Chemiekonzern

BASF-Chef sieht in Gazprom einen verlässlichen Partner

BASF-Vorstandschef Martin Brudermüller skizziert die Wachstumsmärkte des weltweit größten Chemiekonzerns – und seine Jobentwicklung.

BASF-Chef Martin Brudermüller.

BASF-Chef Martin Brudermüller.

Foto: Reto Klar

Berlin.  Seit einem halben Jahr steht Martin Brudermüller an der Spitze des weltweit größten Chemiekonzerns BASF. Über die Pläne des Unternehmens, Klimaschutz, Müllvermeidung und die Notwendigkeit eines starken Europas sprach unsere Redaktion mit dem Vorstandsvorsitzenden.

Herr Brudermüller, ob Autos, Handys oder Windeln – Ihre Produktestecken in fast jedem Alltagsgegenstand. Wie wichtig bleibt Chemie in der Zukunft?

Martin Brudermüller: Die Chemie ist sehr oft Innovationstreiber für die verarbeitende Industrie. Wir stoßen Fortschritte an. Unsere Produkte ermöglichen erst Verbesserungen – wie bei Displays von Handys oder Bauteilen für Autos der nächsten Generation. Deshalb bleibt die Chemie auch in Zukunft eine wichtige Industrie.

In welchen Bereichen sehen Sie die größten Chancen für Innovationen?

Brudermüller: Wir sehen für viele Industrien Chancen. Nachhaltigkeit und der Klimawandel werden dabei eine große Rolle spielen. Immer mehr Kunden bitten uns um Mithilfe, ihre Produkte nachhaltiger zu machen.

Wie sieht Ihr Beitrag aus, damit Deutschland und die Industrieländer die Klimaziele erreichen?

Brudermüller: Unsere Produkte helfen schon heute, Kohlendioxid einzusparen. Wir entwickeln moderne Batterien für die Elek­tromobilität und sorgen für leichtere Materialien beim Fahrzeugbau, was Treibstoff spart.

Welcher Schritt könnte den CO2-Ausstoß am schnellsten reduzieren?

Brudermüller: Es gibt nicht den einen Hebel. Wir müssen an vielen Ecken ansetzen. Dazu zählt nicht nur die Industrie, sondern auch der Verkehr sowie Heizen und Klimaanlagen, was allein rund ein Drittel des CO2-Ausstoßes verursacht. Mehr Einsatz von Gas wäre ebenfalls sehr hilfreich, da es unter den fossilen Energien am wenigsten CO2 erzeugt.

… und was tun Sie dafür in Ihrem Haus?

Brudermüller: Wir haben in den vergangenen drei Jahrzehnten unseren CO2-Ausstoß halbiert, obwohl wir gleichzeitig die Produktion verdoppelt haben. Nun kommen wir bei der Reduktion aber langsam an die Grenzen des technisch Machbaren. Dennoch haben wir uns das Ziel gesetzt, die Emissionen je produzierter Einheit weiter zu senken. Das heißt, wir wollen bis 2030 weiter wachsen, aber ohne insgesamt unseren CO2-Ausstoß zu erhöhen. Das ist ein sehr ehrgeiziges Ziel. Damit können wir wachsen und verhindern zugleich, dass der CO2-Ausstoß in Deutschland weiter steigt.

Immer mehr Plastik vermüllt die Meere. Sind Sie als Kunststoffhersteller nicht auch in der Pflicht, dies einzudämmen?

Brudermüller: Das Problem muss schnell gelöst werden. Es handelt sich jedoch vor allem um ein Fehlverhalten derjenigen, die ihren Müll achtlos wegwerfen. Kunststoff an sich ist ein hervorragendes Material. Es hat viele Vorteile und ist aus unserem Leben kaum wegzudenken. Die Lösung des Problems hat viel mit gesellschaftlicher Verantwortung und der Erziehung zum Mülltrennen und Recyceln zu tun.

Zu wie viel Prozent ist Plastik wiederverwertbar?

