Berlin

Der vernetzte Bauernhof

| Lesedauer: 4 Minuten
Guido Walter

Satelliten und Sensoren helfen, die Ernte zu verbessern. Agrarkonzerne wittern ein Milliardengeschäft – Öko-Landwirte sind skeptisch

Berlin. Schöne neue Welt statt verschlafener Kulturlandschaften: Mit Sensoren versehene Traktoren und Erntemaschinen sammeln Daten zu Pflanzengesundheit, Ernteertrag und Bodenzusammensetzung, während sie über Felder rollen. Drohnen schweben über Weizen, Raps und Mais und vermessen die Felder. Noch ist das in der Regel Zukunftsmusik. Doch die Digitalisierung hält Einzug in die Landwirtschaft.

Das wichtigste Ziel ist die Optimierung der Ernte. „Landwirte können Einflüsse auf den Ertrag besser vorhersehen und auf Veränderungen früher reagieren“, sagt Tobias Menne, Leiter Digital Farming beim Agrarkonzern Bayer Crop Science. Mit den Satellitendaten seien Experten in der Lage, den Zustand der Äcker aus der Ferne zu diagnostizieren und die Biomasse jedes Feldabschnitts zu messen. „Wir können auch beinahe einzelne Pflanzen vom Weltall aus unterscheiden“, sagte Menne. „Digital Farming“ ist vor allem auch ein Riesengeschäft der Zukunft. Die Investmentbank Goldman Sachs schätzt das Marktpotenzial auf 240 Milliarden Dollar Jahresumsatz, allerdings einschließlich optimiertem Einsatz von Düngemitteln und Pflanzenschutz.

Beim Agrarwissenschaftler und Landwirt Felix Prinz zu Löwenstein hält sich die Begeisterung deshalb in Grenzen. „Die Digitalisierung wird die Landwirtschaft revolutionieren. Ich bezweifle aber, dass die Agrarchemie hier der Treiber sein wird.“ Zu Löwenstein, Vorstandsvorsitzender des Bundes Ökologische Landwirtschaft (BÖLW) erhofft sich durch die Digitalisierung der Landwirtschaft mehr Nachhaltigkeit. „Wenn intelligente, digitale Helfer die Landwirtschaft effizienter machen, werden auch weniger Pestizide gebraucht. Ich kann mir nicht vorstellen, dass das mit dem Geschäftsmodell der Agrarchemie-Konzerne vereinbar ist.“ Wenn Landwirte den Einsatz von Dünger und Pflanzenschutz punktgenau steuern könnten, bräuchten sie weniger davon.

Dass Chemiekonzerne eine Technologie unterstützen, bei der sie am Ende weniger verkaufen, erscheint unwahrscheinlich. Durch die Digitalisierung entstehen für sie aber auch neue Geschäftsmodelle, etwa IT-Serviceleistungen. Diese könnten dann Ausfälle in anderen Sparten kompensieren.

Bayer zum Beispiel tüftelt mit dem Raumfahrttechnologie-Unternehmen Planetary Resources an einem Überwachungsgerät für die Oberflächentemperatur, das Landwirten täglich Handlungsempfehlungen von der Aussaat bis zur Ernte bereitstellt. Die Digitalplattform Field View analysiert Bilder und Daten über Bodenbeschaffenheit und optimiert den Einsatz von Dünger, Saatgut und Pflanzenschutzmittel. Über 100.000 Landwirte in den USA, Kanada und Brasilien nutzen Field View bereits. Das Programm könnte bald zu Bayer gehören, wenn die Übernahme des US-Saatgutkonzerns Monsanto wie geplant gelingt.

Der glückliche Landwirt, der über das Tablet Empfehlungen zur minimalen Düngung erhält, ist derzeit zwar noch eher eine Wunschvorstellung aus dem Werbeprospekt der Industrie. Viele Techniken setzen sich aber allmählich durch. Das Global Positioning System (GPS) wird mit Daten wie der Bodenfeuchte verknüpft und ermöglicht eine genaue Berechnung der Fahrroute eines Traktors. Auf den zunehmenden Einsatz von Sensoren könnte dann in Zukunft eine stärkere Vernetzung der Maschinen untereinander folgen. Das „Internet der ländlichen Dinge“ quasi. Möglicherweise werden die Landmaschinen der Zukunft aber nur noch wenig mit den heutigen gemein haben. „Felder werden heute von übergroßen Maschinen bestellt, um mit möglichst wenig Arbeitskräften so viel Fläche wie möglich zu bestellen“, sagt zu Löwenstein. Diese Maschinen seien zum Teil so schwer, dass sie schon nicht mehr auf der Straße fahren dürften. „Die Zukunft sehe ich in leichteren, autonom fahrenden Maschinen.“

Von neuen, vernetzten Maschinen gleich welcher Größe dürften Hersteller von Landmaschinen ebenso profitieren wie Technologiefirmen und Agrarchemiekonzerne. „Die Digitalisierung der Landwirtschaft wird die bisherigen Geschäftsmodelle radikal infrage stellen“, heißt es in einem Report zum Digital Farming der Unternehmensberatung AT Kearney. Und die entsprechende Aussicht auf riesige Gewinne sorgt dafür, dass niemand bei der digitalen Revolution der Landwirtschaft ins Hintertreffen geraten möchte.