Frankfurt/Main –

Chinesische Investoren auf Einkaufstour in Europa

Deutsche Mittelständler sind besonders beliebt. Auch an Hotels ist das Interesse in Asien groß

Frankfurt/Main. Der Reifenhersteller Pirelli aus Italien, die Schweizer Trinkflaschenmanufaktur Sigg oder der deutsche Maschinenbauer KraussMaffei – alle Firmen eint, dass sie von chinesischen Investoren übernommen wurden. „Go west“ ist das Motto für die Chinesen derzeit. Sie haben großes Interesse an europäischen und deutschen Unternehmen.

Eines der jüngeren Beispiele: Der schwäbische Apple-Zulieferer Manz. Knapp 30 Prozent will der chinesische Investor, der Maschinenbauer Shanghai Electric, sich an Manz sichern. Und so flössen dem deutschen Spezialmaschinenbauer etwa 93 Millionen Euro zu. Die Chinesen interessierten sich vor allem für das Geschäft mit Energiespeichersystemen und die Solarsparte der Schwaben. Das heißt für Firmeninhaber Dieter Manz dann auch: Das defizitäre Geschäft mit Dünnschichtsolarmodulen wird fortgeführt. 2015 war das noch nicht so sicher gewesen. Schaut man nur auf Deutschland, dann ist die bisher größte Akquisition die von EEW Energy from Waste. Beijing Enterprises hat den Müllverbrennungsspezialisten aus Helmstedt in Niedersachsen dem schwedischen Investor EQT abgekauft, der es wiederum 2012 vom Energieriesen Eon erworben hatte. Fast eine Milliarde, genau 925 Millionen Euro war Anfang 2016 dem Staatskonzern ChemChina der Maschinenbauer KraussMaffei wert. Das aber war immer noch nichts gegen die Akquisition des Schweizer Agrochemie-Konzerns Syngenta: Die lässt sich ChemChina sogar 43 Milliarden Dollar kosten.

2015 wurden nach Berechnung der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft EY 36 Firmen in Deutschland von chinesischen Investoren übernommen – so viele wie im Vorjahr. Die Chinesen schätzen bei den hiesigen Unternehmen deutsche Ingenieurskunst. Und die deutschen Manager können weitgehend gut mit ihnen leben, sagt Björn Stübiger von der Prüfungs- und Beratungsgesellschaft Rödl & Partner. Denn die Chinesen kauften nicht nur die Technologie, sondern sie verfolgten auch ein strategisches Ziel: Sie suchten den Marktzugang. An die Hersteller in Deutschland, etwa die in der Autobranche, kämen sie ohne deutsche Firmen häufig nicht heran.

Es gebe zwar noch schwarze Schafe, die eher an dem Kopieren von Technologie interessiert seien. Die meisten aber benötigten die Technologien der akquirierten Unternehmen, damit sie ihre Wirtschaft umbauen können zu einer Dienstleistungsgesellschaft. Und die kauften sie trotz der in China nachlassenden Wachstumsdynamik zu, sagt Yi Sun, Partnerin bei der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft EY: „Gerade jetzt wird klar, dass die chinesische Volkswirtschaft weiter modernisiert werden muss.“

Vor der Finanzkrise habe man im Ausland den deutschen Mittelstand eher belächelt, sagt Stübiger. Seither aber hätten die Chinesen verstanden, dass es gerade die vielen mittelständischen Unternehmen gewesen seien, mit deren Hilfe Deutschland sich so schnell erholt habe. Auch die deutschen Firmen profitierten von den Investoren aus Fernost. Denn gerade den Mittelständlern könnten die Chinesen bei der Internationalisierung helfen. Dass die in den letzten Jahren aktiver sind, hängt auch mit einer stärkeren Öffnung des chinesischen Staates zusammen: Der hat verstanden, dass man im Ausland nicht zum Zuge kommt, wenn man dazu in China langwierige bürokratische Genehmigungsprozesse durchlaufen muss.

Auch chinesische Hoteliers suchen nach Beteiligungen an deutschen Hotels oder nach interessanten, erstklassigen Bauplätzen, sagt Stübiger. Der Grund: Immer mehr chinesische Touristengruppen bereisen Europa. Und die fühlten sich am wohlsten, wenn sie in gewohntem Ambiente übernachten und vor allem essen können: Chinesische Reiseveranstalter berichteten immer wieder von kranken Teilnehmern, denen das deutsche Essen nicht bekommen sei. Einmal Schweinehaxe aus folkloristischen Gründen muss wohl sein. Aber mehr verträgt der chinesische Magen offenbar nicht.