Brudermüller: Fast vollständig im Verbrauchsgüterbereich. Wir verfolgen mit „ChemCycling“ ein Verfahren, bei dem Plastikmüll zu Öl verarbeitet und daraus wieder neuer Kunststoff wird. Aus dem recycelten Kunststoff können neue Produkte wie Kleidung oder Bauteile hergestellt werden – ohne Einbußen von Qualität!

Wie reagieren Sie persönlich, wenn man Ihnen eine Plastiktüte anbietet?

Brudermüller: Ich brauche sie meist nicht, da ich beim Einkauf meine eigenen stabilen Taschen dabei habe.

Ihr Konzern produziert auch Saatgut und Vitamine. Wie lässt sich der Hunger in der Welt besser bekämpfen?

Brudermüller: Wir müssen auf den beschränkten Landflächen höhere Erträge erzielen, um noch mehr Menschen zu ernähren. Dazu gehören effektives Saatgut, innovative Pflanzenschutzmittel und die gezielte Veränderung von Pflanzen, damit sie extremere Wetterbedingungen aushalten und weniger Wasser benötigen.

Steht die Debatte um Gentechnik in Europa dabei im Wege?

Brudermüller: Die Verbote in Europa verhindern leider einen sinnvollen Einsatz von Gentechnik. Es gehen hier große Chancen für die Gesellschaft verloren. Die Forschung dazu findet heute im Ausland statt. Auch wir haben unsere Forschung zu gentechnisch modifizierten Organismen längst in die USA verlagern müssen. Das tut uns in Europa nicht gut. In der Forschung wandern hoch bezahlte Arbeitsplätze ins Ausland. Die jüngste Entscheidung des EUGH gegen CRISPR-CAS ist ein weiterer Schritt in diese Richtung.

BASF ist der weltgrößte Chemiekonzern. Inwieweit leidet Ihr Unternehmen unter den aktuellen Handelskonflikten?

Brudermüller: Unsere Produkte werden überwiegend dort hergestellt, wo sie verkauft werden. Und zwar zu den gleichen Standards wie hierzulande. Insofern treffen uns die Strafzölle noch nicht so sehr.

Was erwarten Sie von der Politik?

Brudermüller: Als Vorstandschef und Bürger treibt mich persönlich die große Sorge um, dass Europa zu zerfallen droht. Wir bräuchten aber genau das Gegenteil. Die Welt ordnet sich gerade neu – und zwar zwischen China und den USA. Im Kräftemessen dieser beiden Machtblöcke braucht die Welt dringend einen Antipoden, und das wäre ein starkes Europa. Doch die Europäer stellen derzeit ihre Unterschiede statt das Verbindende heraus. Wir müssten aber mit einer starken europäischen Stimme sprechen – und die haben wir zurzeit nicht. Staaten im Alleingang haben keine Chancen. Deshalb mein Appell an die Politik: Kümmert euch um Europa!

Was ist konkret zu tun?

Brudermüller: Die Wertschöpfungsketten sind heute weltweit vernetzt. Die Realwirtschaft macht nicht an Grenzen halt, sondern sucht sich die besten Partner. Es gibt derzeit viele politische Baustellen: Türkei, Großbritannien mit dem drohenden Brexit, China, USA, Saudi-Arabien. Wir sollten uns als Europäer nicht nur auf eine Seite stellen, sondern mit allen Ländern und Wirtschaftsräumen Beziehungen so gestalten, um das für unsere Interessen Beste herauszuholen. Auch Russland in die G8 zurückzuholen wäre ein wichtiges Ziel.

Ihre Tochter Wintershall fördert mit Gazprom gemeinsam Gas in Russland. Ist die Belieferung durch die Russland-Sanktionen gefährdet?

Brudermüller: Gazprom ist seit 30 Jahren ein absolut verlässlicher Geschäftspartner. Wenn es bei uns schnell kalt wurde und wir mehr Gas brauchten, war Gazprom das einzige Unternehmen, das schnell die Ventile öffnete, damit genügend Gas nach Deutschland kam. Auch in diesem Winter müssen wir nicht mit Gas­engpässen rechnen.

