Energie

Das sind die weltweiten Folgen des Ölpreis-Verfalls

Der wichtigste Rohstoff der Welt wird immer billiger. Das hat Vorteile, birgt aber auch Gefahren. Über die Folgen des Ölpreisverfalls.

Ein Dieselpreis von 89,9 Cent – Von solchen Preisen wie dem hier vom 14. Januar in Hamburg konnten die Autofahrer lange nur träumen. Der niedrige Ölpreis macht’s möglich. Aber er hat auch negative Folgen.

Ein Dieselpreis von 89,9 Cent – Von solchen Preisen wie dem hier vom 14. Januar in Hamburg konnten die Autofahrer lange nur träumen. Der niedrige Ölpreis macht’s möglich. Aber er hat auch negative Folgen.

Foto: Markus Scholz / dpa

Berlin.  Allein am Freitag hat der Ölpreis mehr als sechs Prozent nachgegeben. Ein Fass der Nordseesorte Brent kostet weniger als 30 Dollar. Nicht nur Autofahrer können sich darüber freuen. Es gibt allerdings auch Risiken. Unsere Redaktion beantwortet die wichtigsten Fragen.

Wie stark ist der Ölpreis gefallen?

Noch im Sommer 2014 kostete die Nordseesorte Brent 115 Dollar pro Fass (159 Liter). Inzwischen ist der Preis des wichtigsten Rohstoffs der Welt unter 30 Dollar abgestürzt. Weil Öl weltweit gehandelt wird, ist der Preis auch in den USA und in Asien nahezu genauso stark gefallen wie in Europa.

Warum fällt der Ölpreis?

Derzeit übersteigt die weltweite Ölproduktion die Nachfrage deutlich. Die Lager füllen sich seit etwa eineinhalb Jahren kontinuierlich. 2015 lag der globale Verbrauch der US-Energiebehörde EIA zufolge bei 93,77 Millionen Fass pro Tag, die Förderung bei 95,71 Millionen Fass, 2014 war es noch umgekehrt. „Von der Mitte des vergangenen Jahrzehnts bis 2014 gab es einen weltweiten Rohstoffboom, ausgelöst insbesondere durch die steigende Nachfrage aus Asien. Das hatte enorme Investitionen in die Erschließung neuer Ölfelder zur Folge“, sagt Lars Ehrlich, Energieexperte des Hamburgischen Weltwirtschaftsinstituts (HWWI). Besonders in den USA hat sich durch Techniken wie Fracking das Angebot erhöht, aber auch im Nahen Osten und in Russland ist die Produktion gestiegen. Gleichzeitig läuft die Weltkonjunktur schlecht, was die Nachfrage derzeit bremst.

Welche Rolle spielt das Ölkartell Opec?

Saudi-Arabien entschied im Herbst 2014, trotz Überproduktion nicht weniger zu fördern. Das schickte den Ölpreis auf die beschleunigte Talfahrt. Steffen Bukold, Chef des Analysedienstes EnergyComment aus Hamburg, zufolge hatten viele Investoren erwartet, dass die Saudis wie oft zuvor den Ölhahn zudrehen würden, um den Preis zu stabilisieren. Das Land, der wichtigste Produzent des Ölkartells Opec, bleibt seither dabei. Die anderen Opec-Mitglieder sind nur bereit, weniger zu fördern, wenn Saudi-Arabien vorangeht.

Was steht hinter Saudi-Arabiens Strategie?

Die Gründe sind von außen nicht genau zu bestimmen. Beobachter spekulieren, dass das Land keine Marktanteile verlieren und die neuen Ölprojekte, die teurer fördern, dauerhaft abschrecken will. Saudi-Arabien hat die niedrigsten Förderkosten der Welt. Auch der Konflikt mit dem Erzrivalen Iran könnte eine Rolle spielen. Der Iran will seine Förderung nach dem Ende des UN-Embargos wieder ausweiten.

Kann der Ölpreis noch weiter fallen?

Eine genaue Prognose gleicht dem Blick in eine Glaskugel. Aber: „Wenn ein Preis von 30 Dollar möglich ist, warum sollen dann nicht 20 Dollar oder weniger möglich sein?“ fragt Energieexperte Bukold. Schließlich füllen sich die Lager derzeit weiter. Einige Bankanalysten halten sogar Öl für zehn Dollar pro Fass für denkbar. Denn die Nachfrage reagiert nur träge auf die niedrigen Preise und das Überangebot – genauso, wie sie sich zu Zeiten hoher Ölpreise kurzfristig kaum veränderte. Kaum jemand wird zum Beispiel das Wohnzimmer überheizen oder eine Extrafahrt mit dem Auto machen, nur weil Sprit günstiger ist.

