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iPhone-Entsperrung: Israelische Firma hat wohl FBI geholfen

Das FBI wollte Apple zwingen, ein iPhone zu knacken. Dabei gibt es längst Firmen, die solche Entsperrungen offen im Internet anbieten.

Behörden wollen Handydaten zu Ermittlungszwecken, doch viele Firmen sträuben sich.

Behörden wollen Handydaten zu Ermittlungszwecken, doch viele Firmen sträuben sich.

Foto: Justin Lane / dpa

Washington/Jerusalem.  Der aufsehenerregende Streit zwischen Apple und der US-Regierung um die Entsperrung des iPhones eines toten Attentäters ist vorerst vorbei. Die Ermittler haben das Gerät ohne Apples Hilfe geknackt und ziehen deshalb ihre Klage gegen den US-Konzern zurück.

Vergangene Woche hatte das Justizministerium überraschend um eine Unterbrechung des Prozesses gebeten. Es könne eine andere Möglichkeit zum Zugriff auf die Daten geben, da eine „dritte Partei“ eine Technik dafür angeboten habe, hieß es zur Begründung. Wer diese „dritte Partei“ ist, blieb zunächst unklar.

Israelische Firma auf Hacks spezialisiert

Wie die israelische Zeitung „Yedioth Ahronoth“ nun berichtet, lag der Schlüssel zum gesperrten iPhone aus San Bernardino in Petah Tikva, einem Vorort von Tel Aviv. Hier liegt der Hauptsitz von Cellebrite. Die 1999 gegründete Firma stellt Hardware und Software für Handys her, unter anderem für Datentransfer und Back-ups.

Eine andere Abteilung, Cellebrite Mobile Forensics, ist weltweit führend auf dem Gebiet der Datenentschlüsselung bei Mobilgeräten. Zu ihren Kunden gehören private Firmen genauso wie Regierungsbehörden in 90 Staaten, etwa die Polizeidienste Frankreichs und Japans. Interpol gelang mithilfe von Cellebrite die Zerschlagung eines Netzwerks von Sexerpressern. Ein Cellebrite-Sprecher bestätigte, dass auch das FBI zu den Kunden gehört, Details zum Apple-Fall wollte er allerdings nicht verraten.

Handys und Tablets erzählen alles über Besitzer

Dafür steht auf der Website der Firma, das eines ihrer Programme auch das iPhone 5C, also das im US-Fall betroffene Gerät, knacken könne, auch ohne Zugriff auf E-Mails oder die Keychain, das Masterkennwort des Geräts. Cellebrite, seit 2007 Tochtergesellschaft der japanischen Sun Corp., hatte 2013 einen Vertrag mit dem FBI unterschrieben. Mithilfe von Cellebrite-Technologie bekommen Ermittler Zugriff auf verschlüsselte oder sogar gelöschte Daten von mobilen Geräten.

„Diese Spielzeuge erzählen im Prinzip alles über die Persönlichkeit des Besitzers“, sagte Cellebrite-CEO Yossi Carmil kürzlich über Handys und Tablets in einem Interview mit der Zeitung Haaretz. Privatsphäre und der Schutz privater Daten seien dabei natürlich immer Thema, aber seine Firma liefere lediglich „Lösungen“: Programme und Geräte, mithilfe derer die Kunden an diese Daten herankommen. „Wir verkaufen an sie, und sie schauen, was sie machen können in Einklang mit ihren Fähigkeiten und innerhalb ihrer gesetzlichen Grenzen“, sagte Carmil.

Cellebrite beschäftigt rund 500 Mitarbeiter, unter anderem bei einer deutschen Tochtergesellschaft mit Sitz in Paderborn. Nach Angaben des Vorstandsvorsitzenden stiegen Umsatz und Gewinn des Unternehmens zuletzt jährlich um 30 bis 35 Prozent. Den Weltmarkt für mobile Forensik beziffert er auf 250 Millionen Dollar, von denen seine Firma etwa die Hälfte einnimmt.

