Vor ein paar Jahren noch saßen französische Bahntechniker mit finsteren Mienen in einem deutschen ICE. Der Hochgeschwindigkeitszug der Bahn brauchte eine Genehmigung für den Verkehr im Nachbarland. Dort sah man die potenzielle Konkurrenz für den eigenen Superzug TGV mit Missmut. Deutsche und französische Bahnbauer ließen kaum ein gutes Wort übereinander hören. Nun wird aus dem Wettbewerb Bruderschaft.

Die Allianz sei besiegelt, berichtete das öffentlich-rechtliche Nachrichtenportal Franceinfo am Dienstag unter Berufung auf Informationen des Fernsehsenders France 2. Siemens bestätigte die Entscheidung am späten Abend. Geplant sei eine „Fusion unter Gleichen“, teilte der Konzern nach einer außerordentlichen Aufsichtsratssitzung in München mit.

Nach Angaben der beiden Unternehmen entsteht mit dem Zusammenschluss ein Konzern mit 15,3 Milliarden Euro Umsatz und einem Gewinn vor Steuern und Zinsen von 1,2 Milliarden Euro. Siemens wird an dem Gemeinschaftsunternehmen eine Mehrheit von knapp über 50 Prozent halten. Der kombinierte Konzern soll seinen Sitz im Großraum Paris haben. „Dieser deutsch-französische Zusammenschluss unter Gleichen sendet in vielerlei Hinsicht ein starkes Signal“, sagte Siemens-Chef Joe Kaeser der Mitteilung zufolge. „Wir setzen die europäische Idee in die Tat um und schaffen gemeinsam mit unseren Freunden bei Alstom auf lange Sicht einen neuen europäischen Champion der Eisenbahnindustrie.“

Die Bildung eines europäischen Bahnbau-Riesen ist die Antwort auf den harten internationalen Wettbewerb, der seit einigen Jahren erheblich angewachsen ist. Die Konkurrenz aus China macht den Europäern das Leben schwer. 2015 verschmolz die Pekinger Regierung die beiden großen Bahnhersteller des Landes zu einem weltweiten Schwergewicht der Branche.

CRRC heißt das Unternehmen, das durch die gewaltigen öffentlichen Investitionen Chinas in die Eisenbahninfrastruktur groß werden konnte und sich nun anschickt, auch andere Märkte zu erobern. 18 Milliarden Euro Umsatz erwirtschaftet CRRC mit Zügen und Bahntechnik im Jahr.

Allein die Zahlen belegen die Gefahr für die hiesige Industrie, an Boden zu verlieren. Bis zu Beginn des Jahrzehnts waren Siemens, Alstom sowie die kanadische Firma Bombardier die am Umsatz gemessen größten Bahnhersteller der Welt. Siemens und Alstom kommen heute zusammen nur auf 15,3 Milliarden Euro Umsatz. Doch, so die große Hoffnung, mit dieser Größe können die Europäer bei den anstehenden Ausschreibungen mit den Chinesen mithalten.

Einer Studie der Bahnindustrie durch das Institut SCI Verkehr zufolge kommen neben anderen großen Firmen aus Japan, Korea und den USA auch Hersteller aus anderen Ländern verstärkt auf den internationalen Markt. „Dadurch wird die Landkarte des weltweiten Wettbewerbs immer bunter“, beschreiben die Autoren die Entwicklung. Die Gefahr von Überkapazitäten wächst. Wohin dies führen kann, zeigt die Solarindustrie, die von der staatlich subventionierten chinesischen Konkurrenz in Deutschland praktisch platt gemacht wurde.

Insofern kann die gemeinsame Größe von Siemens und Alstom eine passende Gegenstrategie zur globalen Marktentwicklung sein. Beide Unternehmen produzieren zum Beispiel Hochgeschwindigkeitszüge, U- und S-Bahnen sowie Straßenbahnen. Gemeinsam ließen sich hier Kosten sparen. Das wird auch nötig sein, denn nach Ansicht des größten Kunden der Industrie, der Deutschen Bahn, wird sich an den Rahmenbedingungen wenig ändern. „Wir gehen davon aus, dass aufgrund der Internationalisierung des Eisenbahnmarktes der Wettbewerb an Intensität weiter zunehmen wird“, teilt die Bahn auf Anfrage mit.

Neue ICE-Generation bereitete Siemens Probleme

Wie stark das Geschäft mit Zügen bisher national geprägt war, zeigt das Bestellvolumen der Deutschen Bahn bei beiden Unternehmen. Bei Siemens stehen Aufträge der Bahn im Wert von 5,5 Milliarden Euro in den Büchern, bei Alstom nur für 170 Millionen Euro. Manchmal war die Bahn als wichtigster Kunde aber auch sehr unzufrieden mit Siemens. Immer wieder gab es Liefer- oder Qualitätsschwierigkeiten. Zuletzt musste die Bahn viel länger auf die Auslieferung der neuen ICE-Generation warten als vereinbart. Erst nach einem Spitzengespräch der Konzernchefs beim Verkehrsminister verbesserte sich die Zusammenarbeit. Die Deutsche Bahn sieht dem Zusammenschluss als Großkunden gelassen entgegen. „Wir gehen davon aus, dass durch einen möglichen Zusammenschluss der Eisenbahngeschäfte beider Unternehmen laufende Verträge mit der DB nicht beeinträchtigt und im vollen Umfang erfüllt werden“, hieß es im Berliner Bahntower Stunden bevor die Entscheidung fiel.

Die Bahn hat Bestellungen im Ausland lange gescheut, zum Beispiel ausschließlich auf den Einsatz der deutschen Hochgeschwindigkeitszüge gesetzt. Auf diese Verlässlichkeit kann sich die heimische Industrie heute nicht mehr vollständig verlassen.

Die Möglichkeit, im Ausland passende Angebote zu finden, könnte auch bei der kartellrechtlichen Sichtung der Fusionspläne gewichtig sein. Die Wettbewerbshüter werden den Zusammenschluss sicher genau prüfen wollen. Immerhin gehen die Nummern zwei und drei der Branche in Europa gemeinsame Wege.

Deutschland ist der größte Markt in Europa für Lokomotiven, Signaltechnik oder Schienenausrüstung. Rund zwölf Milliarden Euro Umsatz und einen fast genauso hohen Auftragseingang meldete der Verband der Bahnindustrie (VDB) für 2016. Allerdings beklagte VDB-Chef Volker Schenk einen erheblichen Einbruch der Bestellungen aus dem Ausland, unter anderem durch Abschottungstendenzen in Amerika. Die Bahnindustrie und ihre rund 50.000 Beschäftigten hängen zu 40 Prozent vom Export ab. Deshalb lösen protektionistische Tendenzen in anderen Ländern bei den Unternehmen schnell Sorgen aus.