Andererseits könnten die Ölpreise schnell wieder steigen, wenn sich etwa die Krise zwischen den beiden wichtigen Ölstaaten Iran und Saudi-Arabien zuspitzt. Und die Ölfirmen in den USA, die sich bislang erstaunlich resistent gezeigt haben, bekommen wegen der niedrigen Preise finanzielle Schwierigkeiten. Doch selbst wenn das Angebot knapper wird: Die Lager sind sehr voll. Allein in den Industriestaaten lagern derzeit rund drei Milliarden Fass Öl, wie Lars Ehrlich vom HWWI sagt. Das entspricht in etwa dem weltweiten Verbrauch für einen Monat.

Kommen die Preissenkungen bei den Verbrauchern an?

Ja. Heizöl, das nur relativ gering mit Steuern belastet ist, kostet derzeit nur noch gut 40 Cent pro Liter, deutlich weniger als die Hälfte des Preises vom Sommer 2014. Die Spritpreise sinken nicht so stark wie die Ölpreise, weil bei Benzin pro Liter allein schon die Mineralölsteuer 65,45 Cent beträgt, bei Diesel sind es 47,04 Cent. Hinzu kommt noch, abhängig vom Gesamtpreis, die Mehrwertsteuer. Dennoch sind die Spritpreise deutlich gefallen. So kostete Diesel dem ADAC zufolge am Donnerstag deutschlandweit im Schnitt 99,3 Cent, Benzin der Sorte E10 1,231 Euro. 2014 kostete Benzin im Schnitt rund 1,50 Euro. Für Deutschland, das Öl fast vollständig importieren muss, wirkt der niedrige Ölpreis wie eine Konjunkturspritze. „Wer weniger Geld fürs Tanken und Heizen braucht und fürs Sparen nicht belohnt wird, der gibt mehr Geld aus“, sagt der Präsident des Industrieverbandes BDI, Ulrich Grillo. Der BDI erwartet auch wegen des niedrigen Ölpreises ein Wirtschaftswachstum von knapp zwei Prozent für dieses Jahr.

Was bedeutet der niedrige Preis für die Ölexporteure?

Weitgehend vom Öl abhängig sind nur wenige Länder, die der Ölpreisverfall aber umso härter erwischt.

Venezuela: Die Staatsausgaben sind durch Sozialprogramme über Jahre stark gestiegen, die Einnahmen hängen aber fast vollständig am Ölexport. Präsident Nicólas Maduro rief gerade den Wirtschaftsnotstand aus.

Saudi-Arabien: Die Araber meldeten für 2015 ein Haushaltsdefizit von 15 Prozent der Wirtschaftsleistung. Der Ölpreisverfall lässt das Land noch tiefer ins Minus rutschen. Das Königshaus plant harte Reformen, was das autokratisch regierte Land destabilisieren könnte.

Nigeria: Die Afrikaner finanzieren ihre Staatsausgaben zu 75 Prozent über Öleinnahmen. Das von Religionskonflikten erschütterte Land will die Ausgaben stark kürzen.

Russland: Russland, zusätzlich belastet durch die Sanktionen wegen des Ukraine-Konflikts, spart bereits. Doch das Budget für 2016 basiert auf einem Ölpreis von 50 Dollar. Die Regierung geht von einem Defizit von umgerechnet 36 Milliarden Euro in diesem Jahr aus. Weil der Gaspreis dem Ölpreis folgt brechen weitere Einnahmen weg.

USA: Das Land ist der größte Ölförderer der Welt, allerdings auch der größte Verbraucher. Die Verbraucher in den Ballungszentren profitieren vom Ölpreisverfall, während in den ländlichen Ölförderregionen Einnahmen fehlen und die Arbeitslosigkeit steigt.

Wie viele Arbeitsplätze kostet der niedrige Ölpreis?

Die Aktien von Ölproduzenten fallen angesichts einbrechender Gewinne rasant, deshalb werden die Kosten so stark wie möglich gedrückt. Der britische Ölriese BP will 4000 Jobs in der Ölförderung streichen, fast ein Fünftel der Belegschaft in diesem Bereich. In den USA sind bereits 70.000 Jobs in der Ölindustrie weggefallen. Seit Sommer 2014 wurden rund 380 Milliarden Dollar Investitionen bei Ölgroßprojekten gestrichen. Allerdings werden weltweit auch Arbeitsplätze geschaffen. Das Geld, das die Verbraucher zusätzlich in der Tasche haben, kommt fast allen Wirtschaftszweigen zugute.