„Amazon Go“

Mit Gesichtserkennung, ohne Kasse: Amazons erster Supermarkt

Mit „Amazon Go“ will Amazon will den Supermarkt neu erfinden: Keine Kassen, keine Schlangen, man nimmt die Ware und geht einfach raus.

Washington/Seattle.  Der Supermarkt der Zukunft, der nervigen Wartezeiten durch lange Schlangen an den Kassen ein Ende bereitet, fängt klein an. Auf knapp 170 Quadratmetern können Otto Normalverbraucher seit Montag im Erdgeschoss des Amazon-Hauptquartiers „Day One“ in Seattle im US-Bundesstaat Washington tägliche Besorgungen im Stile eines Ladendiebs tätigen, aber legal: Reingehen. Waren aussuchen. Einpacken. Rausgehen. Fertig.

Niemand muss anstehen. Dutzende Kameras registrieren haargenau, welche Produkte zu welchen Preisen sich der Kunde aus den mit Sensoren und speziellen RFID-Chips ausgestatteten Regalen genommen hat. Die End-Summe wird automatisch über das individuelle Amazon-Konto abgebucht. Bargeld ist überflüssig, ebenso Scheck-Karten. Von Kassierern ganz zu schweigen. Als Identifikation und Eintrittskarte in die Welt von „Amazon Go“ reicht eine App auf dem Smartphone.

Möglichst alle Barrieren vor einem Kauf abbauen

Mit dem Experiment will der Allesverkäufer (350.000 Mitarbeiter weltweit, Jahresumsatz zuletzt 135 Milliarden Dollar) die Revolutionierung des Einzelhandels vorantreiben, die nach Einschätzung von US-Marktforschern einem simplen, aber schwer zu erreichenden Ziel gehorcht: „Möglichst jede Barriere beim Kauf eines Produktes soll abgebaut werden. Der Kunde ist König. Aber er soll gar mehr richtig mitbekommen, dass er Kunde ist.“

So wurde Amazon zum Welt-Konzern

Eigentlich wollte Amazon bereits vor einem Jahr damit beginnen, nach den hauseigenen Angestellten auch das normale Publikum einzuladen. Doch dann gab es in dem seit 14 Monaten laufenden Testbetrieb neben datenrechtlichen Vorbehalten (was passiert mit den aus allen Winkeln aufgenommenen Bildern?) technische Haken.

Die eingesetzten Sensoren und Algorithmen konnten nicht zweifelsfrei bestimmen, ob ein Kunde ein Produkt aus dem Regal nimmt – oder wieder hineinstellt. Außerdem verlor das System bei größerem Publikumsandrang zu Stoßzeiten (maximal 100 Kunden können sich gleichzeitig in dem in warmen Holztönen eingerichteten Ladenlokal aufhalten) den Überblick.

Gesichtserkennung und künstliche Intelligenz analysiert

Inzwischen, so ließ Vize-Präsident Gianna Puerini vor wenigen Tagen beim Show-Besuch für Journalisten durchblicken, sei die Vermessung der Kunden sehr präzise geworden. Per Gesichtserkennung und damit verknüpfter künstlicher Intelligenz könnten die Kameras erfassen, ob sich ein Kunde vor, während und nach der Kaufentscheidung wohlfühlt. Einmal genau ausgewertet, bietet der sich aufhäufende Datenberg Amazon die Chance, Supermärkte künftig exakt so zu gestalten, dass möglichst wenige Waren vom Einkaufswagen wieder zurück in die Regale wandern.

Hieß es Ende 2016 laut „Wall Street Journal“ noch vollmundig, dass 2000 vergleichbare Läden zügig folgen würden, so gibt der Konzern heute keine konkreten Expansionspläne bekannt.

Auch wird darauf hingewiesen, dass der kassenlose Einkauf, wie er im Prototypen an der Ecke 7. Avenue/Blanchard Street in Seattle praktiziert wird, wohl kurzfristig kein Modell für die kürzlich von Amazon übernommenen 460 Filialen der landesweiten Bio-Supermarkt-Kette Wholefoods sein wird. Ein Sortiment mit mehr als 30.000 Artikeln kameramäßig zu erfassen und bezahltechnisch abzuwickeln, sagen Experten der Firma inoffiziell, sei heutzutage noch nicht darstellbar.

