Ausbildung

Uni adé: Wie Studienabbrecher im Handwerk glücklich werden

Jeder Dritte bricht das Studium ab, aber in Ausbildungsbetrieben bekommen die Aussteiger oft eine zweite Chance – und Karrierechancen.

Das Praktische gefällt Felix Siegert an seiner Ausbildung. Bereut hat er es nicht, dass er sein Studium abgebrochen hat

Das Praktische gefällt Felix Siegert an seiner Ausbildung. Bereut hat er es nicht, dass er sein Studium abgebrochen hat

Foto: Massimo Rodari

Katrin Göring-Eckardt, Herbert Grönemeyer, Jörg Pilawa, Wolfgang Joop, sie alle haben es getan. Sie haben ihr Studium abgebrochen. Im Handwerk ist allerdings keiner von ihnen gelandet. Für viele ist der Umstieg von der Universität in die Handwerkslehre noch immer undenkbar. Doch das könnte sich ändern. Handwerksbetriebe suchen händeringend Fachkräfte und bis zu 30 Prozent der Studenten brechen ihr Studium ab. Es macht also Sinn, beide zusammenzubringen.

Nach einer neuen Studie des Deutschen Zentrums für Hochschul- und Wissenschaftsforschung (DZHW) haben 43 Prozent der Aussteiger ein halbes Jahr nach Verlassen der Hochschule eine Berufsausbildung aufgenommen. Grund dafür ist sicher, dass immer mehr Betriebe in den Umsteigern geeignete Auszubildende sehen. Und dass es entsprechende Förderprogramme gibt.

Seit 2014 unterstützt das Bundesbildungsministerium bundesweit entsprechende Projekte mit insgesamt 16 Millionen Euro. Dabei ist auch das Programm "Umschalten" der Hochschule für Technik und Wirtschaft sowie der Elektro-Innung Berlin. Hier werden Praktika und Ausbildungsplätze im Elektrohandwerk, vor allem für Elektroniker und Informationselektroniker, vermittelt. Bereits 2013 startete bei der Industrie- und Handelskammer (IHK) Berlin das Projekt "Your turn". Interessenten wird darüber zum Beispiel eine Verkürzung der Ausbildungszeit angeboten, wenn sie vorher ein branchenbezogenes Fach studiert haben.

Viele Aussteiger wollenBiobäcker werden

Auch die Berliner Handwerkskammer kooperiert mit Hochschulen, damit mehr Studienabbrecher im Handwerk landen. "Besonders groß ist das Interesse in den Bereichen Tischlerhandwerk, Metallbau, Elektrotechnik, Hörakustik, Augenoptik und Backhandwerk, aber nur, wenn es Bio ist", erklärt Ausbildungsberater William Pethe der Berliner Morgenpost. Genaue Zahlen hat die Kammer zwar nicht, aber die Anfragen in der Abteilung "Passgenaue Entwicklung" würden häufiger, und die Studienaussteigermesse, die einmal im Jahr von IHK und Handwerkskammer organisiert werden, finde immer größere Resonanz, zuletzt bei 600 Besuchern.

Auch Felix Siegert war vor zwei Jahren bei der Messe. Damals hatte er gerade sein Maschinenbaustudium an der Technischen Universität an den Nagel gehängt. Jetzt ist der 29-Jährige Auszubildender im Metallbau bei Tor- und Projektservice in Reinickendorf. Der kleine Betrieb mit 19 Mitarbeitern baut und wartet vor allem Schranken, Tore, automatische Türen und Brandschutzanlagen.

Mit dem Studium begonnen hat Felix Siegert 2009. "Obwohl ich eigentlich in der Werkstatt groß geworden bin" – der Opa war Schmied, der Vater Schlossermeister – habe er an eine Ausbildung nicht gedacht. Und für den Vater war ohnehin klar: "Junge, sieh zu, dass du ein Studium machst, dann hast du eine ordentliche Grundlage." Siegert, bei Zehdenick aufgewachsen, zog also nach Berlin. Aber es lief anders, als erhofft: "Keine Klausur hat geklappt, die große Uni, das hat mich alles überfordert". Aber gleich aufgeben wollte er nicht: "Im zweiten Semester habe ich Nachhilfe in Mathe genommen, dann lief es besser." Aber die Erfolge waren nicht von Dauer. "Sicher war ich manchmal faul", gibt er selbstkritisch zu. Doch es sei auch schwierig gewesen, immer auf sich selbst gestellt zu sein, "am Ende des Semesters standen dann die Prüfungen wie ein Berg vor mir." Siegerts Probleme sind typisch für Studienaussteiger, das zeigt auch die DZHW-Studie. Demnach sind "unbewältigte Leistungsanforderungen" mit 30 Prozent der Hauptgrund für einen Abbruch, für 17 Prozent spielt mangelnde Studienmotivation die entscheidende Rolle.

