahlen teure Beschaffungspreise

Laut Bundesnetzagentur kauften die Versorger 2018 den Strom rund 30 Prozent teurer ein als noch im Vorjahr. Doch auch diese Begründung möchte Kemfert nicht für die höheren Strompreise gelten lassen: Es sei seitens der Versorger behauptet worden, dass aufgrund langfristiger Verträge gesunkene Großhandelspreise nicht an die Kunden hätten weitergegeben werden können. „Umgekehrt muss dies jetzt also auch gelten“, fordert Kemfert. Zumal sich auch an der Strombörse die Preise zuletzt entspannten. Doch statt zu sinken, stieg der Strompreis in den vergangenen fünf Jahren um rund fünf Prozent an.

Ganz unschuldig ist laut Kemfert der Staat an den steigenden Strompreisen aber auch nicht: „Der Staat hat hier wenig Handhabe durchzugreifen, da er Mitverschulder ist durch die Festlegung üppiger Netztarife, Kohleabwrackprämien und Haftungsumlagen.“

Auch Klaus Müller, Vorstand des Verbraucherzentrale Bundesverbands, sieht die Politik in der Pflicht: „Die Energiewende wird nur mit den Verbrauchern gelingen. Daher muss die Bundesregierung schnellstmöglich eine Strompreisreform angehen und Entlastung für private Haushalte schaffen“, sagte Müller unserer Redaktion.

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Gaspreis auf dem höchsten Stand seit Juni 2016

Nicht nur Stromkunden müssen tiefer ins Portemonnaie greifen, auch der Gaspreis kletterte zuletzt nach oben. In diesem Monat liegt er laut Verivox bei 6,12 Euro pro Kilowattstunde und damit auf dem höchsten Stand seit Juni 2016. Damit steigen die Gaspreise im achten Monat in Folge, bei einem Haushalt mit einem Jahresverbrauch von 20.000 Kilowattstunden werden 1223 Euro im Jahr fällig – 107 Euro mehr als im April des letzten Jahres.

Die Entwicklung der vergangenen Jahre, in denen sich Kunden über sinkende Gaspreise freuen konnten, scheinen vorbei zu sein. Innerhalb des letzten halben Jahres zogen die Preise um fast ein Zehntel an, es ist der schnellste Preisanstieg seit zehn Jahren. Im Vergleich zum Strom kommen Gaskunden im Fünfjahresvergleich dennoch günstiger weg, denn der Gaspreis sank seit 2014 um neun Prozent.

Heizöl mit starken Schwankungen

Deutlich günstiger als vor fünf Jahren sind auch Heizölkunden unterwegs, sie sparen gegenüber April 2014 insgesamt 17 Prozent. Der Hektoliter Heizöl liegt diesen Monat laut der Verivox bei 66,55 Euro. Die Heizölpreise hängen stark mit den internationalen Rohölpreisen zusammen und unterliegen je nach weltweiter Konjunkturlage und Fördermenge in den Lieferländern starken Schwankungen.

Allein innerhalb der letzten drei Jahre lag zwischen dem günstigsten Monat im Januar 2016 mit 38,79 Euro pro Hektoliter und dem teuersten Monat im November 2018 mit 81,97 Euro eine Differenz von 110 Prozent. Für einen Dreipersonenhaushalt bedeutet das: Wer im Januar 2016 rund 2000 Liter Heizöl bezogen hat, hat bei seiner Bestellung im Vergleich zum November 2018 insgesamt 856 Euro weniger bezahlt.