Cyberwelt ist die vierte Front neben Land, See und Luft

„Wir befinden uns in einem Wettlauf“, sagt Leeor Ben-Peretz, zuständig für das Forensikgeschäft bei Cellebrite, mit Blick auf immer bessere Verschlüsselungstechnologie: „Das Level der Komplexität ist exponentiell und wir sind dort angelangt, wo es schwierig wird – aber wenn es einer kann, dann sind wir das.“ Israel ist die Nummer zwei auf dem Cybertechnologiemarkt hinter den USA. Zu den Gründen für den Boom gehören die Spitzenuniversitäten des Landes genauso wie ein hoher Einsatz von Wagniskapital und eine gezielte Förderpolitik der Regierung.

Der wichtigste Faktor aber ist das Militär. „Für die israelischen Verteidigungsstreitkräfte ist die Cyberwelt die vierte Front neben dem Land, der See und der Luft. Sie rekrutieren die besten Leute und bilden sie zielgerichtet aus“, erklärt Ronnie Zehavie der Berliner Morgenpost. Er ist CEO von CyberSpark, einem Investitionspark in der Wüstenstadt Beer Scheva, wo die Cyberunternehmungen aus Militär- und Privatwirtschaft vernetzt werden.

Das Geschäftsfeld wächst seit nunmehr zehn Jahren, sagt Zehavie: „Denn die Leute, die mit der Armee fertig waren, fingen sofort an, Firmen zu gründen. Mittlerweile haben wir hier über 300 Start-ups.“ Deshalb fließen zehn Prozent aller weltweiten Investitionen im Cybergeschäft nach Israel.

Warum wollte das FBI Apple zwingen?

Unklar bleibt, warum das FBI gegen Apple vorging, wenn Drittanbieter das iPhone knacken können. Dieser Widerspruch bestärkt Experten wie Evan Greer von der Internetaktivistengruppe Fight for the Future in ihrem Verdacht: „Das FBI hatte bereits die technischen Fähigkeiten, das Telefon zu hacken. Sie wollten aus San Bernardino einen Präzedenzfall machen, um die Verschlüsselungstechnologien der Hersteller generell anzugreifen.“

Auf der anderen Seite wirkt auch die von Apple-Chef Tim Cook demonstrierte Unbeugsamkeit gegenüber dem Staat etwas schal: „Dass eine Drittfirma das Handy des Terroristen unter Umgehung der von einem Passwort geschützten Zugangssperre knacken konnte, sorgt nicht unbedingt für Vertrauen auf der Kundenseite“, heißt es bei Fachleuten von Forrester Research.

Können alle iPhones auf diese Art ausgelesen werden? Apple will nun umgehend erfahren, wie der unbekannte Dritte in das iPhone eingedrungen ist, um die Sicherheitslücke zu schließen. Sollte sich die Behörden weigern, das Geheimnis zu offenbaren, könnte wiederum Apple das FBI auf Offenlegung der Informationen verklagen.

Der Konfllikt hat gerade erst begonnen

Die Frage, ob Technologiefirmen zur Mitarbeit beim Auslesen von Daten gezwungen werden können, bleibt vorerst ungeklärt. Aber der Konflikt ist nach Einschätzung von Experten nur ein Vorgeschmack auf das, was im Lichte der jüngsten Terroranschläge auf Politik und Wirtschaft in Amerika zukommt. Allein im vergangenen Jahr gab es rund 40.000 Rechtshilfeersuchen der Justiz, die bei Firmen wie Facebook, Google und Microsoft um Offenlegung geschützter Daten baten.

Auch der Kongress in Washington ist alarmiert. „Es gibt Korrekturbedarf“, heißt es bei Demokraten wie Republikanern. Etliche Abgeordnete plädieren dafür, Konzerne wie Apple stärker an die Kandare zu nehmen. Nachdem sich herausgestellt hat, dass das FBI anderweitig zum Ziel gekommen ist, zeigten sich Abgeordnete jedoch irritiert. „Wer besorgt ist über den Schutz seiner Daten, sollte es bleiben“, sagte der kalifornische Republikaner Darrell Issa.