Nach zehn Semestern, nach dem dritten Scheitern in einer Prüfung, wurde Siegert ohne Abschluss exmatrikuliert – und stand vor dem Nichts. Bei der Handwerkskammer hat er aber sofort einen Termin zum Beratungsgespräch bekommen und am Ende hieß es: "Ich habe da etwas für Sie, das könnte passen." Und es passte. Das erste Vorstellungsgespräch bei Tor- und Projektservice blieb Siegerts einziges.

Sein Chef, Firmeninhaber André Kirschnick, hat gleich noch einen zweiten Studienabbrecher genommen. Warum? "Wir bilden in erster Linie Servicemitarbeiter aus, die Azubis müssen selbstständig arbeiten, auch mal selbst etwas recherchieren und mit Menschen umgehen können", sagt Kirschnick. "Da hat jemand, der ein paar Jahre älter ist und schon studiert hat, einen Vorteil gegenüber dem, der gerade von der Schule kommt."

Die Lebenserfahrung ist das, was auch andere Arbeitgeber an den Studienaussteigern schätzen, weiß William Pethe. "Sie sind nicht nur älter, sondern haben oft auch einen Führerschein, was im Handwerk sehr hilfreich ist. Sie bringen meist eine hohe Motivation und eine schnelle Auffassungsgabe mit." Einen Nachteil gebe es aber doch: Sie hätten manchmal zu sehr ihren eigenen Kopf, sagt der Berater. Besonders bei Langzeitstudenten könne das zum Problem werden. Die kommen allerdings selten. Knapp die Hälfte der Abbrecher verlassen laut DZHW-Studie bereits in den ersten beiden Semestern die Hochschule, weitere 29 Prozent im dritten oder vierten Semester.

Nun hofft Kirschnick, dass seine beiden Studienaussteiger im Unternehmen bleiben, wenn sie im Sommer ihre Ausbildung abgeschlossen haben. Und er versichert: "Es werden nicht die einzigen bleiben." Auch Azubi Siegert bereut die Entscheidung nicht. Jetzt fällt ihm das Lernen viel leichter als an der Uni. Die Ergebnisse sind so gut, ein Jahr wurde ihm bereits durch sein Studium abgezogen. Statt in dreieinhalb Jahren regulärer Ausbildungszeit für Metallbauer, ist er schon nach zwei Jahren fertig.

Die Anerkennung der Hochschulzeit auf die Ausbildung ist ein Pluspunkt, der einen Wechsel in die Ausbildung für Aussteiger attraktiv machen soll. Wichtig sind den Interessenten aber auch die Karrieremöglichkeiten. Siegert hält auch eine Spezialisierung, die Meisterprüfung und sogar ein weiterführendes Studium für möglich.

Anlaufstellen:

Hochschulen Viele Hochschulen in Berlin bieten für Studienaussteiger Beratung an, auch die Humboldt-Universität. Ein Test wird angeboten, bei dem man seine Bereitschaft zum Studienausstieg feststellen kann. www.hu-berlin.de/de/studium/beratung/studienabbruch/studienabbruch

Netzwerk Das Forschungsinstitut Betriebliche Bildung in Berlin bringt Akteure von Hochschulen, Arbeitsagenturen, Kammern und Schulen in einem Beratungsnetzwerk zusammen. Mehr Informationen finden Studenten im Internet unter www.queraufstieg-berlin.de

Elektrohandwerk Das Projekt "Umschalten" läuft in enger Zusammenarbeit mit der Hochschule für Technik und Wirtschaft in Berlin sowie der Elektro-Innung. Die Wirtschaft sucht dringend Fachkräfte. Weitere Informationen gibt für Interessierte unter elektroinnungberlin.de

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