Die Chemiebranche ist von großen Fusionen geprägt. Planen Sie für BASF ebenfalls weitere größere Zu- oder Verkäufe?

Brudermüller: Wir sehen uns gut aufgestellt. Wir wollen vor allem organisch und durch eigene Innovationen wachsen und nicht durch Zukäufe – das ist am gesündesten.

Wo wollen Sie erfolgreicher werden?

Brudermüller: Im Bereich Elektromobilität würden wir gerne ganz weit vorne mitfahren.

Wo sind Ihre größten Wachstumsmärkte?

Brudermüller: In 2030 wird 50 Prozent des Chemiebedarfs aus China kommen – also die Hälfte des Weltmarktes. Hier sehen wir unsere größten Wachstumsmöglichkeiten. Doch auch in Europa werden wir unsere Chancen nutzen.

Was planen Sie konkret für Deutschland? Gibt es mehr oder weniger Arbeitsplätze?

Brudermüller: Wir werden weiter in unseren Standort in Ludwigshafen investieren. Die Stellenzahl bleibt wohl auf dem hohem Niveau. Zunächst werden wir aber weltweit unsere Organisation umstrukturieren und die Aufgaben von rund 20.000 Mitarbeitern neu organisieren, um noch schneller und näher am Kunden zu sein.

Warum ist der Aktienkurs von BASF seit Jahresbeginn so stark gesunken?

Brudermüller: Die Chemieindustrie wächst schneller als das Bruttoinlandsprodukt und spürt im Gegenzug auch früher Abschwünge. Wann immer etwas in der Welt geschieht, bekommen wir einen kleinen Genickschlag. Der drohende Brexit und der US-Handelsstreit hinterlassen Spuren. In diesem Jahr wird es erstmals praktisch kein Wachstum in der chinesischen Autoindustrie geben. Das wirtschaftliche Klima trübt sich ein – das wirkt sich auch auf unseren Kurs aus.

Wie schwierig ist es, Fachkräfte zu finden – aktuell haben Sie 1860 offene Stellen?

Brudermüller: Für uns noch nicht, da wir als guter Arbeitgeber gelten. Dennoch: Ein Fachkräftezuwanderungsgesetz wäre nicht nur wünschenswert, sondern ist dringend notwendig, damit wir unser Wachstum nicht durch Arbeitskräftemangel ausbremsen. Dies machen andere Länder wie die USA oder Australien bereits erfolgreich vor.

Wie sehen Sie die Zuwanderungsdebatte?

Brudermüller: Wir brauchen Regeln für die Zuwanderung. Aber es gibt andere wichtigere Zukunftsthemen, die wegen dieser Debatte nicht zur Sprache kommen.

Und welche sind dies?

Brudermüller: Wir brauchen langfristige Strategien für die Zukunft. Mehr Ausbildung, Forschung, Innovation. Die Infrastruktur muss verbessert werden. Wir brauchen mehr Dynamik bei Glasfasern, 5G oder künstlicher Intelligenz. Wir sind in Deutschland bei vielen Dingen gut im Reden, aber nicht im Handeln. Es fehlt auch an langfristigen Ideen, die die gesamte Gesellschaft nach vorne bringen. Wir bleiben hier unter unseren Möglichkeiten. Von den Chinesen können wir lernen, wie man sich langfristig strategisch positioniert und die Ziele mit voller Kraft verfolgt.

• Zur Person:

Martin Brudermüller hat sein gesamtes Berufsleben in den Dienst von BASF gestellt. Der promovierte Chemiker begann seine Laufbahn nach dem Studium in Karlsruhe und den USA in einem Labor des Konzerns am Stammsitz Ludwigshafen.

Es folgten Stationen in zahlreichen verschiedenen Leitungsfunktionen, unter anderem in Italien und Hongkong. 2011 wurde der 57-Jährige zunächst stellvertretender Vorstandschef, seit Mai leitet er den größten Chemiekonzern der Welt als Vorstandsvorsitzender.

Der gebürtige Stuttgarter bezeichnet sich selbst als energievollen Menschen, den das Unternehmen BASF immer begeistert habe.