In den umkämpften Märkten der Strom- und Gasanbieter muss ein Unternehmen manchmal andere Wege als die Konkurrenz gehen, um Erfolg zu haben. Lekker Energie hatte in den vergangenen Jahren immer auf ein eigenes Callcenter für den Kundenservice gesetzt. Auch Abteilungen wie das Abrechnungsmanagement blieben in der Firmenzentrale in Berlin-Mitte. „Dieser Schritt hat sich bewährt“, sagt Michael Veit, der das mittelständische Energievertriebsunternehmen seit 2013 gemeinsam mit Josef Thomas Sepp führt. Die Berliner stechen mit der hausinternen Lösung aus der Branche hervor. Deutschlandweit haben noch immer viele Anbieter die Serviceleistungen an externe Dienstleister ausgelagert.
Die Lekker-Energie-Kunden wissen diese Nähe offenbar zu schätzen: Im vergangenen Jahr stieg die Zahl der Neuverträge um 20.000. Mittlerweile besitzen rund 324.000 Kunden in Deutschland einen Vertrag mit dem Energieanbieter. Im vergangenen Jahr verdiente Lekker Energie rund fünf Millionen Euro. „Jetzt geht es darum, profitabel zu bleiben“, sagt Josef Thomas Sepp. Das fällt der Branche aber zunehmend schwerer. Deutschlandweit sind die Preise für Strom und Gas stark gestiegen. Nicht immer gelingt es den Vertriebsunternehmen, diese Kosten an die Kunden weiterzugeben.
Erst Mitte Juli war die Anbieter „e:veen“ in Schieflage geraten. Das Unternehmen aus Hannover mit immerhin 100.000 Kunden meldete Insolvenz an und steht nun vor der Neuaufstellung. Auch Lekker Energie muss genau kalkulieren. Geschäftsführer Veit rechnet vor: Wenn ein Berliner Haushalt im Jahr gut 1200 Euro Energiekosten hat, fließt ein Großteil des Betrags als Steuern und Abgaben an den Staat und die Netzbetreiber. Hinzu kommen die Ausgaben für den Einkauf von Strom und Gas. Nur 20 bis 30 Euro landen letztlich als Gewinn auf den Konten des Versorgers.
Im Kampf um den Kunden werde die Vertriebs- und auch Serviceleistung der Anbieter immer wichtiger, glauben die Lekker-Energie-Geschäftsführer. Die Zahlen geben ihnen Recht: Seitdem Sepp und Veit bei dem Anbieter am Ruder sind, ist die Zahl der Kunden, die jährlich kündigen, gesunken. Zuletzt lag die Kündigungsquote der Bestandskunden nur noch bei 17 Prozent. Vor fünf Jahren waren es noch 28 Prozent.
Im Angesicht der Energiewende würden viele Konkurrenten auf neue Produktideen setzten. Manchmal nur mit mäßigem Erfolg. Lekker Energie wolle den Wandel anders nutzen. „Als Energieanbieter muss es unser Ziel sein, die Prozesse genauso kundenorientiert zu gestalten, wie es die Verbraucher von Onlinehändlern wie Amazon gewöhnt sind“, sagt Sepp. Haben etwa die Kunden des US-Konzerns eine Frage, bekommen sie mitunter innerhalb von wenigen Minuten eine Antwort. „Für uns geht es also darum, den Fokus auf unsere Kernkompetenzen in IT, Kundenservice und Vertrieb zu richten. Völlig unabhängig davon, ob wir Strom, Gas oder ein anderes Produkt verkaufen“, erklärt der Geschäftsführer. Der Amazon-Algorithmus unterbreitet jedem Nutzer des US-Versandhändlers zudem individuelle Angebote. In eine ähnliche Richtung entwickelt sich auch Lekker Energie.
Im vergangenen Jahr gab es erstmals für jeden Kunden des Berliner Anbieters individuelle Energiepreise. Das Unternehmen hat dafür seine Abnehmer gewissermaßen in Schubladen gesteckt: Mit dem sogenannten Kunden-Wert-Modell werde analysiert, wie preissensibel Kunden reagieren und wie loyal sie gegenüber dem Anbieter sind. Für Lekker Energie heißt das im Klartext: gute Kunden sind Kunden, die nicht kündigen. Nur mit dieser Gruppe kann das Unternehmen langfristig Geld verdienen. „Wir haben etwa gelernt, dass Kunden, die ein Konto bei einer Direktbank haben, nicht so loyal sind wie Kunden mit einer Bankverbindung bei der Sparkasse oder der Volksbank“, erklärt Michael Veit.
Einstieg bei Berliner Start-up Mieterengel
Die Digitalisierung hilft dem Energieanbieter nicht nur bei der Preisgestaltung. Für die Verbraucher werde Lekker Energie in nächster Zeit weitere Angebote schaffen, die Umzugsmeldungen oder die Zählerstandeingabe deutlich verschlanken sollen. „Wir wollen so schnell wie möglich werden“, sagt Veit. Dabei soll auch eine neue Abteilung mit IT-Spezialisten helfen. Lekker Energie sucht aber auch bei Start-ups nach Unterstützung. Die jungen Firmen sollen nicht nur beim digitalen Wandel helfen, sondern auch neue Geschäftsfelder eröffnen.
Erst im Frühjahr war Lekker Energie deswegen beim Berliner Start-up Mieterengel mit einer Minderheitsbeteiligung eingestiegen. Das Unternehmen hat den Mieterschutz digitalisiert. Für seine Mitglieder bietet die Firma Rechtsberatung an. Nutzer könnten zum Beispiel ihren Vertrag senden und die Renovierungsklausel überprüfen lassen, so Michael Veit. Von den dynamischen Abläufen der Start-ups könne Lekker Energie lernen. Weitere Zukäufe seien nicht ausgeschlossen, heißt es.
Erst Besitzerwechsel, dann Sanierung
Strom und Gas: Der Berliner Energieanbieter Lekker Energie beliefert bundesweit private Haushalte und Gewerbekunden mit Strom und Erdgas. Derzeit hat das Unternehmen rund 324.000 Kunden. In Berlin hat Lekker Energie etwa 100.000 Abnehmer. Zum Vergleich: Konkurrent Gasag versorgt etwa 180.000 Berliner mit Strom.
Gesellschafter: Lekker Energie ist seit 2013 Teil der Stadtwerke Krefeld. Zuvor gehörte der Energieanbieter zur niederländischen Nuon Energy. Weil Lekker Energie zuvor jedes Jahr zweistellige Millionenverluste schrieb, verordnete der neue Eigentümer einen strikten Sanierungskurs. Lekker Energie trennte sich daraufhin von 100 Mitarbeitern. Derzeit hat das Unternehmen rund 200 Beschäftigte. Die Geschäftsführer sind seit 2013 Josef Thomas Sepp (48) und Michael Veit (41).


