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So baut Siemens-Chef Joe Kaeser seinen Konzern um

Joe Kaeser gibt den Industriesparten mehr Freiheiten, um höhere Renditen zu erzielen. Gewerkschafter warnen vor einer Aufspaltung.

Joe Kaeser.

Joe Kaeser.

Foto: Frank Hoermann/SVEN SIMON / ddp images/Sven Simon

München/Mülheim.  Siemens-Chef Joe Kaeser durfte in den vergangenen Jahren ein Rekordergebnis nach dem anderen verkünden. Bis auf die kriselnde Kraftwerkssparte läuft es blendend für den Münchner Konzern. Auf dem Höhepunkt seines Erfolges will Kaeser das Unternehmen nun grundlegend umbauen. Schon ist die Rede von seinem „Vermächtnis“. Denn der 61-Jährige hatte jüngst durchblicken lassen, dass er seinen 2021 auslaufenden Vertrag nicht verlängern wolle. Als sein Nachfolger soll Technik-Vorstand Roland Busch in den Startlöchern stehen.

Es ist vier Jahre her, als Kaeser dem großen Tanker Siemens seine „Vision 2020“ verordnete. Seither spaltete er die Medizintechnik-Sparte ab und suchte sich Partner für die Bereiche Zugtechnik und Windenergie. Jetzt legt der Vorstandschef noch einen drauf und baut mit dem Programm „Vision 2020 +“ die verbliebenen Unternehmensteile um.

Die bisher fünf Industriesparten werden in drei operative Einheiten für Gas und Energie, smarte Infrastruktur und digitale Industrie aufgeteilt. Sie sollen eine größere Eigenständigkeit erhalten. Der Konzern mit seinen weltweit mehr als 370.000 Mitarbeitern soll auf diese Weise schneller wachsen und mehr Rendite abwerfen. Kaeser will zudem die Konzernzentrale in München mit rund 10.000 Beschäftigten verschlanken und mehr Steuerungsaufgaben in die operativen Einheiten geben.

Dinner mit Trump

Der neuen Infrastruktur-Einheit im schweizerischen Zug werden 71.000 Mitarbeiter und 14 Milliarden Euro Umsatz zugeordnet. Von Nürnberg aus soll das digitale Industriegeschäft, das Kaeser als „Diamanten“ bezeichnet, geführt werden. Diese Einheit hat 78.000 Mitarbeiter und 14 Milliarden Euro Umsatz. Neuester Zukauf ist für 600 Millionen Euro das US-Software-Unternehmen Mendix. Die in Berlin und im Ruhrgebiet bedeutende Kraftwerkssparte wird die dritte dieser Einheiten.

Zu ihr gehören das Mülheimer Dampfturbinen- und Generatoren-Werk mit 4500 Beschäftigten sowie der Standort Duisburg, wo 2400 Mitarbeiter Kompressoren für die Gas- und Ölindustrie fertigen. Im Berliner Gasturbinen-Werk gibt es 3700 Beschäftigte. Die Energiesparte mit weltweit 71.000 Mitarbeitern und 21 Milliarden Euro Umsatz soll ihren Sitz im texanischen Houston, dem Zentrum der US-Ölindustrie, haben. Ihre Chefin Lisa Davis, deren Vertrag der Aufsichtsrat über den 31. Juli 2019 verlängern will, steuerte das Geschäft bislang schon aus den USA.

In der Standort-Entscheidung sehen Beobachter auch ein Zugeständnis an die aggressive Handelspolitik von US-Präsident Donald Trump. Kaeser hatte Ende Januar beim Weltwirtschaftsforum in Davos zusammen mit anderen europäischen Konzernchefs an einem Dinner mit Trump teilgenommen. Kaesers Satz „Glückwunsch zur Steuerreform“ sorgte damals für viel Wirbel. Vor Journalisten in München demonstrierte der Siemens-Manager jetzt erneut Nähe zu Trump. „Siemens is great again. Das sind keine ‚Fake News‘“, sagte Kaeser in Anlehnung an die Rhetorik des US-Präsidenten.

Kraftwerkssparte vor großen Herausforderungen

„Ich bin froh, dass es zunächst nicht zum reinen Holding-Modell kommt. Siemens funktioniert nach meiner festen Überzeugung als integrierter Technologiekonzern besser“, kommentierte der Mülheimer Betriebsratsvorsitzende Pietro Bazzoli die Neuausrichtung. Wegen der Auftragsflaute für große Turbinen und Generatoren verhandelt er gerade über einen Sozialplan, der den geplanten Abbau von mehr als 700 Arbeitsplätzen flankieren soll. Ende September soll es ein Ergebnis geben. Im Berliner Gasturbinen-Werk stehen 300 Stellen auf der Kippe.

Bazzoli nimmt Kaeser beim Wort, der am Donnerstag betonte, dass „Vision 2020 +“ nicht mit einem erneuten Personalabbau-Programm verbunden sein soll. „Wir dürfen uns jetzt nicht nur mit uns selbst beschäftigen. Die Kraftwerkssparte steht vor großen Herausforderungen. Da brauchen wir Ideen für alternative Produkte und Innovationen“, sagte der Betriebsrat dieser Zeitung.

„Die Margen-Erwartung des Vorstands können wir nur erfüllen, wenn wir Antworten auf die globalen Trends wie Bevölkerungswachstum und Energiewende finden.“ Von der neuen Energie-Einheit erwartet Kaeser eine Ergebnismarge von acht bis zwölf Prozent. Im abgelaufenen Quartal erwirtschaftete die Sparte unter altem Zuschnitt aber nur 5,4 Prozent.

Die Gewerkschaft IG Metall befürchtet, dass die Siemens-Zentrale in München mittelfristig nur noch als Dach für drei eigenständige Gesellschaften dienen soll. Ein Modell, das auch immer wieder für den kriselnden Essener Industriekonzern Thyssenkrupp ins Spiel gebracht wird. „Den Weg in eine Holdingstruktur werden wir weiterhin nicht akzeptieren“, sagte IG-Metall-Hauptkassierer Jürgen Kerner, der auch im Aufsichtsrat von Siemens sitzt.

Die Arbeitnehmervertreter fürchten, dass eine reine Holdingstruktur in eine von den Finanzmärkten getriebene Zerschlagung des Konzerns münden werde. „Das Filetieren von Konzernen mit breitem Portfolio ist momentan zwar ein beliebtes Spiel der Finanzmärkte, ein Unternehmen wie Siemens kann jedoch aus eigener Stärke agieren.“