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Apple Watch warnt vor Herzproblemen – Wem kann das helfen?

Apple hat für seine Smartwatch Funktionen freigeschaltet, die Hinweise auf Herzprobleme geben sollen. Was sagen Gesundheitsexperten?

Mit der Apple Watch sollen Nutzer ihre Herzfunktion überwachen lassen.

Mit der Apple Watch sollen Nutzer ihre Herzfunktion überwachen lassen.

Foto: apple

Berlin. Der Körper und seine Gesundheit sind längst nicht mehr allein Sache des Arztes. Die Menschen messen mithilfe von Apps und Fitnessarmbändern ihren Puls, sie protokollieren ihren Schlaf, sie zählen ihre Schritte und die Tage bis zum nächsten Eisprung – und sie beobachten ihren Herzrhythmus, um zu erkennen, ob dieser wichtigste aller Muskeln womöglich aus dem Takt geraten ist. Das, was seit jeher der Hausarzt oder Kardiologe tat, tut jetzt die Smartwatch. Nun auch die bekannteste Armbanduhr, die Apple Watch Series 4.

Am Mittwochabend werden zwei Funktionen für Deutschland freigeschaltet, die in den USA seit Ende vergangenen Jahres zur Verfügung stehen: ein EKG-Feature und eine Meldefunktion, die bei unregelmäßigem Herzrhythmus ein Signal gibt. Die „Apple Heart Study“ von Apple und der Stanford University lieferte bereits vielversprechende Ergebnisse hinsichtlich der Messgenauigkeit. Doch es bleiben Fragen.

Apple Watch soll Anzeichen auf ein mögliches Vorhofflimmern erkennen

Ziel der neuen Gesundheitsfunktionen ist es, beim Träger der Uhr Anzeichen auf ein mögliches Vorhofflimmern zu erkennen und ihm einen Hinweis zu geben. Die eine Funktion erfasst den Herzrhythmus im Moment, die andere arbeitet im Hintergrund.

Eine ärztliche Dia­gnose stellt die Apple Watch ausdrücklich nicht. Doch allein der Hinweis habe einen hohen medizinischen Wert, sagt Professor Peter Radke von der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie (DGK) und Chefarzt der Kardiologie an der Schön Klinik in Neustadt. „Denn in 30 Prozent der Fälle haben die Menschen gar keine Beschwerden.“

Vorhofflimmern ist mit 1,8 Millionen Betroffenen in Deutschland die häufigste Form der Herzrhythmusstörung und eine der Hauptursachen für Schlaganfälle. Dabei gerät das Herz aus dem Takt. Diese Unregelmäßigkeiten sollen die neuen Funktionen erkennen.

EKG-App der Apple Watch misst Herzrhythmus

Die EKG-App misst mithilfe spezieller Sensoren an der Unterseite der Uhr und der Digital Crown, also der Uhrkrone, elektrische Signale im Herzen. Durch Auflegen des Fingers an der Krone entsteht ein Schaltkreis, und nach 30 Sekunden wird der Herzrhythmus entweder als Sinusrhythmus, Vorhofflimmern oder nicht eindeutig eingestuft.

Bei einem Sinusrhythmus ist alles in Ordnung, das Herz schlägt gleichmäßig, auf der Uhr erscheint dennoch der Hinweis, dass es sich lediglich um eine Momentaufnahme handelt. Zeigt die Apple Watch ein Vorhofflimmern an, hat sie ein unregelmäßiges Muster erkannt, die Vorhöfe schlagen nicht synchron mit den Herzkammern. Auf der Uhr erscheint ein entsprechender Hinweis mit der Empfehlung, das Ergebnis mit einem Arzt zu besprechen, aber eine eventuell bestehende Medikation nicht zu verändern. Ist das Ergebnis uneindeutig, kann das laut Apple verschiedene Gründe haben: technische oder medizinische wie andere Herzprobleme, für deren Erkennung die App nicht ausgelegt ist.

