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Die Fusion von Print und Online ärgert beim „Spiegel“ einige

In der Redaktion des Magazins „Der Spiegel“ gärt es. Manche Mitarbeiter wollen über die Zusammenlegung von Print und Online abstimmen.

Dem „Spiegel“ stehen tiefgreifende Veränderungen bevor. Nicht alle sind mit der Art und Weise zufrieden.

Dem „Spiegel“ stehen tiefgreifende Veränderungen bevor. Nicht alle sind mit der Art und Weise zufrieden.

Foto: S. Steinach / imago/Steinach

Berlin.  Es waren zwei kleine Wörter, die in der „Spiegel“-Redaktion für Aufregung sorgten: Laut einer Pressemitteilung vom 22. August werden auch die drei Mitglieder der „neuen Chefredaktion“ künftig der Unternehmensleitung angehören. Nun ist Journalisten die Trennung von Verlag und Redaktion heilig. Soll sie beim „Spiegel“ aufgehoben werden? Und wer steckt hinter all dem? Womöglich der ungeliebte Gesellschafter Gruner + Jahr (G+J)? Zumindest in der Wahrnehmung mancher „Spiegel“-Redakteure wird das Trennungsgebot dort nicht mehr ganz ernst genommen.

„Spiegel“-Geschäftsführer Thomas Hass ruderte neun Tage später zurück: Man habe mit der Formulierung „zum Ausdruck bringen“ wollen, dass man mit den Chefredakteuren „eng zusammenarbeiten“ werde, sagte er vor Mitarbeitern. „Die Chefredaktion ist nicht Mitglied der Geschäftsführung.“

Größte Kulturrevolution seit den 70er-Jahren

Hass’ Rede hat die Lage nur mäßig beruhigt. Es gärt in der Redaktion. Erstaunlich ist das nicht: Schließlich ist die beschlossene Fusion der Redaktionen des gedruckten „Spiegel“ und von „Spiegel Online“, die wohl größte Kulturrevolution in der Geschichte des Nachrichtenmagazins seit Anfang der 70er-Jahre, als dessen Gründer Rudolf Augstein der Belegschaft die Hälfte der Firma schenkte. Von der Schenkung profitieren bis heute nur die Mitarbeiter des gedruckten „Spiegel“. Das wird sich ändern.

Dass sie Anteile an die Online-Kollegen abgeben müssen, ist für viele Print-Redakteure noch nicht einmal das entscheidende Problem. Sie wollen vielmehr den Prozess der Fusion mitgestalten. Das wurde Montag vergangener Woche auf einer Sitzung der stillen Gesellschafter der Mitarbeiter-KG deutlich.

Auf Ressortleiterebene fallen attraktive Stellen weg

Offenbar hatten manche von ihnen die KG-Geschäftsführung bisher immer so verstanden, dass die stillen Gesellschafter über die Modalitäten einer Fusion abstimmen können. Schließlich geht es um einiges: Zwar soll es im Zuge der Redaktionszusammenlegung keine Kündigungen geben. Aber garantieren kann das niemand. Zumindest auf der Ressortleiterebene werden wegen der Fusion beider Redaktionen attraktive Stellen wegfallen.

Die KG-Geschäftsführung will von einer Abstimmung aber nichts wissen. Im Gegenteil: Sie hat ein Rechtsgutachten in Auftrag gegeben, aus dem hervorgeht, dass ein Votum der stillen Gesellschafter in der Fusionsfrage nicht erforderlich ist. Auf der Versammlung vom vorletzten Montag wurde darüber gestritten, ob es eine Protokollnotiz gibt, aus der hervorgeht, dass die Sprecherin der KG-Geschäftsführung, Susanne Amann, den Mitarbeitern in der Vergangenheit eine Abstimmung versprochen hat. Abschließend geklärt werden konnte dies offenbar nicht.

Welchen Einfluss hat Gruner + Jahr?

Teilnehmer berichten, auf der Sitzung hätten insbesondere die Leiter des Wissenschaftsressorts, Rafaela von Bredow und Olaf Stampf, der Autor Klaus Wiegrefe sowie der Investigativreporter Gunther Latsch sich sehr kritisch zum Fusionsprozess geäußert.

Schon heißt es, der eine oder andere Kritiker könnte Anfang 2019 bei den Wahlen zur KG-Geschäftsführung kandidieren. Ihre Chancen wären wohl nicht schlecht. Manche Redakteure glauben, Mitgesellschafter G+J habe quasi durch die Hintertür die Macht beim „Spiegel“ übernommen. Festgemacht wird dies vor allem daran, dass viele leitende „Spiegel“-Mitarbeiter eine G+J-Vergangenheit haben. Wie einst G+J-Chefin Julia Jäkel, arbeitete so mancher, der im Nachrichtenmagazin nun das Sagen hat, früher für das eingestellte G+J-Blatt „Financial Times Deutschland“.

So auch KG-Chefin Amann, der manche unterstellen, sie wolle in die „Spiegel“-Geschäftsführung wechseln. Sie dementiert das. Doch trotz aller Gerüchte und Kabalen: Dass der Fusionsprozess noch zu stoppen ist, halten selbst dessen schärfste Kritiker für unwahrscheinlich.

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