Jesuslatschen, Jutebeutel und Grünkernbratling: Jahrelang wurden umweltbewusste Aktivisten belächelt, waren eine dankbare Vorlage zahlreicher Komiker. Mittlerweile ist Bio Massenware. Und all jene, die grüne Lebensweisen einst amüsierte, müssten zumindest zugeben: Die Grünkern-Esser waren ihrer Zeit voraus.

Ausgerechnet die Bio-Pioniere aber müssen nun kämpfen. In diesem Jahr feiern die Reformhäuser 130-jähriges Bestehen. Sie waren die Ersten, die aus einer gesunden Lebensweise ein erfolgreiches Geschäftsmodell machten. Doch gerade im Jubiläumsjahr gibt es für den Genossenschaftsverbund wenig zu feiern. Die Zahl der Geschäfte ist drastisch zurückgegangen. Dabei steigt die Zahl der Veganer und Vegetarier von Jahr zu Jahr, Naturheilkunde hat zahlreiche Fans. Das Geschäft mit ökologisch hergestellten Lebensmitteln wächst seit Jahren. Warum haben es die Reformhäuser nicht geschafft, den Bio-Boom für sich zu nutzen?

Bio-Supermärkte machen den Reformhäusern Konkurrenz

Seit 1927 gibt es die Reformhaus-Genossenschaft, in der sich die Inhaber der Läden zusammengeschlossen haben. Das Konzept des Reformhauses – naturnahe Lebensmittel, Kosmetik und Arzneimittel, keine Produkte von toten Tieren – ist sogar noch älter. Die „Gesundheitszentrale“, 1887 in Berlin eröffnet, gilt als Urahn der Reformhäuser von heute. Die Häuser wurden schnell beliebt, die Zahl der Mitglieder wuchs.

Mitte der 90er zählte die Genossenschaft der Reformhäuser 2500 Läden. Heute sind es noch knapp 1200. „Wir verlieren jedes Jahr um die 30 Geschäfte“, sagt der Vorstand der Genossenschaft, Rainer Plum. 2016 wuchs der Umsatz nur um magere 1,6 Prozent. Etwa 690 Millionen Euro setzten alle Genossenschaftsmitglieder im vergangenen Jahr um. Der Bio-Markt wächst hingegen jährlich im zweistelligen Bereich. Allein 2016 stieg der Umsatz mit Öko-Essen um zehn Prozent, Supermärkte und Drogerien verzeichneten sogar ein Plus von knapp 15 Prozent bei Bio-Produkten.

Bio-Märkte machten Konkurrenz

Jahrzehntelang hing der Erfolg der Reformhäuser eng mit der Beziehung zu ihren Lieferanten zusammen. Hersteller wie Tartex, ein Produzent vegetarischer Brotaufstriche, die Naturkosmetikmarke Annemarie Börlind oder die Saftmarke Rotbäckchen vertrieben ihre Produkte ausschließlich über die Reformhäuser. Eine Symbiose, von der lange beide Seiten profitierten: Die Reformhäuser bekamen die Kunden, die Firmen den guten Ruf der Reformhäuser.

Doch Anfang der Jahrtausendwende wurde den Herstellern der Markt zu eng. Mit den neuen Bio-Märkten gab es alternative Vertriebswege. Praktisch auf einen Schlag, so berichtet es Plum, kündigten mehrere Hersteller die Exklusivverträge. Die Reformhaus-Genossenschaft klagte und bekam recht. „Aber danach“, so Plum, „waren natürlich die Tücher zerschnitten.“ Viele der Reformhäuser gerieten durch die nun höheren Einkaufspreise unter Druck.

Auch Supermärkte bieten Produkte an

Es folgten bittere Jahre für die Genossenschaft: Geschäftsschließungen und sinkende Mitgliederzahlen. Plum arbeitet heute mit „einem Zehntel der Mitarbeiter und einem Zehntel des Budgets“ seiner Vorgänger. Mit dem eigenen Überlebenskampf beschäftigt, verpassten viele Reformhaus-Inhaber wichtige Entwicklungen. Und weil es so wenig attraktiv ist, ein Reformhaus zu führen, gibt es Nachwuchssorgen: „Die Inhaber kommen ins Rentenalter und finden keine Nachfolger“, erklärt Plum.

Die Agrarwissenschaftlerin Meta Leonie Boller untersucht den Verbrauchermarkt für Bio-Nahrung. Lebensmittel, die ohne Pestizide und ohne Kunstdünger hergestellt werden, seien früher die Domäne von Reformhäusern und Naturkostläden gewesen, erklärt sie. Heute gebe es neben Ketten von Bio-Märkten die entsprechenden Produkte auch im Supermarkt, und selbst beim Discounter liegen Waren mit dem Bio-Siegel im Regal. Die „Konzentrationsprozesse können kleineren Händlern Schwierigkeiten bereiten“, sagt Boller.

Image der Reformhäuser angestaubt

Plum räumt ein, dass die Traditionsmarke auch ein Image-Problem hat. „Reformhäuser sind für bestimmte Gruppen, für die sie eigentlich interessant sind, einfach vom Radar verschwunden.“ Viele hielten die Geschäfte für etwas „angestaubt“. Das hätten die Häuser auch selbst zu verantworten, sagt Plum: Beim Marketing, aber auch bei der Erneuerung von Geschäften hätten viele Inhaber lange Zeit „geschlafen“. „Mit Bio-Lebensmitteln aber“, gibt Plum zu Bedenken, „hat man kein Alleinstellungsmerkmal mehr.“ Das Thema sei durch.

Unter Plum und Co-Vorstand Carsten Greve versucht die Genossenschaft nun, verpasste Gelegenheiten aufzuholen. Als Fachgeschäfte für „ganzheitliche Gesundheit“ sollen die Läden positioniert werden – und an aktuelle Trends anknüpfen. Prominente Gesichter sollen Kunden in die Läden locken. So verkaufen viele Reformhäuser seit 2016 Produkte von Attila Hildmann, dem aktuell wohl bekanntesten Star der Veganer-Szene.

Bio-Trend wird wohl nicht einbrechen

Auch mit der Ärztin und Buchautorin Anne Fleck, die in einer TV-Sendung Ernährungstipps gibt, kooperieren sie. Etwa in Form einer Vortragsreihe mit „Doc Fleck“. „Im Moment sind wir auf der Talsohle“, sagt Rainer Plum. Aber er ist sich sicher, dass sich das bald wieder ändern wird. „In ein bis zwei Jahren werden wir wieder an Geschäften zulegen.“ Und schon jetzt, betont er, eröffne für jeden Laden, der schließt, einer, der doppelt oder dreimal so groß ist.

„Der Bio-Trend wird nicht einbrechen“, sagt Rainer Plum, „denn die Bedingungen dafür, Massentierhaltung zum Beispiel, werden absehbar nicht verschwinden.“ Aber er hat gelernt: Allein auf die stetig steigende Nachfrage nach gesunden Lebensmitteln darf er die Zukunft der Reformhäuser nicht bauen.