Studie: 0,5 Prozent der Apple-Watch-Träger erhielten eine Benachrichtigung

Das zweite neue Feature, die Benachrichtigungsfunktion, arbeitet mit einer Technik, die bereits seit der Apple Watch Series 1 integriert ist: Licht wird von der Unterseite der Uhr am Handgelenk in die Haut gesendet und je nach Blutmenge in den darunter liegenden Arterien zurückgeworfen – ein klassischer Pulsmesser.

So überprüft die Watch im Hintergrund den Herzrhythmus in regelmäßigen Abständen und informiert den Träger, wenn bei fünf Überprüfungen über einen Zeitraum von mindestens 65 Minuten ein unregelmäßiger Rhythmus erkannt wird. „Das ist eine kluge Art, die Variabilität der Herzfrequenz zu messen“, sagt Radke, der die Funktionen zuvor bereits mit einer Apple Watch aus den USA getestet hat.

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Sei die Frequenz zu variabel, könnten Algorithmen, wie sie auch Smartwatches anderer Hersteller hätten, das erkennen. Gemeinsam mit der neuen EKG-Funktion sei es ein gutes Zusammenspiel, um die Richtigkeit der Ergebnisse zu erhöhen.

Die „Apple Heart Study“ mit rund 420.000 Teilnehmern kam allein für die Meldefunktion zu dem Ergebnis, dass nur 0,5 Prozent der Teilnehmer Benachrichtigungen zu einem unregelmäßigen Rhythmus erhielten. Für Apple nach eigenen Angaben ein wichtiger Hinweis, um Bedenken hinsichtlich einer Überbenachrichtigung auszuschließen. Von diesen 2100 benachrichtigten Probanden zeichneten wiederum 450 mithilfe eines EKG-Pflasters parallel zur Uhr ihren Herzrhythmus auf. In 84 Prozent der Fälle wiesen die Probanden dann tatsächlich ein Vorhofflimmern auf.

Was macht Apple mit den Herz-Daten?

Es sei ein interessantes Szenario, mithilfe einer App ein mögliches Vorhofflimmern zu erkennen, sagt Professor Bert Arnrich vom Potsdamer Hasso-Plattner-Institut. Er leitet den Lehrstuhl Connected ­Healthcare und forscht zur Nutzung gesundheitsrelevanter Daten im Alltag. Er sagt, Ärzte könnten zwar bei Untersuchungen Daten über einen Patienten sammeln, „aber in der Zeit dazwischen fallen so viele gesundheitsrelevante Daten an, die nicht erhoben werden, aber so viel erzählen könnten“.

Die Sicherheit der Daten sei technisch nach Einschätzung Arnrichs bei Apple sehr hoch. „Die Frage ist: Was machen Unternehmen wie Apple, Google und Facebook mit den Daten?“ Apple verweist darauf, dass persönliche Daten nicht an Werbetreibende und andere Unternehmen verkauft werden. Beim Einrichten der neuen Funktionen kann der Nutzer entscheiden, ob Daten zu Analysezwecken an Apple gesendet werden sollen oder nicht.

Doch das Sammeln von Alltagsdaten kreiert noch andere Herausforderungen, betont Radke. So sei eine entscheidende Frage, ob Menschen, bei denen zufällig kurze Vorhofflimmer-Episoden gefunden werden, tatsächlich schlaganfallgefährdet seien und ob eine Therapie notwendig sei. „Das können wir noch nicht abschließend bewerten und deswegen brauchen wir noch weitere Forschung.“

Dennoch kann er sich vorstellen, künftig einmal Risikogruppen mit sogenannten Wearables, also kleinen Computersystemen wie Smartwatches, auszustatten. „Denn ein Schlaganfall ist heute eine der Hauptursachen für Behinderungen.“ Prävention könne deshalb die Gesundheit schützen und die Gesellschaft auf diese Weise auch finanziell entlasten.