Pflanzengift

Nach dem Glyphosat-Urteil ist die Bayer-Aktie im Sturzflug

Das Glyphosat-Urteil in den USA verschreckte Anleger. Analysten glauben, dass die Strafe gegen Monsanto auf ein Minimum reduziert wird.

Demonstranten sind davon überzeugt, dass Glyphosat für Mensch und Umwelt gefährlich ist.

Demonstranten sind davon überzeugt, dass Glyphosat für Mensch und Umwelt gefährlich ist.

Foto: WOLFGANG RATTAY / REUTERS

Berlin.  Solche drastischen Kursstürze sind äußerst selten. Erst recht im Deutschen Aktienindex (Dax). Nachdem ein US-Gericht die Bayer-Tochter Monsanto zu einem millionenschweren Schadenersatz wegen ihres Pflanzengiftes Glyphosat verurteilt hatte, zogen viele Aktionäre am Montag in Deutschland die Reißleine: Kurz nach Öffnung der Börse schlitterte der Kurs von Bayer in die Tiefe und verlor in der Spitze rund 13 Prozent – das Unternehmen war damit gut elf Milliarden Euro weniger wert. Weniger hatte das Unternehmen zuletzt im Juli 2013 gekostet.

Der deutsche Pharmakonzern wird damit für das enorme Risiko abgestraft, das offenbar in der 63 Milliarden Euro teuren Übernahme des amerikanischen Saatgutkonzerns Monsanto steckt. Kernproblem ist das umstrittene Unkrautvernichtungsmittel Glyphosat, das von Monsanto produziert und vertrieben wird.

Seine Wirkung auf das Wohl von Menschen und Tieren ist wissenschaftlich höchst umstritten. Während die Weltgesundheitsorganisation (WHO) die Chemikalie 2015 als „wahrscheinlich krebserregend für den Menschen“ eingestuft hat, beruft sich Bayer auf „mehr als 800 wissenschaftliche Studien, die US-Umweltbehörde EPA, die Nationalen Gesundheitsinstitute und Aufseher weltweit“, die Glyphosat als sicher bewerten.

Urteil gegen Monsanto könnte aufgehoben werden

Ein US-Geschworenengericht aus Laienrichtern gab dem Kläger Dewayne „Lee“ Johnson jedoch recht. Dem Platzwart, der häufig Unkrautvernichter wie das Monsanto-Produkt Roundup mit Glyphosat verwendete und heute an Lymphdrüsenkrebs leidet, sprachen die Richter 289 Millionen Dollar Schadenersatz zu.

Weitere 5000 Klagen gegen Monsanto sind in den USA noch anhängig. Käme es in den anderen Fällen zu ähnlichen Urteilen, würde sich im schlimmsten Fall die Entschädigung auf einen hohen Milliardenbetrag summieren. Doch das Urteil ist längst noch nicht rechtskräftig. Monsanto hat Berufung angekündigt. Dabei ist es in den USA üblich, dass Strafzahlungen dieser Art in weiteren Verfahren entweder erheblich verringert oder Urteile in der nächsten Instanz ganz aufgehoben werden.

So gehen Analysten von Barclays davon aus, dass die Strafe auf ein Minimum reduziert oder rückgängig gemacht werden könnte. Ein Analyst von der US-Bank JP Morgan hält die Ängste der Anleger deshalb für übertrieben und sieht langfristig sogar eher wieder einen Kaufanreiz für die Aktie.

Umweltministerium will Glyphosat verbieten

„Für den einzelnen Anleger war die Nachricht erst mal ein Schock“, sagt der Sprecher der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW), Jürgen Kurz. „Die Strafe war in dieser Höhe nicht einkalkuliert.“ Der DSW-Sprecher geht aber davon aus, dass Bayer gegen Schadenersatzforderungen in dieser Höhe versichert sei und die Summe nicht selbst begleichen müsse. Zudem sei offen, was der Konzern nach der letzten richterlichen Instanz überhaupt bezahlen müsse.

Für den Grünen-Fraktionsvizevorsitzenden Oliver Krischer entpuppt sich Monsanto wiederum als „tickende Zeitbombe“: „Überall auf der Welt wird Bayer in Zukunft für Monsantos Geschäftspolitik der vergifteten Erde geradestehen müssen.“ Die Grünen-Chefin Annalena Baerbock fordert von der Regierung einen schnellen Anwendungsstopp, sagte sie dieser Redaktion: „Damit schützen wir die Artenvielfalt, das Trinkwasser und die Böden.“

Das Bundesumweltministerium will dafür sorgen, dass Glyphosat ab 2021 nicht mehr verwendet wird. Dies habe allerdings nichts mit dem Urteil zu tun, betonte ein Ministeriumssprecher. Der Ausstieg werde vielmehr betrieben, da der Wirkstoff die Artenvielfalt beeinträchtige.

Die EU-Kommission hat Glyphosat nach langem Gezerre unter den Mitgliedstaaten erst im Dezember für weitere fünf Jahre auf dem europäischen Markt zugelassen.