Abgas-Skandal

US-Justiz greift Topmanager von Volkswagen direkt an

Die Schummelsoftware für VW-Fahrzeuge gibt es laut Ermittlern länger als gedacht. Zur Vertuschung soll VW Experten abgeworben haben.

Matthias Müller, Vorstandsvorsitzender der Volkswagen AG, steht im Fokus der US-Justiz.

Matthias Müller, Vorstandsvorsitzender der Volkswagen AG, steht im Fokus der US-Justiz.

Foto: Julian Stratenschulte / dpa

Washington.  Volkswagen leitet in Amerika den Abschied von der Diesel-Technologie ein. Außerdem plant der Konzern im Zuge der selbst verschuldeten Abgas-Betrugsaffäre den radikalen Schwenk hin zur Herstellung von Elektro-Autos. Amerika-Chef Hinrich Woebkcken sagte in einem Interview, dass man den Diesel zwar „nicht stoppe“. „Aber in Wahrheit müssen wir akzeptieren, dass der hohe Anteil an Dieselfahrzeugen, den wir vorher hatten (vor „Dieselgate“ - d. Red.), nicht wieder zurückkommen wird.“ In der US-Autobranche wurden die Äußerungen als „endgültiger Abgesang auf den Diesel“ gewertet.

Dahinter steht nach Informationen unserer Redaktion die VW-interne Skepsis, dass US-Umweltbehörden künftige Dieselmodelle „wahrscheinlich nicht oder nur noch unter hohen Auflagen zertifizieren werden“. Derzeit kann VW gar keine Diesel-Autos in den USA verkaufen. Außerdem tritt in einem Jahr ein noch strengeres Abgas-Regime in Kraft („Tier 3 standard“), das VW spätestens ab 2019 dazu zwingen könnte, Diesel-Motoren ganz vom Markt zu nehmen. „Volkwagen hat den Diesel durch seinen Abgas-Betrug für die gesamte Branche gekillt“, bilanzierte die Auto-Analystin Michelle Krebs.

VW will sich in Elektrosparte retten

Der US-Chef von VW, Hinrich Woebcken, kündigte gegenüber dem „Wall Street Journal“ an, dass der Wolfsburger Konzern bereits in dreieinhalb Jahren E-Autos in den USA produzieren will. Darin liege in punkto „urbane Mobilität“ die Zukunft. Im Gespräch ist unter anderem der Produktionsstandort Chattanooga im US-Bundesstaat Tennessee.

Die Neuausrichtung des Autobauers wird allerdings von neuen Klagen in der Abgas-Affäre überschattet, die nach Ansicht von Rechtsexperten sogar strafrechtliche Konsequenzen nach sich ziehen könnten.

Staatsanwälte sprechen von jahrezehntelangen Machenschaften

Die Generalstaatsanwälte der Bundesstaaten New York, Maryland und Massachusetts erheben darin im Kern den Vorwurf, dass die Manipulation des Abgas-Ausstoßes auf technische Überlegungen zurückgeht, die 17 Jahre zurückliegen.

Laut Klageschrift schlug die Stunde Null des so genannten „Defeat Device“, das den Abgas-Betrug ermöglicht, 1999. Damals habe die Konzerntochter Audi zunächst nach einem Mittel gesucht, um das Diesel-typische Klopfgeräusch beim Start zu dämpfen. Was gelang, aber mit zu hohen Abgaswerten verbunden war. Daraus sei dann nach und nach die groß angelegte Betrugs-Software entstanden, die VW heute weltweit in Misskredit und wirtschaftliche Existenznöte bringt.

Bereits im Jahr 2006 sei der heutige VW-Vorstandschef Matthias Müller, damals noch bei Audi, darüber informiert gewesen. Er ist namentlich in der Klageschrift genannt, die Zweifel an der bisherigen Verteidigungsstrategie Volkswagens schürt. Volkswagen argumentiert sinngemäß: 1. Wir bereuen zutiefst, dass wir das Vertrauen von Kunden und Behörden aufs Spiel gesetzt haben. 2. Der Betrug war das Werk einer kleinen Gruppe von Technikern.

VW soll Vertuschungsspezialisten von Audi geholt haben

Angeführt von dem für aggressive Verfolgungsmethoden bekannten New Yorker Generalstaatsanwalt Eric Schneiderman legen die Ermittler eine Indizienkette dar, die ein anderes Bild ergibt. Danach sollen mehrere Dutzend Techniker und Manager aus allen Hierarchie-Stufen an dem groß angelegten Schwindel beteiligt gewesen sein.

Laut Schneiderman gab es bei den Konzernmarken VW, Audi und Porsche im Laufe von über zehn Jahren sechs verschiedene Modelle jener Computer-Software, mit der auf dem Prüfstand der Ausstoß von umweltschädigenden Stickoxiden künstlich gesenkt wird. Im Realbetrieb blasen die Motoren – allein 600.000 VW-Modelle in den USA sind betroffen - bis zu 40 Mal mehr Abgas in die Umwelt als erlaubt.

Boni-Zahlungen sind für Ermittler weiterer Affront

Laut Klageschrift, die unserer Redaktion vorliegt, informierten die damals für Produktionssicherheit und Qualität zuständigen VW-Manager Bernd Gottweis und Frank Tuch am 23. Mai 2014 den damaligen Konzernchef Martin Winterkorn detailliert darüber, dass die US-Behörden den Betrug aufgedeckt hatten. Welche Konsequenzen Winterkorn zog, ist Gegenstand der Ermittlungen. Die Information erfolgte also rund 16 Monate vor dem öffentlichen Bekanntwerden des Skandals.

Die US-Ermittler halten es für einen Skandal im Skandal, dass VW-Top-Manager trotzdem mit dicken Gehältern und Boni im Volumen von über 60 Millionen Euro bedacht worden seien. Obwohl die „sture und reuelose Firmenkultur bei Volkswagen den systematischen Betrug ermöglicht hat“.

Es könnten weitere Klagen von US-Bundesstaaten folgen

Die bisher unbekannten Details aus den Klageschriften, die VW im Falle eines Urteils zu Strafzahlungen von über einer Milliarde Dollar zwingen könnten, haben die US-Ermittler über einen pikanten Umweg erhalten. Die von VW in Deutschland eingesetzte US-Anwaltskanzlei Jones Day muss ihre Erkenntnisse an das Justizministerium in Washington weiterleiten. Von dort aus gelangten sie an die Ermittler. VW selbst ist, wie US-Kreise auf Anfrage am Donnerstag bestätigten, „nicht komplett im Bild darüber, was in Amerika inzwischen alles bekannt ist.“ Mit weiteren unliebsamen Details sei darum zu rechnen.

Weil es den 47 übrigen US-Bundesstaaten freisteht, sich ebenfalls mit Einzelklagen gegen VW in Stellung zu bringen, kann die bisher kalkulierte und durch Rückstellungen abgesicherte Schadenshöhe von knapp 18,5 Milliarden Euro noch „erheblich steigen“, hieß es in US-Kreisen.