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Produktpalette beschränkt sich auf mehrere Dutzend Artikel

Bei „Amazon Go“ beschränkt sich die Produktpalette daher bislang auf mehrere Dutzend Artikel. In den Regalen und Kühltheken warten oft identisch abgepackte Speisen wie Salate und Backwaren. Dazu Dosen und Flaschen. Einzelne Artikel, etwa eine Banane oder einen Apfel, kann man nicht kaufen. Noch nicht.

Amazon glaubt an sein Konzept, weil vor allem in innerstädtischen Lagen mit vielen Büro-Beschäftigten der Faktor Zeit in der Mittagspause wie auch nach Dienstschluss eine Rolle spielt. Indiz: In Seattle waren kleine Plastikboxen mit frischen Zutaten für Gerichte, die abends binnen 30 Minuten zubereitet werden können, nach Angaben der Lokalzeitung „Seattle Time“ ein „echter Renner“.

Wann „Amazon Go“ in Europa startet, ist unbekannt

Weil Wartezeiten im „Just walk out“-System („geh’ einfach raus“) wegfallen, rechnet das Unternehmen mit soliden Zuwachsraten und mittelfristig mit einem großen Stück vom jährlich rund 800 Milliarden-Dollar Umsatz einbringenden Kuchen im US-Supermarktgewerbe.

Wann „Amazon Go“ in der alten Welt startet, ist noch unbekannt. Branchen-Fachleute rechnen auch hier an ausgewählten Standorten mit Testballons. Tatsache ist, dass sich Amazon seinen Slogan „No Queue. No Checkout. (No, seriously)“ – Keine Schlange, keine Kasse (nein, wirklich nicht) auch in Europa urheberrechtlich schützen ließ.

Gewerkschaften in Alarmstimmung

Mag die Perspektive einer (abgesehen von Hilfskräften, die die Regale wieder auffüllen) allein mit Kameras und künstlicher Intelligenz gesteuerten Einkaufswelt manche technisch versierten Großstadtkunden in Verzückung bringen – für Gewerkschaften ist die jüngste Amazon-Hervorbringung Anlass für Alarmstimmung.

Kassierer, die meisten davon weiblich, stellen laut Arbeitsministerium in Washington mit rund 3,5 Millionen Angestellten die zweitgrößte Beschäftigungsgruppe in den Vereinigten Staaten. Kriegt „Amazon Go“ Beine, kopieren Mitbewerber den kassenlosen Einkauf, werden massenhaft Jobs überflüssig. Bereits heute gehen Konsumforscher davon aus, dass im Kaufhaus-Handel auf Sicht fast 50 Prozent aller Tätigkeiten durch Automatisierung wegfallen werden.

Amazon treibt auch das Online-Geschäft weiter voran

Was „Amazon Go“ versucht, sagt darum Brendan Witcher, Analyst bei Forrester, ist bei Erfolg vergleichbar mit dem was Uber für die Taxi-Branche oder Netflix für die konventionelle Filmindustrie in Hollywood bedeutet: „disruption“; das grundsätzliche Umkrempeln eines Wirtschaftsbereichs.

Neben „Amazon Go“ treibt der von Jeff Bezos geführte Konzern mit „Amazon Key“ auch sein unverändert boomendes Online-Geschäft weiter voran. Das Prinzip: Ist der Kunde nicht zu Hause, darf der Amazon-Bote die Haustür eigenständig öffnen und die Ware deponieren. Dazu nötig ist ein System aus einer Überwachungskamera und einem digitalen Schloss, das ferngesteuert werden kann. Über einen verschlüsselten Code erhält der Bote, wenn Adresse, Lieferung und Zeitpunkt stimmen, Zugang. Der Vorgang wird auf Video festgehalten. Parallel bekommt der Kunde über eine App auf dem Smartphone eine entsprechende Bestätigung