Radfahren

Autos waren gestern – Fahrräder sind die neuen Statussymbole

Fahrfahren liegt im Trend. Besonders gefragt sind Retro- und Elektromodelle. Dafür zahlen die Kunden schon mal mehr als 1000 Euro.

Schicke Räder, schicke Mode: Mitarbeiter Thorben Krämer im Fahrradladen Prêt à Vélo.

Schicke Räder, schicke Mode: Mitarbeiter Thorben Krämer im Fahrradladen Prêt à Vélo.

Foto: Joerg Krauthoefer

Berlin.  Der Laden ähnelt eher einer Boutique als einem traditionellen Fahrradgeschäft. Bei Prêt à Vélo stehen auf einer Holzkiste an der Wand handgemachte italienische Lederschuhe. Daneben hängen edle dunkelblaue Jacketts, deren Ärmel eigens aus Stretch und der Rücken aus atmungsaktivem Stoff geschneidert sind, damit sie beim Radfahren besonders bequem sitzen. Die Fahrräder sind mit Sätteln aus braunem Leder, verchromten Schutzblechen und Rahmen im klassischen Design der Vierzigerjahre ausgestattet.

Galt früher das Auto noch als das Statussymbol, interessieren sich heute insbesondere junge Großstädter immer weniger dafür. An die Stelle des eigenen Pkw tritt zunehmend das Fahrrad. Das Image als klappriger Drahtesel haben sie längst abgelegt. Stattdessen sind Zweiräder Vorzeigeobjekte, die ihren Besitzern ein Image als hip, sportlich oder vermögend geben. Egal ob mit individuell gefertigtem Rahmen oder mit modernem Elektroantrieb: Fahrräder liegen im Trend – und sind den Deutschen immer mehr Geld wert.

2015 verkauften die Händler 4,35 Millionen Fahrräder

Auf diesen Trend setzt auch Prêt à Vélo, etwa mit dem Modell Ingegnere, zu Deutsch Ingenieur, der italienischen Radmanufaktur Bella Ciao: Der geprägte Ledersattel stammt aus einem britischen Traditionsbetrieb. Den schlichten Stahlrahmen im klassischen Retro-Design hat ein italienischer Rahmenbauer Namens Luigi von Hand gefertigt. Für die Griffe am polierten Lenker wurde norditalienisches Ziegenleder benutzt. Entsprechend fällt der Preis aus: Mindestens 1395 Euro müssen Kunden hinlegen. „Das Fahrrad ist heute mehr als ein Fortbewegungsmittel“, sagt Verkäufer Thorben Krämer. „Es ist auch ein Lifestyle-Produkt.“

Nach Schätzungen des Zweirad-Industrieverbands (ZIV) wurden 2010 in Deutschland vier Millionen Fahrräder und E-Bikes verkauft, 2015 setzten die Händler 4,35 Millionen Stück ab. Mit 2,7 Millionen Rädern blieb im ersten Halbjahr 2016 der Absatz zwar unter dem Wert des Vorjahreszeitraums. Da die Räder aber im Schnitt teurer waren, blieb der Umsatz auf gleichem Niveau. Seit 2010 stieg der Umsatz mit Fahrrädern um 30 Prozent auf 2,42 Milliarden Euro. Der Durchschnittspreis erhöhte sich dabei von 460 Euro auf 557 Euro im Jahr 2015. „Es gibt immer mehr Leute, die sich sehr gute und teure Fahrräder kaufen“, sagt Gunnar Fehlau, Experte vom Branchendienst pressedienst-fahrrad, über die Entwicklung.

„Der Radweg ist der neue Laufsteg“

Davon profitiert etwa die Berliner Fahrradmanufaktur Schindelhauer. Die Kreuzberger stellen innovativ designte Stadträder her, sogenannte Urban Bikes. Anstelle der üblichen Fahrradkette etwa nutzt die Firma einen verschleißarmen Zahnriemen aus Carbon als Radantrieb. Die Modelle mit Namen wie Ludwig, Siegfried oder Frieda kosten je nach Ausführung bis zu 5500 Euro. 2009 gegründet ist aus dem kleinen Unternehmen heute ein Premiumhersteller geworden, dessen Räder in allen europäischen Metropolen verkauft werden. Die Absatzzahlen haben sich in dieser Zeit verzehnfacht. „Wir wachsen Jahr für Jahr nachhaltig“, sagt Geschäftsführer Martin Schellhase.

Besonders in den Städten sieht man den Trend zu den neuen Rädern. Morgens auf dem Weg zur Arbeit sind die Radwege voll mit Fahrradpendlern. Sie sitzen nicht auf Rädern aus dem Baumarkt, sondern auf individuell gefertigten Designrädern. „Noch vor 15 Jahren war das was für Ökospinner“, sagt Fehlau. Heute führen auch immer mehr Banker und Professoren mit dem Rad zum Arbeit. Das Fahrrad sei ein neues Statussymbol. „Wer heute ein cooles Fahrrad fährt, wird von den Leuten darauf angesprochen“, sagt Fehlau. „Der Radweg ist der neue Laufsteg.“

Elektrobikes gibt es auch in der Rennradvariante

Teure, individuelle Räder sind nur ein Teil des Fahrrad-Booms. Noch wichtiger für die Branche sind E-Bikes. Seit Jahren steigt ihr Anteil am Radmarkt stetig an. 2016 könnten E-Bikes mit 560.000 Stück schon 12,5 Prozent des Gesamtmarkts ausmachen, schätzt der ZIV. Mit Stückpreisen, die in der Regel bei 2000 bis 2500 Euro liegen, sind sie auch deutlich teurer als herkömmliche Räder. „Das E-Bike ist die Lokomotive im Radmarkt“, sagt David Eisenberger vom ZIV.

Zu Beginn galten die mit einem Elektromotor ausgestatteten Räder als Fortbewegungsmittel für Rentner. Heute sind fast alle Fahrradtypen mit E-Motoren kombinierbar. Gerade Pedelecs, bei denen der Elektromotor nur die Tretkraft verstärkt, die aber nicht alleine fahren, sind unter Jüngeren beliebt. E-Mountainbikes, mit denen sich auch schwere Anstiege leicht meistern lassen, machen schon fast 15 Prozent des E-Bike-Markts aus.

2017 feiert das Fahrrad 200. Geburtstag

Bekannte Marken wie Bianchi oder Giant haben sogar Rennräder mit Motor im Sortiment. Dank E-Motor schaffen viele Radler nun auch Bergetappen, die sie ohne diesen nicht gemeistert hätten. „E-Bikes sind schon lange keine Alte-Leute-Räder mehr“, sagt David Eisenberg. „Inzwischen erreichen sie eine immer jüngere Zielgruppe.“ Auch wenn das Fahrrad im nächsten Jahr schon 200 Jahre alt wird, bleibt es wohl in Mode. Es ist vielleicht angesagter denn je.